Chance, Seelenmarzipan

Halloween 1994…a day to remember!

Halloween ist, wie die Lesers dieses Blogs sicherlich wissen, immer ein besonderer Tag für mich. Bis vor einigen Jahren war dieser Brauch bei uns noch kaum bekannt. Kürbisse, Festdekoration und Halloween Feierlichkeiten gab es nur in Großbritannien oder USA. Deshalb war ich begeistert, als mein Mann vorschlug, ich könnte mit unserer Tochter über das  Halloween Wochenende nach USA nachreisen, wo er beruflich einen längeren Aufenthalt hatte.

Als wir in Chicago O´ Hare landeten, braute sich draußen gerade ein kleiner Weltuntergang zusammen. Es stürmte, man konnte den Wind selbst in der Ankunftshalle hören und es hieß, dass der Luftraum bald geschlossen werden würde, wenn das Unwetter noch zunimmt.

Ich hastete schwer beladen mit einem müden Kleinkind auf dem Arm und unserem Gepäck durch die Ankunftshalle und hoffte, meine Abholung würde trotzdem noch irgendwie funktionieren. Ein kurzer Blick auf die Anzeigentafel bestätigte meine Befürchtung, ein Flug nach dem anderen wurde gerade annulliert.

Um uns herum herrschte trotz des unfreundlichen Wetters munteres Halloween Treiben. Aber diesmal hatte ich nicht so recht Freude an den spektakulären Kostümen und winkte nur freundlich ab, als mir eine schwarz gekleidete Hexe einen grellroten Apfel offerierte, jetzt musste es schnell gehen! Zu meiner Erleichterung fand ich auf Anhieb ein Taxi, das uns zum Teil des Flughafens bringen sollte, wo die kleinen Maschinen starten und landen. Dort wollte uns ein befreundeter Pilot bis nach Indiana mitnehmen. So hatten wir es abgesprochen.

Ich kannte ihn seit Jahren und wusste, dass er ein äußerst erfahrener und gewissenhafter Captain war. Eines hatte ich über die Jahre in der Fliegerei gelernt: Nicht jeder mit einem Flugschein oder einer Lizenz kann auch wirklich fliegen 🙂 Aber der etwas untersetzte, gut gelaunte Haudegen, ein wenig erinnerte er mich immer an Indiana Jones, verstand sein Handwerk . Daher hielten wir uns nach einer kurzen Begrüßung auch nicht lange mit Plaudereien auf. Jetzt zählte jede Minute, wenn wir noch eine Startgenehmigung erhalten wollten. Ich schlüpfte an ihm vorbei in die kleine Kabine, nickte dem Copiloten kurz zu, verzurrte Kind und Gepäck und mich gut mit den Sicherheitsgurten und machte mich auf einen holperigen Flug gefasst.

Den meisten Passagieren sind Turbulenzen unheimlich. Ich hatte während meiner langjährigen Dienstzeit oft genug Gelegenheit zu beobachten, wie selbst eisenbereifte Business Typen sich in den Sitz krallten, wenn es die Maschine so richtig schön durchschüttelte. Es sind jedoch eher andere Dinge, die man an Bord eines Flugzeuges fürchten sollte und so war ich zunächst nicht sonderlich beunruhigt, als uns die ersten Windböen trafen.

Das änderte sich schnell, als mir die ersten Gegenstände um die Ohren flogen. Besorgt schnallte ich mein schlafendes Kind ab, hielt sie fest umschlungen auf meinem Schoss im Klammergriff und sah hinaus in die dunkle Schwärze. Der Regen prasselte ohrenbetäubend gegen die Fenster. Die Maschine ächzte und knarrte in jedem Scharnier und selbst die vertrauten Geräusche der Propeller klangen auf einmal bedrohlich.

