Lifestyle, Seelenmarzipan

In einem Schloss zu wohnen …

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Da ich beruflich viel mit Immobilien zu tun habe und meine Schwäche für alte Gemäuer bekannt ist, werde  ich öfters mit Fragen rund um dieses Thema konfrontiert. Frei nach dem Motto :

„Ich hätte da eine ganz tolles Objekt im Auge . Meinst Du  nicht, aus diesem alten Bauernhaus/Burg/Schloss ließe sich mit ein paar kleineren Reparaturen und etwas Farbe, günstig ein echtes Schmuckstück zaubern? „

Ganz ehrlich? Nein, das meine ich nicht!  Denn meine wichtigste Faustregel für die Finanzierung einer denkmalgeschützten Immobilie lautet folgendermaßen:

Setze den höchsten Betrag an, den Du Dir irgend vorstellen könntest aufzubringen, selbst wenn er Dir gerade irrwitzig hoch erscheint. Und jetzt verdoppele ihn. Dann bist Du ungefähr bei den tatsächlichen Kosten des geplanten Vorhabens. Wenn Du Glück hast!

Wohnen und Leben hinter dicken, beschützenden Sandstein Mauern und Fachwerk Fassaden  hat etwas ganz Besonderes. Ganz gleich wie groß oder klein das Gebäude ist, für mich beginnt ein Haus erst Zuhause zu sein, wenn es mindestens 200 Jahre auf dem Buckel hat, gerne mehr. Aber alte Gemäuer machen nicht nur  süchtig sondern sehr oft auch arm.  🙂

Alte Häuser gleichen alten Diven. Sie sind einzigartig, aber teuer und anspruchsvoll in der Unterhaltung. Jedes hat seinen unverwechselbaren Charakter, seinen unverwechselbaren Geruch, anstrengende Eigenheiten und will sorgsam gepflegt und respektvoll behandelt werden, denn  sonst schlägt die Diva zurück…

Um gut mit diesen Diven aus Sandstein und Holz auszukommen, sollte man vor allem flexibel sein …und leidensfähig. Man sollte generell wenig Wert auf verzichtbaren Schnickschnack, wie warme Bäder, durchgängig verfügbares Fliessend- Wasser, Fußbodenheizung, Wohnkomfort oder  genügend Stromanschlüsse legen. Nicht die Wünsche des Eigentümers sondern die baulichen Vorgaben entscheiden, wie gewohnt wird und natürlich Statik und Denkmalschutz Auflagen.

Das bedeutet im Härtefall, dass selbst die Auswahl der Farbe für die Außenfassade, die Anzahl der Fensterläden oder ein simpler Wanddurchbruch zum Staatsakt werden, dass  alle verwendeten Materialien, selbst kleinste Veränderungen, behördlich abgenickt werden müssen. Brauchbare Baustoffe sind wesentlich teurer als die gängige Baumarktware und auf staatliche  Zuschüsse und steuerlichen Vorteile würde ich nicht zwingend setzen. Es sei denn, man hat vor, eine Kirche zu renovieren , dann könnte es klappen.

Nach drei Monaten ohne Dusche und nur zeitweise möglicher Toilettenbenutzung, gebe ich allen Bauherren in spe nun auch immer den Rat, unbedingt alle neu verlegten Leitungen im Rohbau zu fotografieren oder sich deren Verlauf vom Vorbesitzer erklären zu lassen. Alte Gebäude führen ein Eigenleben. Sie „arbeiten“. Da verrutscht schon einmal eine Rohrleitung und bricht, wenn sich Holz, Sandstein, Lehm und Gebälk im Einklang mit Witterung und Temperatur bewegen. Es hilft ungemein bei der Schadensfindung, wenn man eine vage Vorstellung davon hat, was sich hinter Wandvertäfelungen und Stuckdecken befindet, ehe man auf gut Glück bei der Suche nach lecken Rohren, undichten Leitungen oder Kurzschlüssen alles auseinanderlegt, nur um festzustellen, dass der Schaden doch woanders sitzen muss…

