Aufreger

Alles Nazi, oder was? Der leichtfertige Umgang mit einem Unwort

Offensichtlich ist über Nacht ein erschreckend großer Teil unserer Bevölkerung zum rechtsextremen Rand übergewandert und ehemals konservative oder tolerante Bürger sind zu Nazis mutiert. Jedenfalls könnte man diesen Eindruck erhalten, wenn man liest und hört, wie oft und für wen dieser Begriff neuerdings eingesetzt wird. Ich habe mir die Mühe gemacht, ein wenig zu sammeln, bei welcher Gelegenheit diese Zuordnung im Netz oder in den Medien getroffen wird. Nachfolgend ein paar Beispiele:

Du vergleichst die Hühnerbatterien mit dem Holocaust? Nazi!

Du bist strikt gegen Schächten und stellst die Rechte der Tiere über eine Religion ? Nazi!

Du bist verstört und sorgst dich, über die zunehmende Gewalt in unserem Land und kritisierst dabei auch den Umgang mit Wiederholungstätern, die zwar auf dem Papier bereits offiziell ausgewiesen wurden aber nach wie vor im Land und auf freiem Fuss sind? Nazi!

Du bist für eine kontrollierte Zuwanderung und möchtest nur denen Asyl gewähren, die tatsächlich unter Krieg- und Verfolgung leiden? Nazi!

Du bist nicht generell für Multi-Kulti sondern findest, dass dieses Ideal nicht unbedingt und überall funktioniert? Nazi!

Du findest, dass nicht alle Traditionen über Nacht entsorgt werden sollten, und Kreuze zu einem Teil deiner Kultur gehören? Nazi!

Du rechnest sachlich vor, dass bestimmte Aufgaben und Unterstützungen eine Belastungsprobe für unsere Sozialsysteme darstellen und daher vorher gut bedacht werden sollten? Nazi!

Dich ärgert, dass die Mittel für soziale Aufgaben in unserer Gesellschaft erst brutal gekürzt wurden und nun mit vollen Händen ausgegeben werden und hinterfragst die soziale Gerechtigkeit? Nazi!

Du bist nicht unbedingt ein Freund der EU und stimmst für eine unabhängige Regierung, fern von einem zentral gesteuerten Brüssel? Nazi!

Du denkst, dass bestehende Gesetze, Länderabkommen, das Grundgesetz im allgemeinen, immer und in jedem Fall  Gültigkeit haben und auch angewendet werden sollten? Nazi!

Du findest, dass das Bild deines Großvaters seinen Ehrenplatz behalten sollte, auch wenn er darauf eine Uniform der Wehrmacht trägt? Nazi!

Ich lese all diese Einschätzungen und wundere mich, wie schnell man doch heute ein Nazi ist. Denn ein Nazi war für mich stets jemand,  der das menschenverachtende, brutale Unrechtssystem des 3. Reiches gut hieß, jemand, der sich diese Auswüchse wieder zurück wünschte, jemand der die Verbrechen des Holocausts leugnet, jemand der andere wegen ihrer Herkunft oder Religion als geringer einstuft und jeden verachtet, der nicht Deutsch und arisch daher kommt. Naja, so ungefähr jedenfalls. Und natürlich habe ich meine Hausaufgaben in Geschichte ordentlich gemacht und ich bin wie jeder halbwegs normale Mensch so weit weg von dieser kranken Denke, dass ich mich sicher wähnte, niemals, niemals, niemals damit in Verbindung gebracht zu werden.

Trotzdem passe ich neuerdings sehr genau auf, was und wie ich formuliere. Denn nie war es einfacher, missverstanden zu werden. Meine ausgeprägte Wahrnehmung für Ungerechtigkeit, der Drang nach Freiheit, mein Sinn für Gerechtigkeit, Toleranz und auch mein Eintreten für Frauenrechte, Tierrechte, auch für Menschenrechte, kollidiert zunehmend mit dem, was öffentlich gesagt und gedacht werden darf, wenn man nicht in die gleiche Ecke gestellt werden möchte, in der zu Recht die Menschen mit braunem Gedankengut sitzen,  und sich schämen sollten.

