Aufreger, Tierschutz

Allein unter Blinden…ich sehe was, was Du nicht siehst!


Manchmal denke ich, ich lebe in einer völlig anderen Welt, als die meisten anderen Menschen, die ich kenne.

Manchmal beneide ich diese Menschen um ihre Gabe, das Offensichtliche nicht zu sehen und um ihre Ignoranz, das Wesentliche auszublenden. Blind zu sein, auf dem Auge des Mitgefühls. Aber tauschen möchte ich nicht mehr mit ihnen, selbst wenn ich das könnte. Denn ich möchte nie mehr so sein, wie sie. So blind…und auch so wenig von dem, was eigentlich den „Menschen“ ausmacht.

Hat man einmal die „rote Pille“ geschluckt, hat man einmal die Matrix gesehen, wie sie jenseits von traditionellen Überlieferungen und Werbelügen aussieht, dann gibt es kein Zurück mehr. Dann bleibt nur Betroffenheit, Trauer, Wut , Ärger und der leidenschaftliche Wunsch, etwas zu verändern. Dem Rest der Welt die „rote Pille“ in den Hals zu stopfen, damit sie aufwacht und erkennt.  Das wünsche ich mir jedenfalls sehr oft.

Menschen bedeuten mir nicht mehr und nicht weniger als andere Mitgeschöpfe. Ich finde sie nicht automatisch „wertvoller“, nur weil sie auf zwei Beinen gehen und den Daumen benutzen können. Diese Wahrnehmung, die keine Nutztiere sieht, keine Lebensmittel, keine Arbeitsgeräte, keine Messinstrumente, Schädlinge , auch keine Sportgeräte oder Schauobjekte sondern die fühlenden und leidenden Lebewesen , verändert den Blick auf die Mitmenschen. Ich muss zugeben, ich mag sie deutlich weniger!

Ich sehe jeden Tiertransporter, wenn er seine elende Fracht über die Autobahnen karrt und frage mich jedesmal, wann die Tiere das letzte Mal etwas gegessen oder getrunken haben, wie viele wohl bereits verletzt und mit schmerzhaften Wunden angekettet oder eingezwängt sind. Ich leide mit ihnen, besonders an sehr kalten und sehr heißen Tagen, wohl wissend, dass sie unter Kälte und Hitze genauso leiden, wie wir. Warum sehen das die meisten nicht?

Ich bin irritiert von den stechenden und aufdringlichen Gerüchen in der Putz- und Waschmittel Abteilung des Supermarktes, die mir immer unwillkürlich die Bilder der grauenhaften Tierversuche ins Gedächtnis rufen. Ich schaudere bei dem Gedanken, dass man einem Tier diese Substanzen gewaltsam in den Rachen stopft, die Augen damit verätzt oder als Infusion in den Bauchraum leitet, um dann den Grad der Zerstörung zu dokumentieren. Warum stellt kaum jemand bei der Auswahl der Produkte diesen Zusammenhang her?

Ich sehe den Hunger und das Elend der Stadttauben, die ich heimlich füttere. Ich weiß, wie schwer das Überleben für diese ausgesetzten Haustiere ist, wie sie gejagt und ausgehungert werden. Ich sehe, wie sie mit eingeschnürten Zehen oder abgestorbenen Füßchen auf Stumpen humpeln, immer verzweifelt auf der Suche nach etwas Nahrung. Ich sehe auch die dümmlichen Mütter, die ihre Kinder nicht davon abhalten, diese bedauernswerten Wesen zu treten und zu jagen und frage mich, warum sie so blind und dumm sind.

Ich sehe beim Vorbeifahren die Kühe ohne Schattenplatz auf der Weide in der prallen Sonne stehen und die Kälbchen, die in ihren Plastikboxen hinter dem Großraumstall separiert sind. Ich höre sie sogar bei offenem Autofenster nach ihrer Mutter jammern und frage mich, warum sich so viele für den Milchpreis aber nicht dafür interessieren, wer eigentlich den Preis für ihre Milch bezahlt.

Es ist mir völlig unbegreiflich, wie man seinen Urlaub genießen kann,  wie man entspannt im Strandrestaurant speist, während in Sichtweite halbverhungerte, ausgemergelte Hunde und Katzen um ein paar Brocken Futter betteln. Selbst Menschen, die ihre eigenen Haustiere vergöttern, sind meist blind für das entsetzliche Leiden der Tiere in vielen Urlaubsorten oder nehmen das Elend mit einem Achselzucken als „eine Art Folklore“ zur Kenntnis.

