Tierschutz

Frau Schneider ist sauer…

In der Vergangenheit habe ich bereits schon einmal die Arbeit in einem Tierschutz Verein mit einer Baustelle verglichen. Nachzulesen hier:  Alles reine Nervensache

Mittlerweile ist diese Baustelle zu einer Großbaustelle mutiert, es sind neben mir noch ein paar wenige Baumeister konstant, zuverlässig und genauso leidensfähig jeden Morgen erneut am Bauen, nachdem wir uns spät abends verabschiedet haben und müde ins Bett gewankt sind, oder zornig oder erleichtert, je nach Tageslage.

Insgesamt fühlt es sich jedoch zunehmend an, als ob ich den gesamten Dachstuhl als Dauerlast auf den Schultern trage. Nicht dass dieses Bauwerk keinen Nutzen bringt…es rettet jeden Tag Leben…und es findet viele Bewunderer und Helfer, die im Vorbeigehen einen Stein beisteuern, ein paar Risse flicken, Mut zusprechen oder mit viel Glück sogar in unser Haus kommen , sich ein Werkzeug schnappen und mitarbeiten.

Aber die einzige verlässliche Konstante bleibt die Not. Alles andere ist Glücksache. Teilweise von meinem Geschick und Verhalten abhängig und teilweise von Dingen, die ich nicht beeinflussen kann, oder vielleicht auch nicht mehr will. Auch mein Tag hat nur 24h,  irgendwie findet neben der ehrenamtlichen Arbeit und der anderen Arbeit (für Geld)  kein Leben mehr statt.   Mein Leben, ungezwungen und ohne Angst vor der nächsten Hiobsbotschaft hat sich irgendwo still und leise verabschiedet, genauso wie mein Vertrauen in die Menschen.  Verantwortung, gegebene Versprechen und auch der Wunsch, dass jeder sich wohl fühlt und bleibt, bestimmt meinen Tages- und Nachtplan.

Ein Chef, der seine Mitarbeiter nicht entlohnen kann, dessen Mitarbeiter alle weit verstreut im Land leben, die er nie gesehen hat und auf Verdacht eingestellt, ein Chef der aber dringend auf sie angewiesen ist, der beständig Entscheidungen über Leben und Tod treffen muss, langfristige Budgetplanungen treffen und für deren Einhaltung haften, der sich gegen Konkurrenz und Pfuscher zur Wehr setzen muss , …der ist ein armer Tropf und es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis ihn diese Aufgabe aufreibt.

Der eine geht, weil er keine Lust mehr hat, der andere erscheint nicht, weil er sich mit jemand gestritten hat, der dritte fühlt sich nicht genügend gewürdigt, der vierte hat private Probleme, die vor gehen, der fünfte ist krank, der sechste hat etwas missverstanden, dem siebten gefällt meine Nase nicht , der achte ist über Kritik an seinem Beitrag verärgert,  der neunte…ach was weiss ich… ! Letztlich ist es auch ganz gleich warum jemand ausfällt, geht oder hinwirft. Das Ergebnis ist immer das Gleiche. Ich habe ein Problem. Noch eines, zu den 1000 anderen.

Es wird manche überraschen, aber auch mir gefallen gute Umgangsformen, auch ich habe ab und an noch menschliche Regungen und bin verletzt oder enttäuscht von manchen Reaktionen. Keine Maschine, kein Perpetuum Mobile, das unendlich funktioniert, keine Klagemauer, nicht im diplomatischen Corps angestellt und auch kein Hellseher. Na gut, FAST kein Hellseher. Mittlerweile sehe ich Ärger kommen, auch wenn er noch hinter drei Ecken lauert  und jeder meint, ich sehe zu schwarz 😉 .

Ich weiss gerade nicht, ob ich mir das weiterhin antun soll, denn es wird sich nie ändern. Der Bedarf und die Verantwortung wird beständig größer. Die dazu nötige Sicherheit und das Fundament jedoch leider nicht stärker.

Ich weiss nur, dass all die wunderbaren Unterstützer, enttäuscht wären, wenn ich hier das Gleiche mache, was so viele im Team oder auch Spender für sich in Anspruch nehmen. (Und was ich absolut verstehe, nur ich kann das leider nie!)

Dass es keine gute Vorbildfunktion im Team wäre, für alle, die zähneknirschend mit mir durchhalten…

…und vor allem, dass es ein super Gau für alle Helfer an der Front wäre, deren Schützlinge im wahrsten Sinn des Wortes auf Gedeih und Verderb meiner Entschlossenheit ausgeliefert sind, all das irgendwie immer zu kompensieren.

