Aufreger

Allein unter Ärzten…unser Gesundheitssystem ist krank!

Im Jahr 2014 wurden insgesamt 328 Milliarden Euro für Gesundheit in Deutschland ausgegeben. In diesem Jahr werden es sicher noch deutlich mehr sein und nicht nur ich sondern viele betroffene Patienten fragen sich, wohin dieses Geld versickert und wer ein System kontrolliert und plant, das trotz der immensen Summen nach wie vor erbärmliche Mängel aufweist.

Limitiert-Budgetiert-Reglementiert
 Ärzte erhalten für einen Patienten pro Quartal das gleiche (erschreckend geringe!) Honorar. Egal, ob der Patient einmal oder mehrmals  zur Behandlung kommt und wie viel Zeit sich der Arzt nimmt.
Für ein ausführliches Beratungsgespräch bekommt er nicht mehr Geld, als für ein kurzes , auch wenn es vielleicht viel zu erklären und zu besprechen gäbe. Nimmt er sich mehr Zeit oder veranlasst Untersuchungen, die sein aufgezwungenes Budget überschreiten, wird er dafür abgestraft und muss die Mehrkosten aus eigener Tasche zahlen.

Unsere Medizin ist bestens ausgerüstet, wir verfügen über ausgezeichnete und qualifizierte Behandler. Leider ist die Mehrzahl dieser Behandler streng auf das eigene Fachgebiet fokussiert, Termine bei ihnen sind schwer erhältlich und oft mit langen Wartezeiten verbunden. Ganzheitliche Medizin ist Mangelware, denn untersucht werden jeweils nur Teilbereiche des menschlichen Köpers. Sitzt man dann endlich einem dieser Spezialisten gegenüber ist es daher reine Glückssache, den Zuständigen gefunden zu haben.

Überspitzt formuliert, könnte man mit einem Pfeil im Rücken beim Gynäkologen über Schmerzen in der Brust klagen oder mit einer Kugel im Kopf dem Augenarzt Sehbeschwerden schildern, beide würden die (streng budgetierten und zeitlich eng getakteten) Standard Untersuchungen ihres Fachgebietes gewissenhaft  vornehmen und dann versichern, das alles Bestens sei…mit Brust und Auge.

Mit etwas Glück gibt es dann vom Hausarzt eine weitere Überweisung, weitere Anfahrten, Wartezeiten und Untersuchungen…mit etwas Pech die dringende Empfehlung, Psychopharmaka gegen diese Beschwerden einzunehmen, denn die Befunde waren ja laut konsultiertem Facharzt alle in Ordnung, es muss also „psychosomatisch“ sein.

Psychopharmaka werden wahllos verordnet

Laut  Arzneiverordnungsreport 2014  verschrieben Ärzte in Deutschland Anfang der Neunzigerjahre 200 Millionen Tagesdosen Antidepressiva.  2013 waren es bereits 1,4 Milliarden Tagesdosen und in mehr als der Hälfte der Fälle wurden diese Verordnungen von Allgemein- oder Hausärzten ausgestellt. Sollten wir mittlerweile nicht zu einem Volk der psychisch Kranken mutiert sein, darf angezweifelt werden, ob dieser rasante Anstieg der Verordnungen gerechtfertigt ist.

Psychopharmaka wurden übrigens auch mir angedient, als ich 5 Jahre lang mit quälenden Rückenschmerzen von Arzt zu Arzt, von Fachmann zu Fachmann wanderte. Man sagte mir, ich wäre gesund, sollte mich durch die gängigen Antidepressiva probieren und entspannen. Ich lehnte dankend ab und hatte Jahre später das Glück einen Kardiologen zu finden, der bei der Routine Untersuchung (mittlerweile hatte ich auch Herzrasen vor Schmerzen) nicht nur das Herz sondern auch die Nieren schallte und der mir so die dringend nötige Nieren OP und komplette Schmerzfreiheit ermöglichte. Eine gestaute Niere hätte sich mit Psychopharmaka nur bedingt therapieren lassen.

Krankenhäuser  werden von Ärzten eher gemieden!

