Seelen Schokolade, Syrien

Salem Aleikum – Grüß Gott in Bayern :-)

Wenn es darum geht, einen Grund zum Feiern zu finden und das Haus festlich zu dekorieren, bediene mich gern großzügig bei allen Kulturkreisen.

Ostern zum Beispiel, war einst ein heidnisches Fest zu Ehren der Göttin Ostara, lange bevor es von den Christen als „Ostern“ übernommen wurde. Ich feiere an diesen Tagen die Rückkehr des Lichts, die unbezwingbare Macht der Natur und das wunderbare Geschenk des Frühlings. Dazu benötige ich weder Menschen- noch Tieropfer, kein geschlachtetes Lamm, nicht einmal Ostereier von geschundenen Hennen sondern Blumen, Schokolade, gutes Essen, Kerzen und …ganz wichtig …liebe Menschen.

In diesem Jahr sollten es ganz besonders schöne Ostertage werden, endlich war Zeit und Gelegenheit, meine syrische Freundin zum ersten mal zu mir nach Hause einzuladen, die ich über meine Arbeit für Frieden für Pfoten (Tierschutz in Krisengebieten) kennengelernt hatte. Endlich wollten wir Zeit miteinander verbringen, uns noch besser kennen lernen und ich freute mich wie ein Schneekönig auf diese Begegnung.

Bereits Tage vorher wirbelte ich aufgeregt und voller Vorfreude durch das Haus, kaufte ein, dekorierte, plante…und war auch ein klein wenig nervös, ob unser Zusammentreffen die Kluft zwischen Generationen, Religionen und Kulturkreisen genauso spielend überwinden würde, ob wir uns genauso verbunden fühlen würden, wie wir das beim Schreiben via Social Media bereits seit Monaten taten. Am Karfreitag war es dann so weit, als sie am Bahnhof unseres winzigen Örtchens aus dem Zug stieg und ich endlich sagen konnte :

Salem Aleikum…Grüß Gott, in Bayern, liebe Freundin ❤

Ich wusste bereits, dass sie Regen und Schnee liebt, Tiere und Natur, Katzen und Musik. Ich wusste, dass sie eine leidenschaftliche Köchin ist, interessiert an Politik, Geographie und Biologie, …  mutig und tapfer. Jetzt wollte ich gern den Rest von ihr kennen lernen, und ihr einen kleinen Eindruck vermitteln, wie „normales Leben“ in Bayern aussehen kann,  (ich schreibe bewusst Bayern 🙂 ) jenseits von Notunterkünften, Fremdenfeindlichkeit und Vorurteilen, und ich wollte mehr über ihre Kultur erfahren, verstehen was sie denkt aber vor allem natürlich wollten wir zusammen Spass haben …und den hatten wir reichlich :-).

Ich fragte ihr Löcher in den Bauch, zum Beispiel , warum sie nach wie vor Hijab (das Tuch das Kopf und Hals und Haare bedeckt) trägt, obwohl sie das meiner Meinung nach doch gar nicht mehr muss und sie niemand mehr dazu zwingt. Sie erklärte geduldig, dass es ihre alleinige Entscheidung war, diese Kopfbedeckung zu tragen und eine Glaubensfrage, für sie so wichtig, wie für manche Christen der Kirchgang, dass man den Hijab nicht nach Laune trägt sondern immer oder gar nicht. Sie erläuterte, wie sie und die allermeisten ihrer Landsleute den Koran verstehen und ihren Glauben leben…oder auch nicht…dass beides völlig in Ordnung ist und dass in Syrien tolerant akzeptiert wird, was in Saudi Arabien ein Todesurteil bedeuten würde.

Es war sehr spannend zu erfahren, was ein Flüchtling aus Syrien über unsere planlose Flüchtlingspolitik nach dem Gießkannenprinzip  denkt, (es deckt sich mit meiner Meinung und ist wenig schmeichelnd für unsere Regierung .)  Es war erschütternd zu hören, was sie und ihre Familie bereits alles durchleben mussten, was Bürgerkrieg, IS und Flucht im Detail an Brutalität und Grausamkeit für die  Menschen aus Syrien bedeuten (wir weinten beide) .Es war deprimierend zu erfahren, wie schrecklich es sich für sie anfühlt, vor Terror und Angst zu fliehen, und nun ungerechterweise selbst für Terror und Angst verantwortlich gemacht zu werden, sie beständig das Gefühl hat, sich für Dinge entschuldigen zu müssen, die sie nicht zu verantworten hat (ich war wieder einmal ärgerlich über meine Landsleute, die nicht oder viel zu wenig differenzieren und alle Flüchtlinge in einen Topf werfen).

