Veröffentlicht in Katze, Seelenmarzipan, Tierschutz

Es hat 35 Jahre gedauert…aber mein Versprechen wurde eingelöst!

Es waren die wilden 80er. Und wild war nicht nur das Jahrzehnt, auch mein Leben war ziemlich turbulent zu dieser Zeit. Aus heutiger Sicht schüttele ich manchmal den Kopf, wenn ich überlege, was, wo und mit wem ich alles angestellt habe. Ich denke, wie viel Glück ich hatte, immer alles unbeschadet zu überstehen und hoffe, mein Kind ist vernünftiger als ich es in ihrem Alter war.

Ihr hätte ich niemals erlaubt, aus einer Laune heraus nach Griechenland aufzubrechen, mit einem so schmalen Reisebudget in der Tasche, das keinerlei Pannen oder Vorkommnisse zulässt. Einfach ins Blaue, mit Leuten, die sie kaum kennt und ohne jede Vorplanung. Aber damals genau mein Ding :-).

Es wurde dann auch tatsächlich ein Ausflug der Pleiten, Pech und Pannen. Wir kamen nur bis Athen, die hektische Millionen Großstadt und die typischen Touristenlokale war nicht das Griechenland der Sagen und Olivenhaine, das ich mir in meinen Träumen ausgemalt hatte, dazu gab es Streit mit meinem Reisebegleiter. Mitten in der Nacht rannte ich nach einer heftigen Auseinandersetzung kopflos aus unserer kleinen Unterkunft in der Athener Altstadt hinaus auf die Straße. Ich war wütend und frustriert und lief endlos lange durch die engen Gassen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Es war kühl für die Jahreszeit,  trotzdem herrschte überall noch reges Treiben in den Straßenlokalen und mit jedem Schritt durch die malerische Szenerie verrauchte mein Zorn. Ich setzte mich auf die Mauer eines alten Kirchhofes und stellte fest…dass ich weder wusste, wo ich mich gerade befand, noch, wie meine Unterkunft  hieß oder in welche Richtung sie lag. Eine ziemlich unglückliche Situation in der prä-handyanischen Epoche. Geld für ein Taxi? Fehlanzeige, ich hatte nur ein paar Kaugummis in der Tasche und außerdem hätte ich auch dem Taxifahrer nicht sagen können, wohin ich gefahren werden wollte.

Das Rascheln des Kaugummipapierchens hatte auch jemand anderes gehört. Aus der Dunkelheit erschien eine Katze. Sie strich mir um die Beine und bettelte um etwas Essbares. Ich streichelte ihr bedauernd über den Kopf, meine Finger waren plötzlich klebrig. In der Dunkelheit war nicht ganz auszumachen, um was es sich handelte und ich roch an meinen Händen. Es war Blut, eindeutig! Offensichtlich war die Katze verletzt. Ich hätte in diesem Moment alles gegeben, hätte ich ihr helfen können. Aber ich wusste, dass Tierschutz zu diesem Zeitpunkt in Griechenland ein Fremdwort war. Die Straßenkatzen hatten Glück, wenn sie geduldet wurden. Und ich hatte nichts anzubieten, als meinen Kaugummi, ein liebes Wort und Streicheleinheiten.

Dem Kater schien das genug. Er kuschelte sich auf meinen Schoss, genoss sichtlich als ich versuchte, sein verklebtes Fell zu entwirren und schnurrte, schnurrte, schnurrte selig, während ich mit den Tränen kämpfte. Er war so schrecklich mager und hungrig, er hatte eine Wunde am Kopf, die von einem Schlag stammen könnte oder einem Kampf, aber niemand würde sich je darum kümmern…und ich konnte absolut nichts für ihn tun. Ich konnte ihn nicht mitnehmen, hatte weder Geld für Impfungen noch die leiseste Ahnung, wie und wo man sie vor Ort erhält, kannte niemanden, dem ich ihn hätte anvertrauen können. Wenn ich jetzt aufbrach, um meine Unterkunft zu suchen, dann war er wieder sich selbst überlassen. Sein weiteres Schicksal war nicht schwer vorher zu sagen…Er vertraute mir und bat um Hilfe…und ich hatte nichts, was ich ihm hätte geben können, nichts als dieses verdammte Kaugummipapierchen in der Tasche!

