Aufreger, Tierschutz

Der Weihnachtskarpfen in der Badewanne

Viele der liebevollen Erinnerungen an meinen Vater haben mit Essen zu tun. Er war ein begnadeter Koch  und seine größte Freude bestand darin, die Familie mit leckerem Essen zu versorgen und zu verwöhnen. An Festtagen stand er stundenlang in der Küche und zauberte die typisch bayrischen Festtagsmenüs aus dem Ärmel. Er liebte Tiere, wie wir alle in der Familie, aber in den 60er Jahren waren „Nutztiere“ noch nicht als fühlende Lebewesen im Bewusstsein verankert und so kam es, dass am Tag vor dem heiligen Abend traditionell in der örtlichen Fischhandlung ein „Weihnachtskarpfen“ aus dem großen Bassin ausgewählt wurde. Man suchte sich den kräftigsten und damit ergiebigsten Karpfen aus der Menge heraus. Er wurde mit einem Köcher aus dem Becken geholt, in eine Plastiktüte mit Wasser gesteckt, die Tüte wurde zugeknotet, und damit der Fisch auch wirklich frisch auf den Tisch kam , wurde er anschließend Zuhause in der Badewanne „aufbewahrt“, bis ihm ein Schlag auf den Kopf den Gar aus machte, er ausgenommen wurde und dann mit Zwiebeln und leckerem Sud in der Terrine am Tisch landete.

Ich sehe die Badewanne in dem schwarz-weiß gekachelten Bad noch vor mir, den Fisch, wie er im Wasser schwamm. Ich  denke, ich versuchte sogar, ihn zu streicheln. Ich war noch sehr klein und konnte die Gefühle nicht einordnen, aber irgendwie fühlte es sich falsch an, ihn morgen aufzuessen. Offensichtlich hatten an diesem Weihnachtsfest auch meine Eltern das Gefühl, dass es sich falsch anfühlte, den Fisch zu töten. Vielleicht weil wir Kinder Bezug aufgebaut hatten, ich ihm einen Namen gegeben hatte, vielleicht weil sie selbst mehr und mehr Empathie entwickelten und begannen, Traditionen in Frage zu stellen. Vielleicht beides, ich habe es vergessen und meinen Vater kann ich leider nicht mehr fragen. Aber ich weiß, dass es an diesem Heiligabend Linsensuppe gab und der Karpfen in einem Fischweiher im nahe gelegenen Wald die Feiertage verbrachte und sehr wahrscheinlich noch viele Tage danach. Es ist mittlerweile 50 Jahre her, seit ich intuitiv, ohne jede wissenschaftliche Studie begriffen hatte, dass Karpfen fühlende Lebewesen sind, Schmerzen empfinden und leiden können. Mittlerweile belegen wissenschaftliche Studien, was eine Fünfjährige ohne Mühe erkennen konnte. Die Redakteure der Süddeutschen Zeitung verfügen über dieses Wissen leider noch nicht.

Offensichtlich hat sich dieses Wissen trotz aller wissenschaftlichen Belege nach wie vor nicht überall herumgesprochen, anders kann ich mir den unsäglich empathielosen und dümmlichen Artikel nicht erklären, der kürzlich  in der Süddeutschen Zeitung zu lesen war. Es ging um Karpfenzucht und zur Auflockerung wurde von der Züchterin  eine „heitere Anekdote“ zum besten gegeben. Eine Geschichte, die weder unterhaltsam noch heiter war sondern erbärmlich. Tierquälerei, Grausamkeit und Folter in ihrer reinsten Form.

„Die Fische von der Ertl-Zucht sind so frisch, die zappeln noch, wenn man sie in den Kofferraum legt. Einen Weihnachtskarpfen aus Lochhausen sollte man deshalb tunlichst mindestens fünf Stunden liegen lassen, bevor man ihn zubereitet. Sonst kann es passieren, dass er aus der Pfanne hüpft. Chefin Simone Wiesinger (Foto: A. Schellnegger) erzählt bei dieser Gelegenheit gerne die Anekdote von einem Kunden, der einen bei ihr gekauften Fisch trotz Warnung sofort in die Röhre schob. „Im Backofen zappelte der Fisch dann so herum, dass die Ofentür aufging und er auf dem Boden landete.“ Das Festessen war beendet, bevor es begann.“(Quelle: Süddeutsche Zeitung. Der Link zum vollständigen Artikel ist am Ende des Betrags eingefügt)

„Karpfen sind neugierige und freundliche Wirbeltiere mit individuellen Persönlichkeiten“ so Dr. Tanja Breining, Fachreferentin für Fische und Meerestiere bei PETA. „Sie leiden, wenn man sie aus dem Wasser holt, wo sie sich weder bewegen noch atmen können.“ Inzwischen ist es eindeutig wissenschaftlich erwiesen, dass Fische Stress und Schmerz empfinden.
Wie wir Menschen sind auch Fische Wirbeltiere, die ihre Schmerzen äußern, wenn auch für den Menschen nur schwer verständlich. Außerhalb des Wassers schnappen sie unübersehbar nach Luft, sie winden sich und zappeln, was deutlich aufzeigt, dass sie Schmerz empfinden und unter starkem Stress stehen. Das  Schmerzempfinden von Fischen ist dem Schmerzempfinden anderer Wirbeltiere sehr ähnlich. Jeder einzelne Fisch, der aus den Tiefen des Meeres in die Atmosphäre gezogen wird, leidet unvorstellbare Qualen: Aufgrund des enormen Druckunterschieds zwischen Wasser und Land reißt seine Schwimmblase, der Magen quillt ihm aus dem Mund und die Augen aus den Höhlen, während er langsam und qualvoll über Minuten oder Stunden erstickt. Tierschutz oder Mitleid ist ein Fremdwort in der Fischerei,  viele Fische leben noch und sind bei Bewusstsein, wenn sie aufgeschnitten und ausgenommen oder gar lebend auf Eis gelegt werden.

Neben internationalen wissenschaftlichen Studien, die bestätigen, dass Fische Schmerzen spüren, kommt auch das Friedrich-Loeffler-Institut, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, in seiner Stellungnahme für die Bundesregierung zu dem Schluss, dass „Fische zur Schmerzwahrnehmung fähig sind und entsprechend als sensible Lebewesen behandelt und geschützt werden sollten.“ [1]

 

[1] Stellungnahme des FLI zu den Veröffentlichung von Rose et al. (2012) sowie Arlinghaus und Cyrus (2013) (Berichterstatter: Dr. Michael Marahrens, Dr. Inga Schwarzlose), 2013.

 

2 Gedanken zu „Der Weihnachtskarpfen in der Badewanne“

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