Aufreger, Lifestyle

Jede Jeans hat ein schmutziges Vorleben

Kaum ein Kleidungsstück wird so heiß geliebt, wie die Jeans. Etwa drei Milliarden dieser modischen Allrounder gehen weltweit pro Jahr über den Ladentresen. Ich habe meine allererste Wrangler  vom ersparten Taschengeld gekauft, mich damit in die Badewanne gelegt, damit sie auch wirklich eng genug saß, habe sie bemalt, bestickt, zerschlissen und geliebt. Seither gab es unzählige Nachfolger und immer war ich der Meinung, nicht nur ein modisches sondern auch ein umweltfreundliches Kleidungsstück zu tragen. Dabei hinterlassen die allseits beliebten und eher mit einem Öko Image behafteten Hosen eine ziemlich hässliche Schmutzspur in der Ökobilanz.

Beeindruckende 3 Pfund Chemikalien stecken rechnerisch in jeder einzelnen Jeans, bis sie optisch auf den gewünschten Look getrimmt im Kleiderschrank hängt. Der Preis sagt wenig darüber aus, unter welchen Bedingungen die Hosen produziert wurden. Ob man sie im Discounter für 20 oder in der Boutique für 200 Euro ersteht, hergestellt werden die Denims alle überwiegend in China, Pakistan, Mexiko oder in der Türkei, alle hatten reichlich Kontakt mit chemischen Mitteln, die, wenn schon nicht auf der Haut des zukünftigen Trägers, dann doch in den Gewässern um die produzierenden Fabriken landen.

Für die typische Indigo Tönung wird zunächst mit Schwefelfarbstoffen gefärbt. Damit sich die Farbstoffe bleibend auf die Baumwollfasern legen und sich die gewünschte dunkelblaue Farbe entfalten kann, muss ein Reduktionsmittel zugefügt werden. Dazu benötigt man Natriumsulfid, das Salz des Schwefelwasserstoffes, es ist nicht nur stark ätzend sondern auch giftig.

Wenn die Hose in bunten Farben leuchten soll, muss erst mit chlorhaltigen Chemikalien gebleicht werden, anschließend werden beim eigentlichen Färbeprozess neben Substanzen, die gleichmäßige Färbung garantieren auch noch Farbbeschleuniger zum Chemiecocktail  hinzu gefügt. Dazwischen werden die Textilien mehrfach gewaschen, all die Weichmacher, Bleichmittel, Lösungsmittel, und Schwermetalle in das nächste Gewässer gespült. Pro Kilo Baumwolle benötigt man alleine beim Färbeprozess ca 100 Gramm Chemikalien.

Um den begehrten Used Look zu erhalten, kann man eine Jeans entweder so lange tragen, bis die Farben verblichen und der Stoff samtig weich gescheuert ist, oder man kauft ihn funkelnagelneu von der Stange. Es gibt neben Bleichmethoden mittels Ozon oder Bimsstein nach wie vor drei gängige und sehr unschöne Methoden die Used Optik künstlich zu erzeugen: Sandstrahlen, mit hauchfeinem Sand, der allerdings auch Augen und Lungen der Fabrikarbeiter in Mitleidenschaft zieht, Anwendung von Kaliumpermanganat, effektiv aber ätzend und hochgiftig oder das Einweichen in Chlorbleichlauge, ebenfalls  ätzend und giftig.

Wenn man diese zugegebenermaßen hübsch bunte Chemiebrühe in Seen oder Flüsse leitet, sterben Kleintiere und auch Fische. In Fernost nimmt man es  (noch) nicht so genau mit Umweltauflagen, daher wurde die Produktion des allseits beliebten Klassikers fast komplett dahin verlagert, wo nicht nur billige Löhne sondern auch lasche oder gar nicht vorhandene Auflagen möglichst satte Gewinne versprechen. Aber auch in Mexiko, einem weiteren wichtigen Jeanslieferanten, sind bereits 70 Prozent aller Frischwasserreserven verseucht. Dafür zeichnen natürlich nicht nur die Jeansfabriken verantwortlich, aber sie tragen maßgeblich dazu bei.

