Aufreger

Gewalt ist plötzlich allgegenwärtig…und Nein, ich werde mich nie daran gewöhnen!

Es gab eine Zeit, da war vielleicht manches nicht so politisch korrekt wie heute, aber da konnte ich mich als Frau allein in so ziemlich jedem Stadtviertel, in jedem Verkehrsmittel, in jedem Park dieses Landes und zu jeder Tageszeit allein und ohne Angst bewegen.

Natürlich gab es auch da die ein oder andere No Go Meile. Nachts auf der Reeperbahn  oder in Berlin am Bahnhof Zoo hätte ich jetzt auch nicht unbedingt den Abendspaziergang alleine geplant. Aber was vor 30 Jahren noch eine Selbstverständlichkeit war, ist heute undenkbar!

Heute muss ich mir und meinem Kind  Verhaltensweisen ans Herz lege, über die ich früher milde gelächelt hätte.

Zu den gewaltbereiten oder kriminellen Idioten, die bereits immer schon eine Last für jede funktionierende Gesellschaft waren, sind viele, viele hinzu gekommen. Sei es, weil unsere Gesetze eher auf die Täter und deren Probleme schauen, als auf die Leiden der Opfer, sei es, weil lange ignoriert wurde, was passiert, wenn man milde Kuschelerziehung mit jugendlichen hardcore Straftätern praktiziert und die Polizei in ihren Handlungsmöglichkeiten einschränkt und kaputt spart. Vielleicht auch, weil mittlerweile Gewalt in den Medien, in vielen Familien und auf der Straße zugenommen hat. Ich kenne allein in meinem Bekanntenkreis zwei Familien, deren Kinder am Pausenhof ernsthaft und vorsätzlich verletzt wurden, sicher auch deshalb, weil tolerant und dumm manchmal eng beieinander liegen, wenn man bestimmten Verhaltensweisen nicht entschieden entgegen tritt. Das beginnt bei verbalen Angriffen,  auch das allseits beliebte Mobbing gehört dazu und endet bei Gewalttaten. Es passiert immer das, was die Mehrheit duldet.

Es war nicht“hip“ einen harten Kurs dagegen zu fahren. Politiker und Pädagogen, die das in der Vergangenheit versuchten, wurden rüde abgestraft. Keine Ahnung, ob es etwas gebracht hätte, aber sie kamen nie zum Zug. Stattdessen wurden die Probleme, die sich seit vielen Jahren abzeichnen klein geredet, man gewöhnte sich Schritt für Schritt an die Zunahme der Gewaltbereitschaft, an die Verrohung, Beschränkungen der Freiheiten und daran, dass  die An- und Übergriffe immer zahlreicher, brutaler und schamloser wurden. Manche davon sogar als TV Unterhaltungs Format.

Ich werde mich nie daran gewöhnen. Ich bin jeden Tag aufs neue wütend über eine Gesellschaft, die nicht bemerkt, dass Gewalt und Respektlosigkeit, ganz gleich gegen wen und warum, nie, niemals geduldet werden darf. Mein Mitgefühl liegt immer bei den Opfern. Ob das nun politisch korrekt ist oder nicht, mich interessiert nicht WARUM jemand jemand anderem Gewalt angetan hat. Jede Straftat, ganz gleich ob von links, von rechts, von Ausländern oder Einheimischen, muss rigoros und konsequent geahndet werden. Das beginnt am Schulhof und endet in den neuen no go Äreas, in die sich nicht einmal Polizei Beamte mehr wagen.

Warum mir das gerade jetzt einfällt? Ich war kürzlich in einem Land, in einer Stadt, die irgendwie von diesem Zeitgeist verschont geblieben ist. Eine Stadt, in der, so wurde mir von den Einheimischen glaubhaft versichert, eine Frau allein sowohl am  Bahnhof als auch im Park  gefahrlos  unterwegs sein kann, wo Türen aufgehalten wurden und Fahrräder ohne Schloss abgestellt. Erst dort fiel mir richtig auf, wie sich unser Städtebild, unser gesamter Umgang miteinander zum negativen verändert hat. Und ich bekam Heimweh, nach der „guten alten Zeit“.

Irgendwie hat sich unser Land, diese Gesellschaft nicht ganz so entwickelt , wie ich es einmal erträumt habe. Es sah einmal richtig hoffnungsvoll aus. Aber was nutzt die tollste Frauenbewegung, wenn ich (berechtigte) Angst haben muss, Nachts als Frau allein auf einem unserer Bahnhöfe auf einen Zug zu warten?

 

3 thoughts on “Gewalt ist plötzlich allgegenwärtig…und Nein, ich werde mich nie daran gewöhnen!”

  1. liebe Bettina, so geht es vielen Menschen, man kann sich in diesem Land nicht mehr frei bewegen, und es wird nie wieder so sein wie früher. Durch die falsch
    verstandene Toleranz gibt es nur Terror und Mord in Deutschland, ebenso in
    Frankreich. Auch die Ärmsten der armen, die Tiere, werden immer mehr Opfer
    von Gewalt und grausame Quälereien. Man denkt an Auswanderung, aber wo
    ist das Land ohne Gewalt ?

    Gefällt 2 Personen

  2. Es ist aber auch ein hausgemachtes Problem. Es wächst gerade eine Generation heran, die wenig Hemmschwellen hat, zumindest viele von ihnen, die Erwachsenen haben es ja vorgemacht, und die Summe des Ganzen ergibt eine unschöne Mischung. Ich denke, die Gratwanderung zwischen friedlich vorleben und Grenzen setzen wird unsere große Herausforderung sein, auch in der Erziehung.

    Gefällt 1 Person

  3. für mich ist jegliche Gewalt – ob physisch oder psychisch, egal „Warum“ und gegen WEN – eine Art „Machtspiel“ eines „nicht anders weiter Wissenden“.
    Was das Ganze natürlich nicht verklärbar (!) macht, was nicht heisst das das mit irgendwelchen „Gründen“ verzeihbar oder vergessbar macht.
    Diese Welt gerät in meinen Augen immer mehr ins Wanken, weil von allen Seiten Schläge gehauen werden. Schläge gegen Mitlebewesen, gegen die Natur, gegen diesen Erdball. Diejenigen, die das nicht achtlos abtun, können sich aber auch kaum noch irgendwo festhalten, wobei – sich gegenseitig festzuhalten kann auch schon ein bisschen abmildern und helfen.
    Die Frage warum es Gewalt gibt, kann ich (mir) auch nicht erklären. Ich versuche sie, immer zu verhindern oder dem Opfer zumindest beizustehen und ihm zu helfen.

    Gefällt 1 Person

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