Sie erklärte mir am Beispiel ihrer Familie so viel über das Leben in Syrien, dem Land, das wir fast alle nur aus den Medien kennen, und ich muss gestehen, es waren auch in meinem Kopf noch zwei, drei Vorurteile, für die ich mich jetzt ein wenig schäme. Ich versuchte im Gegenzug zu erklären, warum so viele Menschen in Deutschland und Europa ein verzerrtes Bild von den Zusammenhängen in ihrer Heimat haben und zeigte ihr ein paar Videos. Unter anderem auch das, von der widerlichen Predigt über das „Korrekte Schlagen von Frauen“,  das in einer Berliner Moschee aufgezeichnet wurde und wir regten uns beide darüber auf, dass solchen dubiosen Predigern der Aufenthalt in Deutschland erlaubt ist.

Da Noor für ihr Leben gerne kocht und sie unser Ostermenü selbst zubereiten wollte, gingen wir am Samstag zusammen Lebensmittel einkaufen. Über eine Stunde waren wir im Supermarkt unterwegs, so viele Fragen, so viele Lebensmittel, deren Zutaten sie interessierten oder deren Verwendungszweck in der Küche ihr nicht ganz klar war. Anschließend bummelten wir über den Wochenmarkt und durch die Einkaufsstraße der benachbarten Kleinstadt und nutzten die Sonnenstrahlen für den ersten Espresso im Freien in diesem Jahr. Bayern zeigte sich von seiner schönsten Seite, Sonnenschein, malerische Umgebung und…Frieden ❤

Noor, stellte erfreut fest, wie wunderbar es sich anfühlt, dass man ihr hier antwortet, wenn sie eine Frage stellt dass die Leute lächeln, wenn sie mit ihr reden, und ich war glücklich über die Freundlichkeit und Höflichkeit, die man meiner Freundin überall entgegenbrachte , im Zug, in jedem Geschäft und auf der Straße. Wir beide kannten das auch ganz anders…

Das Ostermenü , das sie am Abend zubereitete war eine kulinarische Offenbarung. Während Noor Gemüse schnippelte und Gewürze mischte, sass ich mit einem Glas Wein am Küchentisch, und wir spielten Deutsch-Englisch-Arabisches Begriffe raten. Schneebesen und Knoblauchpresse musste schließlich Google Translator lösen und wir kicherten noch beim Essen über unsere kreativen Wortschöpfungen. Die Zeit verging wie im Fug und „Bridget Jones“  im Englischen Original und mit arabischen Untertiteln versehen, war dann der entspannte und lustige Abschluss eines wunderschönen Tages.

Osternblog1

Als wir uns nach drei wunderbaren Tagen heute am Bahnhof verabschiedeten, hätte es noch 1000 Dinge gegeben, die ich ihr noch gerne gezeigt hätte und über die ich noch gerne mit ihr gesprochen hätte. Es war so interessant, offen mit ihr über Religionsfragen und kulturelle Unterschiede zu diskutieren, mehr über die Geschichte ihres Landes zu erfahren. Es hat so viel Freude gemacht, zu sehen, wie sie Dinge genießen kann, die für mich selbstverständlich sind und die ich auf diese Weise auch wieder mehr wertschätzen lernte…

Aber vor allem war es einfach nur wunderschön, zusammen mit ihr „Die  Rückkehr des Lichts, die unbezwingbare Macht der Natur und das wunderbare Geschenk des Frühlings“ zu feiern , unsere Freundschaft …und Ostern 🙂  .

Noor und Bettina

3 thoughts on “Salem Aleikum – Grüß Gott in Bayern :-)”

  1. „… lange bevor es von den Christen als “Ostern” übernommen wurde.“
    Du meinst wohl: „geklaut wurde!“
    Wie übrigens andere Feiertage auch!

    Aber zur Sache. Ich freue mich für euch beide, dass ihr einen so schönen Ostertag zusammen verbringen konntet. 🙂

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  2. Ich bin halt immer für die ungeschminkte Wahrheit.
    Warum soll man etwas beschönigen, was nicht in Ordnung ist. Genau dadurch sind dieser, und andere christliche Diebstähle ja legitim geworden.
    Am Schluss wird das Abfackeln von Flüchtlingsheimen auch noch legitim, wenn man es nur lange genug beschönigt. Aber nicht mit mir. Wehret den Anfängen.

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