Veröffentlicht in Aufreger

Schönheit, Schönheit über alles!

Kürzlich hörte ich zufällig mit, als sich eine Gruppe zehnjähriger Mädchen angeregt über ihre „Problemzonen“ unterhielt. Eines der Mädchen, sie war für ihre Größe fast zu dünn, beklagte ihre fetten Oberschenkel. Ihre Freundin wollte sie trösten und meinte, dass sie doch ganz gut im Durchschnitt der Klasse läge, was die Figur angeht. Als Antwort betete sie kummervoll die exakten Bodymass Index Angaben samt Körpergewicht aller Klassenkameradinnen herunter, die dünner waren, als sie.

Wenn sie sich nicht ganz sicher über die korrekte Rangfolge war, dann  halfen die anderen Mädchen aus. Bei der routinierten Aufzählung, die darauf schließen ließ, wie intensiv sich diese Kinder bereits mit ihrem Gewicht und ihrem Aussehen beschäftigen, stockte mir der Atem. Irgendetwas läuft gerade schrecklich schief mit unserem Wertesystem!

Das Streben nach Schönheit und die Betonung von Äußerlichkeiten hat die Menschen zwar schon immer fasziniert, doch zu keiner Zeit war das Thema so präsent, so wichtig , wie in der heutigen Gesellschaft.

Unsere heutigen modischen Normen sitzen porentief und werden über sämtliche Medien von Geburt an immer und immer wieder in die Köpfe zementiert. Längst geht es nicht mehr nur um Keidung oder Lifestyle, das Modediktat betrifft auch den Körper.

Wer nicht von Haus aus rundum angepasst an diese frei erfundenen Schönheitsvorgaben zur Welt kommt, dem wird eingetrichtert, er kann sich mittels Einsatz von Zeit, Geld und Selbstkasteiung diesem ideal anpassen. Schönheit hat sich dadurch als eigene Klasse etabliert, denn die vermeintliche Elite ist tendenziell schön, schlank, trägt Markenlabel und trägt diese Errungenschaften stolz zur Schau.

Machen wir uns nichts vor. Es wird zwar immer behauptet, wir wären in der heutigen Zeit freier und individueller, als jemals zuvor, doch statt Freiheit herrscht ein strenges „Schönheits-Kasten-System“. Unsere Kids wissen das bereits sehr gut und setzen alles daran, in diese Kaste aufgenommen zu werden.

In den einschlägigen Lifestyle-  und Modezeitschriften  wird man zwar immer wieder ermuntert, „ganz du selbst“ und individuell zu sein , doch dies steht immer im Zusammenhang mit irgendeiner Art von Konsum oder Verschönerungsmaßnahme, um „natürlich gut“ auszusehen.

Selbst wenn dies nicht explizit ausgedrückt wird, dann wird auch der Begriffstutzigste beim Durchblättern bemerken, dass nur makellose, perfekte und sportliche Frauen und Männer es wert befunden werden, dort abgebildet zu sein, alle sehen irgendwie gleich aus und alle preisen die gleichen Konsumgüter an.

Diese künstliche, „mediale Realität“ orientiert sich an Maßstäben, die im realen Leben schier nicht zu erreichen sind. Obwohl alle, ganz besonders natürlich die junge Zielgruppe  eigentlich genau wissen, dass Fotografie heute mit Realität rein gar nichts mehr zu tun hat, obwohl alle wissen, dass die Bilder in den Magazinen und auf den Werbeplakaten durchweg bearbeitet, geschönt, computerisiert sind, eifert jeder bewusst oder unbewusst, diesen künstlich generierten  (Vor)-bildern nach.

Ein realer, natürlicher Körper erscheint uns längst nicht mehr schön genug,  denn er kann dieses Ideal niemals erreichen. Das hat zur Folge, dass sich ganz besonders junge, noch nicht in sich gefestigte Menschen, beständig unzulänglich, ja hässlich fühlen, im frustrierenden Dauerwettbewerb mit MTV und H&M Models,  den selbst die abgebildeten Models verlieren würden, wenn sie ohne technische Hilfsmittel abgelichtet werden würden.

Mit Natürlichkeit haben auch die heutigen Idealmaße nichts mehr zu tun. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts entsprach das Schönheitsideal noch der realen Figur einer Frau. Heute ist der androgyne Body das Ideal, allerdings ausgestattet mit üppigen Brüsten. Eine Kombi, die die Natur nur äußerst selten vorsieht. Aber mit ein wenig Silikon in der Brust und dem Finger im Hals lässt sich auch diese Optik erreichen.

Es wird gehungert, geschnitten, gepinselt, geklebt und trainiert,  viel Mühe und Geld investiert, immer unter dem Druck, das eigene Spiegelbild an die Bilder in den Social Media, der Hochglanzmagazine und Werbeplakate anzupassen. Ein Wettbewerb, bei dem es nur Verlierer geben kann. Eigentlich traurig.

Von den Eltern kommt dabei in den meisten Fällen wenig Orientierungshilfe. Zum einen sind sie hilflos gegen diese immense Gehirnwäsche die allerorten und über den ganzen Globus verteilt betrieben wird, zum anderen oft selbst emsig damit beschäftigt die nächste Stufe der Kaste zu erreichen, deren Mantren Jugendwahn und Konsumrausch als Lebenszweck thematisieren.

Eine ganze Generation junger, gesunder und wunderschöner Menschenkinder wächst in dem Glauben auf, unvollkommen zu sein.

Happy girls

 

 

 

Autor:

Bloggerin, Autorin und Tierschutz Aktivistin Frieden für Pfoten e.V.

6 Kommentare zu „Schönheit, Schönheit über alles!

  1. Absolut gut getroffen. Ich gehöre zu der seltenen Spezies, die auf so etwas nichts gibt. Mit meinen 55 Lenzen sieht man das ev. auch nicht mehr so eng. Man ist so wie man ist, und v.a. so, wie man sich wohl fühlt. Es gab Zeiten, z.B. das Zeitalter des Barock, da galten völlig andere Maßstäbe, und die Menschen damals hätten heftigst den Kopf geschüttelt über unser Gebaren heute.
    Und so hat alles seine Grenzen, und innerhalb derer, so finde ich, sollte man sich wohl fühlen.

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  2. Ich gebe dir absolut recht. Hast du schon mal von Kristina Pimenova gehört? Ein mittlerweile 10jähriges Model, dessen Kariere mit 4 Jahren begonnen hat. Viele sehen sie als das schönste Kind überhaupt an, andere sind entsetzt, dass ein Kind wie eine Erwachsene modelt. Ich gehöre den zweiteren an.

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