Holzfenster sind sehr malerisch aber brauchen regelmäßig einen frischen Anstrich. Teure Facharbeiter Stunden können sich jedoch die wenigsten Besitzer einer denkmalgeschützten Immobilie leisten. Siehe Oben. Sie sind meist bereits in der ersten Renovierungsphase am finanziellen Limit und ganz gleich ob Schloss oder Hexenhäuschen, die Renovierungsphase endet nie. Also beginnt man damit, die eigenen handwerklichen Fähigkeiten zu testen, was irgendwann von Erfolg gekrönt ist, denn mit der Zeit wiederholen sich alle nötigen Reparaturen. Der erste Rohrbruch ist der schlimmste. Ab dann wird es besser 🙂

Hat man die malerischen Sprossenfenster mühselig abgeschliffen und wetterfest gestrichen, wartet bereits die verrostete Dachrinne und sind alle spröden Dachziegel ausgetauscht und das Gebälk trocken gelegt, erinnert ein dunkler Fleck im Gewölbe Keller daran, dass endlich die letzten Bleirohre  ausgetauscht werden müssen.

Manchmal wundere ich mich, warum es noch keine Selbsthilfegruppe für traumatisierte Schloss- und Hexenhaus Besitzer gibt, wo man sich in trauter Runde über den letzten Super Gau an Gebäudeschäden austauschen kann und wo man auf Verständnis hoffen darf, wenn man bei dem Wort „Holzwurm“ oder „Rohrbruch“ unvermittelt in Tränen ausbricht.  😉

Wer in einem alten Gebäude lebt sollte tierlieb sein, denn zwischen Sandsteinen und alten Dachböden wohnt man nie allein. Spinnen, Ratten und Marder im Kellergewölbe, Holzwürmer, Fledermäuse und Tauben im Dachstuhl und dazwischen jede Menge Mäuse. Viele Mäuse! Irgendwo raschelt und knackt es immer. Irgendwer knabbert immer gerade irgendetwas an.

Aber man gewöhnt sich daran. Mit den Jahren kommt einem dann jedes „normale“ Haus tot und viel zu still vor, denn es fehlt das allgegenwärtige Rascheln der unsichtbaren Mitbewohner, das  leise Knarzen des Gebälks und das Säuseln des Windes zwischen undichten Ziegeln im Dachstuhl. Ist man erst an die vielen Schwellen und Stufen, an krumme Wände, Risse, Erker und Dachschrägen gewöhnt, erscheinen alle Neubauten langweilig und schmucklos. Hat man sein Herz erst einmal an ein altes Gemäuer verloren, gibt es kein Zurück mehr.

Wenn ich wieder einmal entnervt im eiskalten Gewölbe Keller im Schein einer Taschenlampe mit klammen Fingern nach heraus gesprungenen Sicherungen suche und mir dabei zum zigsten Mal die Frage stelle, ob es wirklich eine so tolle Idee war, in ein Haus zu ziehen, das kurz nach der Erfindung des Rads erbaut wurde,…  im Winter frieren, im Sommer reparieren,… ein Haus in dem ständig irgendetwas kaputt ist und erneuert werden muss, das ich nicht besitze, sondern das mich besitzt …

…dann werfe ich einen Blick auf die ausgetretenen Sandstein Stufen, die kunstvollen Deckengewölbe aus Bruchstein, die seit Jahrhunderten auch ohne Mörtel und Zement zuverlässig das Gewicht des gesamten Hauses tragen. Ich fahre mit den Händen über die vertrauten  Quadersteine, für mich fühlen sie sich fast lebendig an, und denke, ach was solls, ich hatte schon schlechtere Ideen, auch wenn ich ursprünglich etwas mehr Burgfräulein  und etwas weniger Trümmerfrau im Sinn gehabt hatte.

4 thoughts on “In einem Schloss zu wohnen …”

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