Ich lausche angewidert den Gesprächen, die sich um die Anschaffung von Rassehunden und Rassekatzen drehen. Wenn es bei dem neuen Familienmitglied einzig um Prestige für das eigene kleine Ego geht. Ich frage mich, wie groß die Tierliebe sein kann, wenn man diesen Schritt für nötig befindet, wie blind man sein muss, wenn man lieber die unsinnige Vermehrung weiter anfeuert, anstatt ein Tier aus dem Tierheim zu adoptieren.

Ich sehe bei meinen Spaziergängen die winzigen Hasenkäfige, wo die bewegungsfreudigen Tiere ein Leben auf wenigen Quadratzentimetern vegetieren, weil sie als Kinderspielzeug ausgedient haben und möchte die Besitzer am liebsten nur einen einzigen Tag unter diesen Bedingungen einsperren, die sie dem Tier für ein ganzes Leben zumuten. Ich frage mich, wie sie so blind für deren Bedürfnisse sein können, die sie mit ihrer „tierliebe“ meist nicht nur zu „Lebenslänglich“ verurteilt haben sondern auch noch zur „Einzelhaft“.

Und natürlich sehe ich jetzt im Winter wieder auf Schritt und Tritt Menschen, die Pelz tragen. Menschen, denen das unsägliche Leid  bekannt ist, das sich hinter diesem völlig überflüssigen modischen Beiwerk verbirgt. Menschen, die sich selbst niemals als egoistische , herzlose Ignoranten bezeichnen würden,  denen es aber schlicht und einfach gleichgültig ist, ob ein intelligentes, fühlendes Lebewesen für ihre Eitelkeit grausam zu Tode gefoltert wurde. Weil sie es sich wert sind. In diesem Fall stelle ich mir keine Frage. ich weiß, was ich von diesem Menschen zu halten habe.

Die Liste ist schier endlos! Unübersehbar, überall direkt vor unseren Augen…und die Masse zieht es vor, das Unübersehbare nicht zu sehen.

Umgeben von Menschen, die blind und ignorant an all diesen kleinen und großen Dramen des Leids und der Folter  vorüber gehen, fühlt man sich manchmal nicht nur ziemlich wütend sondern auch ziemlich verloren. Wie kann ich versuchen, eine Welt zu verbessern, in der die meisten nicht einmal in der Lage sind zu erkennen, dass sie verbessert werden muss? ich weiß es leider nicht. Nur, dass ich nicht aufhören darf, es zu versuchen!

Ich wünschte, wir hätten wirklich die roten Pillen aus der Matrix …und dann einfach ins Trinkwasser mischen… das wäre cool 🙂

 

 

rote pille

39 thoughts on “Allein unter Blinden…ich sehe was, was Du nicht siehst!”

  1. Liebe Bettina,
    So treffend und einmalig alles beschrieben…
    Du sprichst mir aus der Seele…..
    Die letzte Zeit sage ich oft, ich passe nicht mehr in diese Welt!
    Wegen solchen Leuten, denn Menschen sind wie wir.,,,

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  2. Du schreibst mir aus der Seele! selbst das nächste Umfeld akzeptiert mich zwar,versteht aber nichts. Aber zwei meiner vier Töchter denken und handeln ebenfalls wie ich,das ist ein kleiner Trost.

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  3. „Einen Grabstein für den ganzen Schlamassel und darauf gehört die Inschrift: Menschheit, du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu.“ – Charles Bukowski

    Das ist der einfache Grund, warum es nötig (und gut und wichtig für die eigene Seelenhygiene) ist, solche grandiosen Blogbeiträge zu schreiben. Der Mensch an sich ist eine Fehlkonstruktion des imaginären „Schöpfers“. Eine einfachere und logischere Wahrheit gibt es nicht.

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  4. Liebe Bettina Marie, ich gehe hier oft im Wald spazieren, immer mit gesenktem Kopf damit ich nicht auf die Würmer, Schnecken, Raupen, Käfer und ähnliche Kleintiere, trete. Ich sehe was was
    viele nicht sehen. Kranke, hungernde und verletzte Tauben begegnen mir, man sieht sie in jeder
    Stadt, oft werden sie verjagt, vergiftet und die meisten Menschen sind blind. Schuld sind die Taubenzüchter und die ignoranten Behörden die das sehr gute Tauben-Konzept ablehnen.
    Kastrationspflicht für Katzen gibt es bereits in einigen Städten, genauso müsste es Pflicht werden
    eine Geburten-Kontrolle für Tauben einzuführen. Die Taubenzüchter müssten eine Sondersteuer
    zur Finanzierung der Taubenschläge/Türme leisten. Alles dies wird nicht geschehen, weil der
    Mensch eine Fehlkonstruktion ist wie Klaus H. schreibt.

