Tierschutz

Ich habe Todesangst vor Silvester

Es ist kalt und nass. Ich friere und habe Hunger. Winter ist grausam, für jedes Tier, das schutzlos auf der Straße leben muss. Ich musste lernen, damit zu leben, seit mein Besitzer mich in eine Kiste gepackt hat und dann einfach in diesem fremden Häusermeer zurück ließ. Ich war ein Hochzeitsgeschenk. Zur Belustigung der Menschenmenge mußte ich meine Kreise ziehen. Niemand hat bemerkt, wie verängstigt und verwirrt ich war, niemand wusste, dass ich den Weg zurück zu meinem Taubenschlag nie mehr finden würde. Alle lachten und klatschten, als ich panisch mit den Flügeln flatterte und versuchte, mich zu orientieren. Die Hochzeitsgesellschaft löste sich auf. Ich blieb zurück. Allein in einer fremden Stadt.

Seither kämpfe ich jeden Tag um mein Leben. Es gibt hier keine Nahrung, nur Abfälle. Es gibt keinen Unterschlupf, nur Dornen und Stahlnetze, wo ich mich gern niederlassen würde. Und als ob all das nicht schlimm genug wäre, wird hier bald die Hölle über mich und alle Leidensgenossen hereinbrechen.

An Silvester werden die Böller und die Raketen uns buchstäblich zu Tode erschrecken. Wir werden in Panik gegen Häuserwände fliegen, der Rauch wird uns die Orientierung nehmen und viele finden nie mehr zu ihren Schlaf- oder Futterplätzen zurück. Wir werden durch den Lärm, die Explosionen und den Rauch in unserer unmittelbaren Umgebung so in Angst und Schrecken versetzt, dass wir unsere letzten Energiereserven bei Kälte und Dunkelheit dafür einsetzen, zu fliehen. Aber es gibt kein Entkommen. Silvester in den Städten ist überall. Wir fliegen kopflos gegen Mauern, prallen an Hauswände und verenden elend, erschöpft, verletzt, geschwächt und hungrig. Die Menschen haben kein Geld uns verlassene Brief- und Hochzeitstauben angemessen zu versorgen. Sagen sie. Sie geben es lieber für Feuerwerk und Böller aus, 133 Millionen allein in diesem Jahr.

Tauben zur Hochzeit. Feuerwerk an Silvester…

Ist es nicht seltsam, dass so viele Menschen in unserem Land über das Leid der Tiere in anderen Ländern klagen?
Sie selbst würden niemals so mit einem Haustier umspringen, es einfach aussetzen, grausam verhungern oder erfrieren lassen, oder gar vorsätzlich misshandeln oder zu Tode erschrecken.
Ist es nicht seltsam, dass viele Menschen in unserem Land genau das mit uns tun?
Sie lassen zu oder unterstützen sogar, dass unzählige Haustiere ausgesetzt werden, grausam verhungern, erfrieren oder vorsätzlich misshandelt werden.
Vielleicht wissen sie nicht, dass wir Stadttauben Haustiere sind, nicht angepasst an das Leben in der Stadt aber genetisch dazu verdammt, an dem Ort zu bleiben, an dem wir aufgewachsen sind oder ausgesetzt wurden.
Wir Tauben in den Städten sind alle verirrte (vorsätzlich ausgesetzte) Brieftauben, Hochzeitstauben oder deren Nachkommen.
Wir finden in der Stadt keine artgerechte Nahrung. Wir sind keine Müllschlucker sondern Körnerfresser. Es gibt keine Körner in der Stadt. Nirgends.
Das Fütterungsverbot zwingt uns dazu, Abfall zu fressen, der uns krank macht.
Das Fütterungsverbot bewirkt, dass wir verlassenen Haustiere jeden Tag vor den Augen der „tierlieben“ Menschen elend verhungern, grausam erfrieren.
Wir werden verjagt, getreten, misshandelt, auf behördliche Anweisung getötet und unser Leid ist keinen Deut geringer als das der rumänischen Straßenhunde oder der griechischen Streunerkatzen. Hunger, Durst, Verletzungen und Krankheit beherrschen unser kurzes Leben.

Ich habe Angst vor Silvester, denn diese Nacht werde ich wohl nicht überleben.

Ist es nicht seltsam, dass die meisten Menschen unser Leid täglich sehen und doch nicht bemerken? Ist es nicht seltsam, dass diejenigen, die unser Leid bemerken und füttern sogar dafür bestraft werden?

Bitte beginnt das neue Jahr nicht mit Tierquälerei! Bitte füttert trotzdem weiter. Bitte lasst uns nicht im Stich! Ich werde bald nicht mehr hier sein aber nach mir werden andere meiner Art  kommen, die eure Hilfe brauchen. Bitte kauft für Silvester keine Böller, keine Raketen sondern ein paar Körner für uns. Für die vergessenen Stadttauben.

 

8 Gedanken zu „Ich habe Todesangst vor Silvester“

  1. Das denke ich mir jedes Jahr, was könnte man mit diesem unsäglichen Unsinn alles Gutes tun? Wer selbst einen Hund oder eine Katze hat, weiß wie sehr Tiere unter dem Krach leiden . Wie sollte es einem schutzlosen Wildtier besser gehen?
    Wir füttern ohnehin Vögel und Tauben werden nicht verjagt…

    Gefällt 2 Personen

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