Im Zuge dieser Behandlung lernte ich unsere Krankenhäuser, die nicht nur in ihren Kellern und Fluren allzu oft noch wie verhasste Bau-Relikte aus den 60er Jahren aussehen, besser kennen, als mir lieb war. Gäbe es einen Preis für unpraktische und deprimierende Bauweise könnten die meisten unserer Krankenhäuser unendlich punkten. Aber auch die organisatorischen Abläufe, der Zeitdruck und der Personalmangel lassen Raum für viele Fehler.

Die Erfahrung hat mich gelehrt, jede Verordnung, jede Maßnahme in einem Krankenhaus zu hinterfragen. Als ich mich einmal weigerte, die am Bett bereit gestellten Pillen  zu schlucken, weil mir niemand sagen konnte, weshalb sie verordnet wurden und welche Wirkstoffe sie enthalten, gab es zunächst große Verärgerung beim pflegerischen Personal. Letztendlich stellte sich heraus, dass diese Medikamente versehentlich vom Vorgänger zurück geblieben waren und für meinen Fall nicht nur überflüssig sondern auch sehr schädlich gewesen wären.

Es wird seinen Grund haben, warum die OP Rate unter den Medizinern erstaunlich niedrig ist, im Vergleich zu anderen Patientengruppen!

Ob Leistenbrüche, Gallensteine oder künstliche Hüftgelenke, Mediziner und auch deren Angehörige zögern, wenn sie selbst unters Messer sollen und ihre Impfquote ist statistisch gesehen auch nicht besonders hoch. Für sie selbst gelten offenbar andere Kriterien als für ihre Patienten. Ich vermute, das liegt daran, weil sie nur zu gut wissen, welche Risiken die Medizin Akkord Fabriken bergen und diese,  der Gesundheit wenig förderliche Umgebung meiden, wo immer es geht.

Menschenunwürdige Abläufe

Warum muss man bei einem Prozedere wie den bildgebenden Untersuchungen, das den meisten Patienten von Haus aus Angst einflößt, durch graue, schmucklose, enge und verwinkelte Korridore irren, die irgendwo im UG enden?

Dort wartet man auf billigen Plastikstühlen oft lange Stunden,  kein Tageslicht, auf dem Tisch die zerfledderte und schmuddlige TV Zeitung des letzten Monats und weit und breit keine Toilette. Vielleicht hätte jemand den Planern erzählen sollen, dass die Kontrastmittel die bei vielen Untersuchungen verwendet werden, reichliches Trinken erforderlich machen und es nicht jedermanns Sache ist, teilweise sogar vom Krankenbett aus, durch die Hallen bis zur nächsten Toilette zu irren.

Bei meinen zahlreichen Besuchen als Patient oder Begleitung in einer dieser feudalen Röntgenabteilungen kam es nicht selten vor, dass ich mangels anwesender Pflegekräfte einem der dort zur Untersuchung abgestellten frisch operierten Krankenhaus Patienten zur nächsten Toilette half oder einfach etwas Trost zusprach.

Es ist einer meiner größten Albträume, selbst einmal in einem dieser Betten zu liegen…im Keller eines Krankenhauses, allein, mit Schmerzen und Angst…am Körper Drainagen und Infusionen…und weit und breit kein Pflegepersonal deren Dienstplan Zeit für mich erlaubt, dafür wildfremde Menschen, die mich neugierig mustern und alle meine Körperfunktionen miterleben .

Dieser Albtraum ist bedingt durch die organisatorischen und räumlichen Abläufe Standard und tägliche Realität für viele Patienten in unseren Krankenhäusern.

Unsere Pflegekräfte, die eine der wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft erfüllen, und auch viele der angestellten Ärzte werden schlecht bezahlt, ausgenutzt und in endlos Schichten verheizt. Oben geschilderte Erfahrungen sind auch Folge der beständigen Einsparungen, der straffen Dienstpläne und der allgemeinen Geringschätzung von menschlicher Zuwendung in pflegerischen Berufen. Die personellen Einsparungen der letzten Jahre blieben nicht ohne Folgen!