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  5. Wie schon meine Vorposter kann ich dir nur sagen, du sprichst mir mit diesem Beitrag aus der Seele! Ich bin auch ständig traurig, wütend und verzweifelt angesichts des fehlenden ethischen Verständnisses eines Großteils unserer Spezies und der Tatsache, dass ich als einzelner Mensch scheinbar kaum etwas dagegen ausrichten kann. Was nicht heißt, dass ich es nicht versuche. Mir geht es nämlich auch so, dass ich Unrecht sehe, welches zum Teil kaum jemand außer mir zu wahrzunehmen scheint, und selbst mit noch so einleuchtenden Argumenten stoße ich dabei auf taube Ohren. Den Film „Matrix“ habe ich noch nicht gesehen (muss ich aber noch nachholen), aber so eine „rote Pille“ ist genau das, was ich mir für den Rest der Welt auch wünsche!

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  6. Ich lese deine Text und habe dabei das Gefühl, als hätte ich ihn diktiert.
    Jedes einzelne Wort von dir kann ich absolut unterschreiben, ich fühle wie du.
    Gib nicht auf!! Du bist nicht allein!!

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  7. Liebe Marie-Therese, schön, unter Gleichgesinnten zu sein…und zumindest in Sachen Tauben bin ich fest entschlossen, irgendwann zu schaffen, dass wir alle gemeinsam an einem Strang ziehen und das Fütterungsverbot kippen und den Städten die tierfreundlichen Konzepte nahe bringen werden. Liebe Grüße

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  8. Ich bin gerade in einer Phase, wo mir genau das alles, was Du beschreibst zu viel geworden ist. Ich bin in einer depressiven Phase. Ich ertrage diese Ignoranz momentan einfach nicht mehr.

    Aber ich weiß, daß wir immer mehr werden und freue mich über jeden, der die Welt mit seiner Lebensweise versucht ein klein bisschen besser zu machen….. Für alle Lebewesen auf diesem Planeten.

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  9. Marie Therese, das mit Deiner Freundin tut mir sehr leid. Dir auch alles Liebe.

    Falls Du auf Facebook unterwegs bist, kannst mir gerne eine Freundschaftsanfrage schicken.

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  10. Es gibt die „rote Pille“ doch schon > in Form von Verhütungsmitteln!
    Das größte Problem ist unsere grenzenlose Vermehrung! Würden wir hier Grenzen setzen, hätten alle Kriege ein Ende und es gäbe neue Ressourcen, um auch endlich den Bedürfnissen der Tiere gerecht zu werden….

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  11. Liebe Bettina,

    wie immer treffen deine Worte mitten ins Herz.
    Ich empfinde wie du und wie alle die Menschen hier, die Beiträge verfasst haben.

    Auch ich achte darauf, kein Tierchen aus Unachtsamkeit zu zertreten.
    Ich setze Schnecken und Regenwürmer vom Weg ins feuchte Gras, ich hole Käfer aus Wasserlacken und trage Käfer und Spinnen vom Haus ins Freie……
    ……. auch wenn ich dafür belächelt werde.

    Jedes Mal, wenn ich einen LKW – einen „Lebendtiertransport“ – sehe, dann bin ich dankbar, dass ich schon seit etlichen Jahren kein Fleisch mehr esse und ich bete für diese Lebewesen!

    Ich beneide die Menschen, die einfach nur „ein Tier“ sehen und blind sind für das Leid, das es vielleicht erdulden muss, aber ich möchte NIE MEHR so blind sein!

    Ich sorge mich um jede Katze, die ich irgendwo alleine sehe und fühle mich mitverantwortlich für ihr Wohlergehen…..

    …. und ich hoffe, dass jede, die ich auf einem Feld sitzen sehe, ein warmes Daheim hat….

    Ich wünsche mir, SO VIEL MEHR geben zu können für alle Vereine, die Tiere retten und unterstützen, wünsche mir, so viel mehr UN zu können für alle SEELEN DIESER WELT!

    Ich DANKE dir für dein Engagement, liebe Bettina, bleib wie du bist und mach GENAU SO weiter!

    Herzliche Grüße aus Österreich

    Eleonora

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