Ein Blick auf die Piloten verriet mir, dass es wirklich kein einfacher Flug war. Ihre Anspannung und die Anstrengung, das Flugzeug auf Kurs zu halten,  war selbst von hinten zu erkennen. Wir wurden nicht nur durchgeschüttelt sondern die Böen kamen mit einer Wucht, dass die Kabine zitterte, schwankte, aufwärts und abwärts, wie in einer Achterbahn. Den Funkverkehr konnte ich durch den Lärm nicht verstehen, jede Frage zur aktuellen Lage verbot sich von selbst. Die goldene Regel, niemals einen konzentrierten Piloten anzusprechen, war mir nur zu gut bekannt. Aber es wäre auch nicht möglich gewesen. Der Lärm des prasselnden Eisregens war mittlerweile so lautstark,  jede Verständigung war unmöglich.

Und auf einmal hatte ich Angst. Todesangst, um genau zu sein. Wie berechtigt sie war, konnte ich die Piloten leider nicht fragen. Aber trotz der vielen Flugstunden, war alles, was ich sah und hörte,  besorgniserregend und außergewöhnlich genug, um alle Horrorszenarien im Kopf anzufeuern. Es gibt schrecklichere Todesarten, als bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen. Jedenfalls sehe ich das so. Trotzdem hoffte ich inständig, das kleine Flugzeug war stabil genug, die Naturgewalten auszuhalten. Das war kein Flug, das war ein Albtraum!

Mitten in meine düsteren Gedanken hinein, meldete sich eine Stimme an meinem Ohr  „Mama? “ Mein Kind war aufgewacht und ich beschloss,  zumindest dafür zu sorgen, dass sie nicht für den Rest ihres Lebens an Flugangst leiden sollte, falls wir diesen Ritt überstehen.  Mehr konnte ich jetzt sowieso nicht tun. Ich atmete tief durch, zwang mich zur Ruhe und schrie gegen den tosenden Lärm in ihr Ohr: „Wir spielen jetzt Achterbahnfahren! Gut festhalten!“

Sie hatte wirklich keine Minute Angst sondern genoss das Spektakel, kicherte sogar bei jeder neuen Abwärts- oder Aufwärtsbewegung. Während die beiden Piloten im Cockpit angespannt alle Register zogen, die Maschine stabil zu halten, Passagiere und Maschine sicher wieder auf die Erde zu bringen, mir fast die Arme abfielen, sie fest im Griff zu halten und der Magen vor Angst krampfte, beobachtete mein Kind interessiert aber entspannt das Geschehen und war sogar fast wieder eingeschlafen, als wir endlich, endlich zum Landeanflug ansetzen.

Selten habe ich mich so über eine gelungene, sanfte Landung  gefreut, wie an diesem stürmischen Halloween Flug Oktober 1994. Noch eine kurze Autofahrt und endlich konnte der Halloween Abend beginnen. Wir hatten es geschafft!

Ein anderer Flug an diesem Tag war leider nicht so glimpflich ausgegangen. American-Eagle-Flug befand sich ungefähr zur gleichen Zeit wie wir damals im Luftraum auf dem Weg von Indianapolis zum Chicago Airport und wurde wegen der Wetterbedingungen dort ins Holding geschickt. In dieser Zeit sammelte sich Eis an den Tragflächen, die Tragflächen Hinterkanten vereisten,  das Flugzeug geriet außer Kontrolle und stürzte ab. Alle 68 Insassen, darunter vier Besatzungsmitglieder, kamen ums Leben.

Seither sind viele Jahre vergangen. Trotzdem denke ich jedes Jahr an Halloween an den American Eagle Flug und bin dankbar, für ein weiteres, geschenktes Jahr. Denn das ist es. Keine Selbstverständlichkeit sondern ein Geschenk. Wir machen uns das nur viel zu selten bewusst ❤

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8 thoughts on “Halloween 1994…a day to remember!”

  1. Toll, wenn mensch sogar seiner Fellnase sagt, sie solle sich ein paar Minuten still und zurückhaltend verhalten, weil man einfach einen Beitrag ungestört von Anfang bis Ende lesen möchte. Das ist hier gerade so gewesen, – jetzt habe ich eine beleidigte Katze, dafür aber einen wunderbar geschriebenen Blog-Artikel gelesen. Danke dafür! 🙂

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