Veröffentlicht in Aufreger, Tierschutz

Wir reden uns alles schön…Euphemismen im Alltag

Die Sprache ist ein wunderbares Instrument, Informationen und Gefühle zu übermitteln. Sie kann die Massen bewegen, Stimmungen erzeugen, aufwiegeln oder betören.
Leider wird sie nur allzu oft dazu missbraucht, um dem unvoreingenommenen Zuhörer Lügen, Vorurteile und Propaganda einzutrichtern.

Die Verwendung von „Euphemismen“, Beschönigungen, ist nicht wirklich neu. Seit jeher teilten Despoten, Kaiser und Kirchenfürsten ihren Untertanen eher selten mit, dass diese ausgeraubt, benutzt und/oder versklavt würden. Eingängigere, freundlichere Begriffe, wie „Schutzherr“, „Ablass“ oder „ Zwangs- Christianisierung“ wurden stattdessen selbst für die schändlichsten Menschenrechtsverletzungen verwendet.

Im 3. Reich verfeinerte Reichspropaganda Minister Goebbels die perfide Kunst, für grauenhafte Vorgänge, beruhigende und positive Wortschöpfungen zu kreieren bis zur Perfektion.
Der für den neutralen Zuhörer zunächst einmal harmlos  klingende Begriff „Endlösung“ , ist der wohl schlimmste Euphemismus des 20. Jahrhunderts und ein hervorragendes Beispiel, wie man mittels Sprache ein schier unfassbares Verbrechen umetikettiert. In diesem Fall, die feige Ermordung Millionen unschuldiger Menschen.

Auch die Euphemismen der Neuzeit, wie „Entsorgungspark“ , ( Lagerstätte für hochradioaktiven Müll) , „Kollateral Schäden“ , (Todesopfer in der Zivilbevölkerung bei Kriegsangriffen ), oder „Minuswachstum „ (Rezession) , sind in meinen Augen Volksverdummung im Quadrat. Sie finden mittlerweile überall Verwendung und irgendwie hat man sich daran gewöhnt, wie an das „alternativlos „ mancher Politiker.

Richtig erschreckend finde ich jedoch, wie diese Manipulation gezielt eingesetzt wird, wenn es darum geht, tierquälerisches Handeln zu verschleiern,  wenn durch irreführende Bezeichnungen,  eigentlich negative Dinge im Umgang mit Tieren positiv oder harmlos erscheinen.
Da der Mensch eine natürliche Abneigung gegen Grausamkeit, Blutvergießen oder Tierquälerei in sich trägt, es sei denn, sie wurde ihm in jungen Jahren aberzogen, wurden Begriffe, die diesen Tatbestand beim Namen nennen, weitestgehend aus dem Sprachgebrauch verbannt.

Auf der Messe für Massentierhaltung wirbt die Agrarindustrie nicht für „Rupfmaschinen“ sondern mit Stichworten wie „Komfort- und Wellness“. Komfort heißt in diesem Fall, wieviel Plastik in den Stall gelegt wird und Wellness bedeutet, dass im „Abferkelstall“ (wo die Ferkel säugen ), die Muttersauen mit Metallbügeln fixiert werden.
Ein Schwein, „dem es richtig gut geht“ , also ein „glückliches Wellness Schwein „ , mit der prämierten Goldmedaille der DLG, bekommt 10 Gramm Stroh pro Tag zum Wühlen und Spielen. Wobei diese “ Wellness Schweine“ wahrscheinlich noch unterhaltsamer vor sich hinvegetieren, als die Kälbchen, die von der Mutterkuh getrennt, in einer sogenannten „Junior Suite“, einer engen Plastikbox , „residieren“ . Dort verbringen sie isoliert und auf engstem Raum ihre Tage, und wissen zum Glück nicht, wie verhöhnend die Bezeichnung „Suite“ für ihr armseliges Gefängnis ist.

Das wohlklingende „Tierschutzlabel“, eine Kooperation des Fleischriesen Vion und des Deutschen Tierschutzbunds erlaubt bis Ende 2015 weiterhin die Haltung von Schweinen auf Betonböden mit Spalten.
Keine Liegeflächen und kein Stroh für die Tiere und auch das schmerzhafte Kupieren der Schwänze ist nach wie vor erlaubt. Ich muss gestehen, dass ich mir bei allem Misstrauen unter dem Begriff „Tierschutzlabel“ etwas mehr „Wellness“ im Stall vorgestellt hätte. Aber Immerhin steht den Tieren „deutlich mehr Platz „ zu. Um genau zu sein, bedeutet „deutlich mehr Platz“  statt der gesetzlich vorgeschriebenen 0,75 Quadratmetern pro Tier,  nun etwa 1,1 Quadratmeter.

Aber auch im Pferdesport gibt es bemerkenswerte Euphemismen. „Hypersensibilität“ zum Beispiel, ist keine Bezeichnung für ein sensibles Pferd sondern ein Verfahren bei dem das Tier (vor allem an den Gliedmaßen) mit Substanzen behandelt wird, die sein Schmerzempfinden steigern, es also hypersensibel machen. Im Klartext, man sorgt dafür, dass es dem Pferd so richtig weh tut, wenn es die Beine beim Sprung an den Stangen anschlägt, und es hebt sie so beim nächsten Mal vielleicht höher.

Richtig malerisch wird es jedoch, wenn Jäger ihr blutiges Handwerk beschreiben.
Ziel dieser Jägersprache ist es, eine tiefgreifende Distanz zwischen Tier und Mensch zu schaffen, um den Tötungsakt bei der Jagd zu verharmlosen.
Zum Beispiel wird ein Reh nicht ins Visier genommen und erschossen, es wird „angesprochen“ und ihm wird die Kugel „angetragen“. Das tote Tier wird anschliessend nicht ausgeweidet sondern „aufgebrochen“ .
Füchse haben keine Jungen, sondern ein „Geheck“,  somit wird also nur ein „Geheck“ im Bau zurück bleiben,  wenn die Mutter abgeschossen wurde, was sich deutlich netter anhört, als  „verwaistes Fuchsbaby“.  Blut ist „Schweiss“, und ein angeschossenes Tier ist daher nicht verwundet sondern „angeschweisst“ und der Bauchschuss eines Rehs mit heraushängenden Eingeweiden ist ein „Waidwundes Stück Wild“, wobei „Opfer archaischen Brauchtums “ in diesem Fall vielleicht angebrachter wäre.

Ich denke,  die meisten Menschen brauchen diese Euphemismen,  nicht nur, wenn es um Massenhaltung, Dressur, Tierversuche, Zucht, Tötung , Jagd  oder Fleischverzehr geht.    Die Wahrheit, die ausgesprochene Wahrheit, wäre nur schwer zu ertragen.denn dann müsste man ja vielleicht etwas ändern…11696379_1019683588043006_7981581247403702374_o

Autor:

Bloggerin, Autorin und Tierschutz Aktivistin Frieden für Pfoten e.V.

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