Wir sassen eine ganze Weile zusammen auf der Mauer, der Kater schlief auf meinem Schoss, als hätte er es schon immer getan. In dieser Nacht schenkten wir uns gegenseitig etwas Wärme und Trost, wie gern hätte mehr für ihn getan. Als der Morgen dämmerte und die Umrisse der Gebäude wieder zu erkennen waren, entdeckte ich in der Ferne den Turm der Kirche, den ich immer als Orientierungshilfe benutzt hatte. Es war Zeit, zu gehen.

Vorsichtig setzte ich ihn auf den Boden, strich ihm ein letztes Mal sanft über das Köpfchen und entfernte mich schnell, ohne noch einmal zurück zu sehen. Er folgte mir nicht. Vielleicht hat er unsere nonverbale Unterhaltung verstanden, vielleicht auch das Versprechen, das ich ihm in dieser Nacht stellvertretend für alle seine Freunde und Leidensgenossen auf der Straße gegeben habe:

Ich komme wieder! Irgendwann werde ich mehr anzubieten haben, als Kaugummipapierchen und Hilflosigkeit. Ich werde dich nicht vergessen!

Das Universum arbeitet manchmal lästig langsam. 35 Jahre sind nicht nur in Katzenleben gezählt eine lange Zeit. Aber schließlich fügte sich ein Schicksalsrädchen in das andere und heute ist eine meiner erfüllendsten Aufgaben in der Tierschutzarbeit, dabei zu unterstützen, dass möglichst viele Straßenkatzen in Athen satt werden. Griechenland als Arbeits- Schwerpunkt war eigentlich nie geplant, es hat sich „zufällig“ so ergeben  … oder  war es vielleicht doch die Nachwirkung dieses Versprechens?

Vielleicht sitzt heute tatsächlich einer der Ur-ur-ur-ur…Enkel dieses Katers an einer unserer Futterstellen und ist zumindest satt, wenn er Zuflucht vor der eisigen Kälte der Winternächte suchen muss. Oder vielleicht ist Ornello, der kleine „Findling“ auf dem Beitragsbild, einer dieser Nachfahren. Egal….Sie alle brauchen unsere Hilfe!

Es gibt noch so viel zu tun!


Hier geht es zu den Schutzengeln der Katzen von Athen …

SCARS Griechenland…

…und hier treffen wir uns auf Facebook

ornello-teddy
Ornello nach seiner Rettung ❤

PS: Rena Gaspito, eine der lieben Freundinnen unserer Partnerorga SCARS aus Athen, hat uns heute morgen diese Zeilen geschrieben und mich dazu bewegt, die Geschichte endlich aufzuschreiben, die schon so lange darauf wartet, erzählt zu werden! Dankeschön,  an alle wunderbaren Menschen, die jeden Tag ihr Bestes für die verlassenen Streuner geben…wo auch immer!

Liebe Freunde, weisse Grüsse aus dem verschneiten Athen… ja…es hat geschneit, heute morgen lagen ca. 5 cm Schnee, den es nun allerdings wieder weggeregnet hat. Was den meisten Griechen eine riesen Freude bereitet macht uns im Moment Sorgen, denn die Tiere hier sind nicht auf Schnee oder so grosse Kälte vorbereitet. Wir alle versuchen in den nächsten Tagen, an denen es nochmals schneien soll, die Strassentiere extrem gut zu füttern und Kartons und Häuschen mit Decken aufzustellen. Genau dies ist hier in Griechenland allerdings sehr sehr schwierig, denn die werden meist nach einem Tag von irgend jemand in der Nachbarschaft einfach weggeworfen… ich habe in unserem Garten einige aufgestellt und das wird auch fleissig genützt. Und da Frechheit siegt, haben sich 2 der Strassenfellchen überlegt, dass nun die beste Gelegenheit ist, ins Haus einzuziehen. Ein junger schwarzer Kater aus der Nachbarschaft ist gestern provokativ in unserem Bett gelegen….😉. Trotz der Anfeindungen meiner mittlerweile 15 Pflegekatzen blieb er im Haus. Dank Eurer Spenden haben wir genug Futter, dass auch die Sorgenfellchen auf der Strasse satt werden, jetzt wo sie es noch nötiger haben. Wir sind Euch sehr dankbar dafür !!!!