Leider ist auch der Stoff aus dem meine Jeansträume sind, die Baumwolle, weit davon entfernt, umweltfreundlich zu sein. Die beliebte Naturfaser stellt in vielen Anbaugebieten eine Gefahr für die Umwelt dar.  Baumwolle braucht zum wachsen jede Menge Wasser und wird sehr oft künstlich bewässert. Flüsse und Seen trocknen aus, der Grundwasserspiegel sinkt dramatisch und die Ackerböden versalzen. Auch der hohe Einsatz von Pestiziden der benötigt wird, um die Baumwollernte vor Schädlingen zu schützen ist mehr als problematisch. Obwohl nur auf etwa zwei Prozent aller Ackerflächen Baumwolle angebaut wird, landen rund ein Viertel der ausgebrachten Pflanzengifte auf  dieser Pflanze.

Es sind tödliche Gifte, Wachstumsregulatoren, Entlaubungsmittel und Herbizide und erschwerend kommt hinzu, dass viele Insekten bereits resistent gegen diese Mittel sind und  die Baumwollbauern immer mehr und immer giftigere Substanzen auf die Felder bringen müssen, um Erträge zu erzielen.Eine Langzeitstudie in Indien hat übrigens gezeigt, dass Biobaumwolle, die ohne Gifte und Stickstoffdünger auskommt, unter dem Strich genauso viel Profit abwirft, wie die konventioneller Hersteller. Die Erträge lagen zwar ohne Gift unter denen, der Konkurrenz allerdings brauchten die Bauern fast 40 Prozent weniger Chemikalien und diese Einsparung glich den Verlust bei der Ernte wieder aus. Leider hat sich diese Studie noch wenig herumgesprochen und der Prozentsatz der ökologisch bewirtschafteten Baumwollplantagen ist minimal.

Wer nun nur noch Bio Baumwolle kaufen möchte, wird schnell feststellen, dass dies gar nicht so einfach ist. Anders als bei den Lebensmitteln gelten für Textilien nämlich keine Vorschriften für die korrekte Bezeichnung. Bio ist in diesem Sektor weder hinreichend definiert noch geschützt.

Keine Jeans ist jedoch auch keine Lösung. Viel besser wäre es,auf gute Qualität zu achten und  jenseits von Markenfetischismus und Modediktatur alle Kleidungsstücke, auch die Jeans, so lange zu tragen, bis keine Schönheitsreparatur mehr möglich ist.

Barbie ist wirklich die Einzige, die vier komplett neue Modekollektionen pro Jahr benötigt. Für alle anderen gilt, weniger ist mehr und unter uns…ein Kenner sieht auf den ersten Blick ob der „Used Look“ Fake ist oder „old school“…und nur Letzteres ist wirklich cool :-).

Wer sich für dieses Thema interessiert:

Heike Holdinghausen hat alle im Artikel genannten Fakten und vieles, vieles mehr über die Hintergründe der Textilindustrie in ihrem Buch „Dreimal Anziehen weg damit“ (Westend Verlag)  zusammengetragen. Sehr spannend, sehr schockierend und sehr lesenswert!

 

9 thoughts on “Jede Jeans hat ein schmutziges Vorleben”

  1. Guter Artikel 😉
    Ich bin schon vor Jahren dazu übergegangen, eine Jeans zu verwenden, bis zum Gehtnichtmehr. Das letzte Stadium ist dann entweder Arbeitshose im Sinne von Malern oder Gartenarbeit oder abgeschnitten als Sommer-/Radlerhose.
    Eine Jeans hat bei mir eine Lebenszeit von ca. 5 Jahren.
    Es wird nicht gelingen, Chemie zu vermeiden; aber sie um 3/4 zu reduzieren, wenn man nur so viel davon sich zulegt, wie absolut nötig, das wär doch auch schon ein riesen Erfolg

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  2. Danke wieder einmal für diesen tollen Artikel. Die fiesen Bedingungen der Herstellung sind mir schon seit vielen Jahren bekannt. Da ich persönlich finde, dass Jeans immer besser aussehen, je älter sie sind, und seit 30 Jahren die gleiche Kleidergröße habe, sind meine ältesten Hosen auch zwischen 20 und 30 Jahren alt – nur die „Karottenjeans“ habe ich aussortiert. Schlaghose, Röhre und alles mag ich immer noch und sie sind ja auch immer mal wieder modern. Die ältesten sind mit ihrem Destroy-Look seit letztem Jahr ja auch wieder voll in. Auch, wenn ich die eher im Garten trage.

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  3. Destroy Look…kannte ich noch gar nicht…:-), na dann sind ja einige meiner Lieblingsstücke wieder voll im Trend. Übrigens war mir bisher nicht so deutlich bewusst, in welchem Ausmass Bekleidung die Umwelt in Mitleidenschaft zieht, ich hatte mich stets nur auf Tierleid in der Modeindustrie konzentriert. Liebe Grüße ❤

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