Ich schäme mich aber trotzdem nicht, dass ich selbst einem AFD Politiker, demokratisch gewählt und von einer legalen Partei, wie jedem anderen Menschen, egal welcher Herkunft, sexueller Orientierung, Geschlecht oder Meinung, körperliche Unversehrtheit, freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit zugestehe. Ethik im Umgang miteinander gilt für alle und immer!

Ich schäme mich nicht, dass ich manchmal auch interessiert nachfrage, warum bis zum Eintreffen der Flüchtlinge nie Geld vorhanden war, um zum Beispiel marode Schulen zu renovieren, die Renten ordentlich aufzustocken oder die Tierheime staatlich angemessen zu subventionieren, jetzt aber offensichtlich überall genügend Mittel in Umlauf sind. Diese Frage beinhaltet für mich keinesfalls, weniger für die Flüchtlinge zu sorgen sondern es geht mir darum, auch auf die Not der hier bereits länger Lebenden aufmerksam zu machen.

Ich bin strikt gegen das Schächten, auch wenn es gegen die religiösen Bedürfnisse vieler Menschen verstoßen sollte. Wir haben hier in den Schlachthöfen bereits Tierleid en gros und das Letzte, was ich mir als fortschrittliche Entwicklung auf diesem Sektor wünsche, ist die Erweiterung um eine neue perfide Variante.

Und ich habe Angst. Angst um die öffentliche Sicherheit, aber besonders um die meines Kindes, das ich nicht mehr Nachts Bahn fahren lassen möchte, das ich nur noch mit ungutem Gefühl auf einer Großveranstaltung weiß , da sich die Vorfälle und damit die Wahrscheinlichkeit häuft, irgendwo in etwas verwickelt zu werden, das keine Mutter ihrem Kind wünscht. Auch diese Angst darf ich nicht äußern, da mir sofort jemand erklären wird, wie dumm und hetzerisch oder unbegründet diese Angst ist, dass es immer schon so war, dass ich relativieren muss oder jemanden in seinen Gefühlen verletzen könnte. Aber sie ist trotzdem da. Zusätzlich habe ich noch Angst, missverstanden zu werden, also schweige ich. Meistens jedenfalls.

Die wirklichen  Nazis sind längst unter uns

Braunes Gedankengut, …Nazis…wie Eingangs beschrieben, sind mittlerweile in unserer Gesellschaft verbreitet, und ich stimme jedem zu, der sagt, sie müssen entschieden bekämpft werden.  Manchmal denke ich aber, wir spielen diesen Menschen in die Hände, wenn wir ihr perfides Denken mit Dingen und Meinungen in einen Topf werfen, die dort nicht wirklich hingehören und die Begriffe wie „Nazi“ und „Rechtes Gedankengut“ weichspülen und salonfähig machen, …das Gefährlichste, was unserer freiheitlichen und toleranten Gesellschaft passieren kann.

4 thoughts on “Alles Nazi, oder was? Der leichtfertige Umgang mit einem Unwort”

  1. Ein hervorragender Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht! Mit Niveau und gutem Gedankengut!
    Es gibt aber leider Menschen, die nicht verstehen wollen, sondern lieber aburteilen ohne wenn und aber! Sie nennen sich dann Demokraten.
    Schön, dass Du es so einfach und direkt formuliert hast, damit es auch die hochstudierte Elite verstehen kann!

    LG Babsi

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  2. So sehe ich das auch! Und ich glaube sogar, dass sehr viele so denken wie Du und ich, aber aber……, keiner traut sich mehr etwas zu sagen! Diese Tatsache macht mir große Sorgen und erinnert an diese furchtbare Zeit des Grauens. Ich meine, es ist keine gute Entwicklung!

    Gefällt 2 Personen

  3. Wie immer liebe Bettina hast du den Nagel auf den Kopf getroffen.
    Seit 2016 sage ich oft (zu meinen Gegnern) mir machen die Flüchtlinge keine Angst.
    Angst macht mir die braune Masse die immer mehr aus ihren Löchern kriechen und ihren wahren Charakter öffentlich kund tun.
    Nun erscheint es mir auch reell warum Deutsche im Ausland den Ruf als Nazis haben, denneigentlich waren sie nie weg!
    Traurig und beängstigend….

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