Autor:

Bloggerin, Autorin und Tierschutz Aktivistin Frieden für Pfoten e.V.

15 Kommentare zu „Es hat 35 Jahre gedauert…aber mein Versprechen wurde eingelöst!

  1. Gänsehautfeeling – ich kann ein bißchen nachempfinden, wie du dich fühlst. Ich betreue hier in Deutschland seit 3 Jahren heimatlose vewilderte Katzen, habe sie kastrieren lassen und befülle täglich ihre Futterstellen. Schön, dass jemand auch sowas im Ausland hat zustande bringen lassen.

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  2. Auch vor unserer Haustüre ist das Elend der verlassenen Streuner allgegenwärtig, Danke für dein Engagement! Mein Verein versucht übrigens auch in Deutschland, an vielen Brennpunkten, wo Hunde und Katzen einen Futterplatz und Hilfe benötigen, Unterstützung zu leisten. Es gibt so viele Helfer, die verzweifelt gegen das Elend ankämpfen und in der Gemeinschaft gelingt das einfach besser!

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  3. Ich finde keine passenden worte für die grossartige arbeit aber ich bin so unendlich dankbar, dass ich durch facebook menschen gefunden habe, die so denken wie ich, denen tiere einfach nur wichtig sind. Die sich dafür einsetzen, zu helfen und was zu erreichen. Diese geschichte hat mich zu tränen gerührt aber sie macht auch viel hoffnung. Denn nur gemeinsam können wir viel erreichen und genau das ist doch der sinn.

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  4. Liebe Bettina Marie, hier sitz ich nun, hab Tränen in den Augen und Gänsehaut jagt über den Rücken….. so traurig und schön ist diese Geschichte und dein „Ausflug“ hatte für dich doch einen positiven Ausgang …
    ….wenn ich auch deine Verzweiflung und Hilflosigkeit, diesem Kater nicht mehr helfen zu können, fühlen und nachvollziehen kann.
    Wie wunderschön, dass du nun dein Versprechen, das du diesem Katerchen einst gegeben hast, einzulösen vermagst!
    Es gibt keine Zufälle – dein Wunsch hat nur ein wenig länger gedauert, bis er sich erfüllen durfte! ❤ – ❤
    Meine Segenswünsche für deine wundervolle Arbeit!
    Ich gehe auch schon länger „schwanger“ mit der Idee, einen Verein zu gründen, der Geld in die Kassen der Tierschutzvereine bringen soll…. 2017 wird es wohl so weit sein, ich muss nur noch alle Modalitäten prüfen und sehen, wer meinen Traum mit mir teilen möchte.
    Derzeit füttere ich ein Streunerchen 2x täglich mit warmem Futter bzw. Katzenmilch mit warmem Wasser, damit die Kälte leichter erträglich ist. Er schläft im Heustadel, so ist er auch vor Wind und Wetter geschützt.
    Ich wünsche dir viel Glück und Erfolg für 2017 und grüße dich ❤ lich aus Österreich!

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  5. Ich bin sehr foh hier Menschen gefunden zu haben,die für das Recht der Tiere kämpfen.Danke allen und auch ich werde helfen ,so gut ich kann.Alles gute und Erfolg im Jahr 2017.

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  6. Vielen Dank für deine lieben Wünsche, Eleonora. Toll, wenn Du jetzt auch loslegst. Mit einem Verein lässt sich manches doch besser bewerkstelligen, wenn auch viel Arbeit und Verpflichtungen damit verbunden sind. Ich drück fest die Daumen, dass alles klappt. Ganz lieber Gruß. Bettina

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