Als ich kürzlich bei einem Besuch in der Radiologie eines großen Krankenhauses trotz eines Termines 2 Stunden im schäbigen Flur  wartete

…als ich dabei ungewollt sämtliche Aufklärungsgespräche, die geplanten Untersuchungsmethoden und auch die geäußerten Ängste meiner Mitpatienten mangels vorhandener Privatsphäre zwangsläufig mithören musste

…als ich mich im Dschungel der verwinkelten und schlecht beschilderten Korridore verirrte, auf der Suche nach der nächsten Toilette für einen alten Herrn, den ich dorthin begleitete, weil er mit seinem Krankenbett abgestellt worden war und dann hilflos sich selbst überlassen wurde,

…als ich in der winzigen, fensterlosen Kabine vor dem MRT weiter 30 Minuten ausharrte und sich so meine Platzangst schon austobte, ehe die Untersuchung begann

…als ich vergeblich darauf wartete, dass die MRT Assistentin mir etwas Hilfestellung gab, indem sie mir von Zeit zu Zeit via Lautsprecher erzählt hätte, wie lange es noch dauert (ich hatte sie darum gebeten, denn eine Stunde mit fixiertem Kopf in der Röhre kann verdammt lange sein, wenn jedes Zeitgefühl verloren gegangen ist!),

fragte ich mich wieder einmal,warum die Menschen für so viele Dinge auf die Straße gehen aber nicht gegen ein System aufbegehren, das Patienten wie Behandler entmenschlicht und zum reinen Wirtschaftsfaktor degradiert, warum trotz der enormen Zuwendungen so viele unserer medizinischen und pflegerischen Einrichtungen baulich veraltet, dazu schmuddelig  und miserable ausgestattet sind und wir menschliche Zuwendung in der Medizin nicht honorieren.

Seltsam, warum sich kaum jemand für diese Misstände interessiert. Kein allzu gefragtes Thema, denn es passt nicht so recht zu unserer schön-gesund-fit  Gesellschaft. Aber wir alle werden früher oder später mit diesem System Bekanntschaft machen. Es liegt ganz bei uns, welche Prioritäten wir setzen und wie wir dafür einstehen! Im günstigsten Fall, ehe wir sie brauchen…

 

 

 

9 thoughts on “Allein unter Ärzten…unser Gesundheitssystem ist krank!”

  1. Liebe Bettina, gut, dass dieses Thema einmal schonungslos auf den Tisch kommt. Warum interessiert sich keiner für diese Misstände? Weil diejenigen, die etwas daran ändern oder zumindest eine Änderung in die Wege leiten könnten, im Krankheitsfall diesen Missstand nicht sehen würden. Die Personenkreise, die unser Gesundheitssystem managen, sind mit ziemlicher Sicherheit keine Kassenpatienten, daher werden sie eher in Komfortkliniken behandelt. Und die sind hell, freundlich und mit genügend Personal besetzt.
    Würde einem nahen Angehörigen einer solchen Person o.g. wiederfahren, ginge ein Aufschrei durch die Medien. Und dann, nachdem alle genügend über den Brocken gemeckert haben, der ihnen da im Vorabendprogramm vor die Füße geworfen wurde, geht alles weiter seinen gewohnten Trott.
    Wie gesagt: Die Milliarden versinken vermutlich in den Komfortkliniken und (was bedauerlicherweise sehr notwendig ist) in der Krebsforschung und vor allem Behandlung.
    Trotzdem muss ich eine Lanze für die beiden Krankenhäuser brechen, in denen ich seit fast 1,5 Jahren immer wieder behandelt werde: Die Betreuung auf Station ist toll, die Schwestern und Ärzte haben immer ein offenes Ohr und Zeit, und die Praxen für Röntgen und Nuklearmedizin sind sehr großzügig und hell. Die Wartezeit im fensterlosen CT-Miniräumchen beträgt (zumindest hier im Saarland) nie länger als 5 Minuten.
    Es gibt einfach riesen Unterschiede innerhalb deutscher Krankenhäuser.
    Ich wünsche Dir auf jeden Fall gute Besserung und alles Gute!!! Liebe Grüße 🙂

