Seelenmarzipan

Alles reine Nervensache…

„Sie hat es nicht verstanden“, denke ich, als meine Freundin mir nach unserem Gespräch vorschlägt, einfach einmal ein paar Tage den Rechner auszuschalten und alles etwas leichter zu nehmen. Und dann erkläre ich ihr das Ganze noch einmal, diesmal etwas anschaulicher…

„Stell dir vor, du müsstest aus irgendeinem Grund ganz dringend ein Haus bauen, je größer und solider, desto besser aber du benötigst dazu die Hilfe anderer.  Also wirbst du um diese Hilfe und tatsächlich  beginnen bald andere, dieses Haus mit dir zu bauen.

Natürlich musst du allen auf der Baustelle deinen Plan vermitteln, damit sich die Mauern auch irgendwo treffen und ein Bauabschnitt auf den nächsten abgestimmt wird. Manche sind geübte Baumeister, was sie tun hat Hand und Fuß aber sie bauen dir vielleicht Betonträger und Bauhaus-Stil, wo du lieber gothische Türmchen wolltest und verlassen dann beleidigt die Baustelle, sobald du das monierst.

Manche sind ziemlich ungeübt oder ungeschickt aber dafür sehr motiviert und du musst viel Zeit an ihrer Seite verbringen, um sicherzustellen, dass alles klappt, denn du haftest für alle Fehler und Unfälle, die in diesem Haus passieren. Und sie passieren täglich, glaub mir! Wieder andere versprechen auf der Baustelle zu erscheinen aber sie kommen nicht oder nur sehr unregelmäßig und darunter leidet der Ablauf. Manche erscheinen anfangs tatsächlich zuverlässig, aber letztlich nicht, um dir zu helfen  sondern sie werben deine Helfer ab und verschwinden dann wieder. Meist hinterlassen sie als Dankeschön noch jede Menge ungebetener Ratschläge…

Ständig tauchen Helfer an diesem Bau auf, die wenig oder nichts beitragen aber die dir alles bereden, was bereits in Arbeit ist, die deinen Bauplan ungefragt neu skizziert haben und eingeschnappt sind, wenn du dein Haus trotzdem lieber nach deinen Vorstellungen bauen möchtest. Sie erzählen den anderen Handwerkern und Lieferanten, wie undankbar du bist und dass es besser wäre, die Arbeit niederzulegen oder zeigen dich bei den Behörden an.

Täglich treffen wichtige Materiallieferungen ein, für die du dich bedanken möchtest und die an den richtigen Bauabschnitt verteilt werden müssen. Daher kannst du es dir nicht leisten, auch nur einen Tag wegzubleiben, denn sonst verärgerst du vielleicht die Lieferanten oder die Lieferung wird falsch zugeteilt. Es gibt neben dir noch sehr viele andere, die ebenfalls Baumaterial und Helfer suchen, jeder Verlust an Material oder Arbeitskraft ist daher eine Katastrophe. Sobald ein Zimmer fertig ist, wird es sofort belegt, du brauchst den Platz. Zusätzlich sorgst du nun also auch für die Bewohner des Hauses, für ihre Bedürfnisse und die medizinische Versorgung, die meisten sind krank.

Während du im Keller die Erstellung des Fundaments überwachst, beschweren sich die Helfer am Dachstuhl lautstark, warum du so wenig präsent bist und die Lieferanten am Eingang sind enttäuscht, warum du dich nicht für die  Lieferung bedankst. Manche der Helfer können sich nicht ausstehen und nur sehr bedachte Einteilung verhindert, dass sie sich in die Haare geraten und die Baustelle verlassen, manche von ihnen ignorieren dich und agieren, als ob es ihre eigene Baustelle wäre.

Du beginnst langsam hellseherische Fähigkeiten zu entwickeln und erkennst Pfusch am Bau, ehe er stattfindet, deine Tonlage verändert sich unmerklich. Du mutierst zu einem Polier von der Sorte, die du eigentlich nie sein wolltest und beginnst damit, jeden kompromisslos nach Hause zu schicken, der Ärger macht oder den Bau behindert. Natürlich macht das dann noch mehr Ärger. Du reparierst stillschweigend den Pfusch am Bau, der hinterlassen wurde und nimmst dir vor, nie mehr im Leben freiwillig eine Baustelle zu betreten.

Zum Glück gibt es auch noch die wunderbaren Baumeister, denen du ohne jede Einschränkung vertrauen kannst, bei denen jeder Handschlag sitzt und die zuverlässig erscheinen, aber auch sie sind bald restlos überlastet, denn dein Haus wächst und wächst, die Verantwortung wird mit jedem Tag größer und es wird daher immer wichtiger darüber zu wachen, dass alle im Einklang miteinander arbeiten, dass die nötigen Materiallieferungen eintreffen, dass dir die Baubehörden keinen Strich durch die Rechnung machen,  dass nach wie vor ungefähr so gebaut wird, wie du es im Bauplan skizziert hast und sowohl Kranführer als auch Fensterbauer, Gerüstlieferant und Bodenleger koordiniert miteinander arbeiten und da sie das freiwillig tun, bist du jeden Morgen dankbar, für jeden, der zur unbezahlten Akkordarbeit erscheint!

Du hast dir sowieso längst angewöhnt, auf der Baustelle zu leben, zu essen, zu schlafen und deine eigentliche Arbeit mit dorthin zu nehmen. Du denkst nur noch an die Baustelle, du sprichst nur noch von der Baustelle, du träumst von der Baustelle…und du beginnst, die Baustelle manchmal zu hassen…aber dazu bleibt keine Zeit, denn es ziehen immer neue bedürftige Bewohner ein. Der Platz wird dringend gebraucht und du musst immer vielseitiger werden, im Keller die Inbetriebnahme der Heizung überwachen oder auf dem Dachstuhl den Kamin selbst reparieren, weil du dich mit dem Kaminbauer wegen seiner Arbeitsweise angelegt hast und er deswegen einfach nach Hause gegangen ist. Zu alledem musst du Streit zwischen den Bewohnern des Hauses schlichten, die alle dringend den Platz brauchen und sich nicht darauf einigen können, wer die fertigen Zimmer zuerst belegen darf …“

„Hör auf!“, lacht meine Freundin. „Mir schwirrt der Kopf und außerdem habe ich es bereits beim ersten Mal schon verstanden, als du mir erklärt hast, wie aufreibend es ist, einen Verein zu führen. Es ist ja nicht zu übersehen! Aber was hätte ich dir sonst  antworten sollen? Dass du komplett verrückt bist? Wir müssen es wohl auf die harte Tour durchziehen…Gib mir mal dein Handy!“

Der Punkt ging an sie.  🙂  Falls ich demnächst nicht online bin, dann hat sich diese Methode bewährt 😉

2 thoughts on “Alles reine Nervensache…”

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