Seelen Schokolade

37 Stufen

Eigentlich ist eine defekte Sicherung der Grund, warum mir die letzten Tage in vielerlei Hinsicht ein Licht aufging. Es war eine Sicherung im Keller, deren Ausfall am späten Abend alles lahm legte und die ich auswechseln wollte.

Mit traumwandlerischer Sicherheit fand ich den Weg ins Kellergewölbe, tastete mich zur Orientierung im Dunkeln an den Steinquadern der steilen Kellertreppe entlang und verfehlte dann dummerweise doch die letzte Stufe, ich hatte mich wohl verzählt. Es kam zu einer unfreiwilligen akrobatischen Einlage, die mich einige Bänder am Fuß kostete und meine Selbständigkeit. Peng. Einfach so.

Was in einem „normalen“ Haus und mit ganztägiger Versorgung nur eine unangenehme Phase gewesen wäre, wurde in einem 3 stöckigen Altbau zur Katastrophe. 37 Stufen trennen mich seither von jeder Tasse Tee, vom Kühlschrank, einem wohltuenden Kühlpack, TV oder frischer Wäsche. 37 Stufen um der jammernden Katze eine  Portion Katzenfutter zu bereiten oder um eine Nase frische Luft zu schnappen, wenn ich das Gefühl habe, ich würde verrückt, zur Untätigkeit verdammt auf meinem Bett.

Genau zu dieser Zeit hatte das Universum wohl beschlossen, meine Belastbarkeit einer gründlichen Testung zu unterziehen. Mein Vater erkrankte im Urlaub plötzlich schwer, alle verfügbaren Familienmitglieder, auch meine Tochter, die mich bislang versorgt hatte, reisten an, ihm und meiner Mutter  beizustehen.

Ich konnte nur aus der Ferne verfolgen, wie es ihm beständig schlechter ging und verbrachte den Rest des Tages , nachdem ich telefonisch von seinem Tod erfahren hatte, allein auf besagtem Bett.

Ich starrte an die Decke  und verfluchte meine Hilflosigkeit, die mir nicht erlaubt hatte, bei ihm zu sein, die jetzt nicht einmal einen Spaziergang oder einen ordentlichen Schluck irgendeines Trostwässerchens möglich machte.

37  unüberwindliche Stufen und mein Stolz, jemanden anzurufen und um Beistand zu bitten, haben das verhindert. Zumindest das Trostbesäufnis. Spaziergang wäre auch mit Unterstützung unmöglich gewesen.

Ich denke, wir alle neigen dazu, bei vielen Dingen nicht so genau hinsehen zu wollen, besonders bei den Dingen, die unangenehm und schmerzhaft sind. Wir lenken uns ab, durch Arbeit, Vergnügungen, bürden uns lieber Pflichten auf oder konzentrieren uns auf irgendetwas völlig Unwesentliches, aber vermeiden meist ganz geschickt die Auseinandersetzung mit den Großbaustellen unseres Lebens.

Wenn diese Ablenkung wegfällt, wenn gewohnte Abläufe nicht mehr funktionieren, dann wird der Blick klarer und für mich kann ich nur resümieren, dass ich nie vergessen werde,  wie es sich anfühlt, völlig auf andere angewiesen zu sein,  wie es sich anfühlt, nicht Abschied nehmen zu können,  und dass ich nicht vergessen werde, wer in diesen Tagen was für mich getan hat, wer was zu mir gesagt hat,   als ich verletzlich war, wie nie zuvor. … wer mir Trost zugesprochen hat,  wer für mich da war, …und auch, wer nicht .

Ich werde nie vergessen, dass am Nachmittag des besagten Tages überraschend zwei liebe Freundinnen bei mir vorbei kamen (obwohl ich jedem gesagt hatte, ich will niemanden sehen) , die sich mitten im Chaos aus Papiertaschentüchern und Essensresten neben mich ans Bett setzten , mich weinen und erzählen ließen.

Ich bin unendlich dankbar für die  Freunde , die trotz meiner Versicherung, niemand zu brauchen,  Zeit hatten,  mich zum Arzt zu fahren, Obst oder Blumen vorbei zu bringen, einen Mülleimer zu leeren,  liebe Nachrichten zu schreiben , mir Suppe zu kochen oder etwas einzukaufen.

Ganz sicher werde ich  ab jetzt nicht mehr vergessen, welches Geschenk es ist, beweglich und unabhängig zu sein, Auto fahren zu können, Treppen zu überwinden und anderen helfen zu dürfen, kommen und gehen, wann immer ich das möchte und wie toll es ist, eine Tochter zu haben, die alles stehen und liegen lässt, um mir beizustehen, die nicht nur für mich sondern auch anstatt meiner einspringt. ❤

37 Stufen haben mir nachhaltig demonstriert,  was für unglaublich überflüssige Dinge mich oft im Haus beschäftigt haben, dass das bereits begonnene „Rama dama“ noch auf viele Bereiche ausgedehnt werden muss, sobald  die Krücken wieder auf dem Dachboden lagern, die vertrockneten Blumentöpfe entsorgt, die Wäscheberge bewältigt und die Vorräte wieder aufgefüllt sind.

37 Stufen waren letztlich auch ein Geschenk, denn sie haben mich dazu gezwungen,  die Stunden und den Schmerz,  vor denen ich mich  mein ganzes Leben gefürchtet hatte, allein und ohne die kleinste Ablenkung zu durchleben und das war gut so.

Es war ein Abschied, der nur uns beiden gehört hat. Meinem Vater und mir.<3

Papa.jpg

 

 

 

 

 

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