    Gefällt 2 Personen

  2. Absolut richtig, was Du schreibst. Auch ich durfte bereits andere, bessere Kliniken und Räumlichkeiten erfahren. Aber die Mehrzahl ist nach wie vor wie im Artikel beschrieben und eine Zumutung für alle hilfesuchendenden Patienten. Dankeschön für deine lieben Wünsche ♡

    Gefällt 3 Personen

  3. Danke für Deinen Beitrag, der meines Erachtens mal in eine renommierte Tageszeitung wie die FAZ oder Financial Times gehört.
    Es zeigt einfach ganz deutlich was für ein schäbiges Niveau Deutschland hat. Und da gäbe es noch vieles mehr zu berichten. Aber wie Du schon sagtest, in unserer Spaß Gesellschaft sind solche Themen ein Spaßkiller!

    Und laut unserer Politiker Community geht uns doch soooo super, in allen Bereichen. Wie können wir es da Wagen zu Jammern!

    Danke für Deinen Beitrag, der so finde ich sehr gut geschrieben ist.

    LG Babsi

    Gefällt 2 Personen

  4. oha, höchst gelungener Beitrag!
    Ich war – leider !!! insgesamt schon 15mal als OP-Patientin in mehreren Krankenhäusern meiner Umgebung, imGroßen und Ganzen will ich nicht meckern, denn ich bin trotz allem (und für viele sehr unverständlich 😉 ) ziemlich „hart im Nehmen“ und meistens schnell wieder mobil… so dass ich zur großen Freude der (meist netten und bemühten) Schwestern mein Essenstablett nahezu immer selbst wieder rausgebracht habe… und nach dem Aufwachen selbstständig zur Toilette gehen konnte… und mich immer mal auch um andere, weniger mobile MItpatienten kümmern konnte…

    Jedoch – das mit den spezialisierten Ärzten kenne ich auch zur Genüge.
    Eines Abends ging zB eine meiner (weichen) Kontaktlinsen nicht gänzlich raus, Ich hatte tatsächlich nur etwa zwei Drittel der Linse raubekommen. Mein Auge drückte und tränte und ich war überzeugt, der Rest der Linse war noch drin. Mein Männe war so wach genug, mich zur Kliniknotaufnahme zu bringen.

    Da in unserer Klinik leider keine Augen“abteilung“ und auch kein Arzt für die Guckerlis da ist, wurde ich freundlicherweise von der Notaufnahme-Schwester telefonisch zur „notdiensthabenden“ Augenärztin vermittelt. Diese war, inklusive ihrer Prxis, etwa 50 Kilometer weiter wohnhaft/, so dass wir nicht mehr hinkonnten. Aber laut der Ärztin „könnte niemals eine Linse im Auge verbleiben…“ so dass ich eh nicht zu ihr hinfahren solle. Sie hätte es in all ihren 20 Jahren nicht erlebt, dass eine Linse im Auge bleibt.
    Sollte das Auge am nächsten Morgen immer noch drücken und tränen, solle ich zur/m diensthabenden Arzt fahren. HÄ???

    Nun, ich trage seit gut 28 Jahren Kontaktlinsen und meine Erfahrung sagte mir, dass ich eher recht haben dürfte mit meinem Gefühl.
    Zu Hause angekommen, tröpfelte ich immer wieder mein Pflegemittel in das auge und drückte nach und nach gaaaaanz vorsichtig, im Wechsel mit der Benetzung, solange, bis das letzte Drittel der Linse aus dem Auge kam.
    Upps. Ich habe die Wissenschaft der Ärztin widerlegt.
    Sie weiß davon nix, ich werde mich hüten es ihr mitzuteilen.
    Sie würde mir eh nicht glauben.

    Danke auch dir, dass du immer wieder auch auf Misstände aufmerksam machst!!!
    Wir nehmen eben nicht imemr alles hin was uns vorgegeben wird 😉

    Gefällt 1 Person

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