Heute bin ich einfach einmal nur sauer. Über mich, weil ich mir auch in Hundert Jahren nicht das dicke Fell zulegen und die Empathie ablegen kann, die zum Durchhalten notwendig wären. Weil ich aus Gewissensgründen, wegen inniger Freundschaften, die mir am Herzen liegen und aus Prinzip keinen Rückzieher machen kann. Nicht einmal eine Pause. Ich halte meine Versprechen. Immer. Und weil alle Bemühungen um Stabilität und auch die sorgsamste Arbeit nicht verhindern können, das nichts im Tierschutz von Bestand ist. Außer der Not.

Irgendwann auch einmal einfach sagen dürfen: „Ich bin raus“… „ich ziehe mich zurück“ … „ich kann das nicht vereinbaren, mit“ … oder noch besser: ohne ein Wort verschwinden, aus Gruppen, aus Chats, die übernommene Aufgabe vernachlässigen und die anderen im Unklaren lassen, wie es weiter geht. Einfach einmal anderen die Erklärungen, Entschuldigungen und Kompensation für fehlende Unterstützer überlassen. Das würde sich gut anfühlen, wenn ich das ein einziges Mal dürfte. Wenn ich alle Verpflichtungen, vom Finanzamt bis hin zu laufenden Zahlungen, allen Anforderungen, allen verzweifelten Bitten um Hilfe so begegnen könnte. Dann würde zwar das Haus in kürzester Zeit zusammenbrechen, aber ich hätte wieder ein Leben. Und es ist nicht mein Haus. Es wurde für die gebaut, die es so dringend benötigen. Ich habe nur das Pech, auf der Baustelle zu wohnen 😉 .

 

Ich hasse es, wenn ich während der Arbeit ständig Dinge verliere … meinen Stift, meine Notizen, mein Leben, meine Träume, den Verstand

 

 

 

3 Gedanken zu „Frau Schneider ist sauer…“

  1. Auch wenn Du Dir noch soviel wünschst auszusteigen, würdest Du mit einer solchen Entscheidung nicht glücklich werden.
    Du hast Dich während Deiner Arbeit für scars verändert, das ist nicht mehr umkehrbar.
    Und gerade weil Du Herz und Empathie
    besitzt, würde Dir das schlechte Gewissen
    keine Ruhe lassen.
    Und somit hättest Du vielleicht mehr Zeit, aber keinen Frieden.
    Der einzige Weg ist, Gutes höher zu bewerten und Schlechtem keinen Raum zu geben.
    Dankbarkeit, Verständnis und Mitgefühl ist im Tierschutz ein Geschenk, aber mitnichten eine Selbstverständlichkeit.
    Halt die Ohren steif…. es ist Dein Weg❤️

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  2. Liebe Eva Maria Scheugenpflug, DU SPRICHST MIR AUS DER SEELE!!! Du hast geschrieben, was ich auch schreiben wollte –
    LIEBE BETTINA, das Aufhören, das „Sich – davon – stehlen“ würde dir nur kurzfristig Erleichterung bringen. Spätestens am nächsten oder übernächsten Tag hätte dich dein Verantwortungsgefühl, dein schlechtes Gewissen und die Liebe zu den Tieren eingeholt und du würdest mit deiner Arbeit dort weitermachen, wo du vor einem oder zwei Tagen aufgehört hast ……. nur die Zeit dieser beiden Tage würde dir fehlen 😦
    Ich kann nur nachfühlen, was du empfindest – eingespannt in deine Arbeit, ohne Aussicht auf Veränderung oder Verbesserung…..
    Von „außen“ wirkt deine „Firma“ FRIEDEN für PFOTEN stabil und zuverlässig – wie ein großes Schiff, das zielstrebig und ruhig seine Bahn zieht.
    Ich wünsche dir, dass „dein Schiff“ bald so ruhig über das „Meer der Nöte“ fährt, wie es den Anschein hat. und ich wünsche dir, dass du den Mut hast und die Möglichkeiten findest, immer wieder mal eine kurze Auszeit zu nehmen, damit du weiter die Kraft und Energie in dir findest, die du brauchst, um diese schwierige Aufgabe zu stemmen.
    Uns wünsche ich, dass du weiterhin der Kapitän / die Kapitänin (gibt es das? 🙂 ) bleibst.
    SCARS und seinen treuen Mitgliedern und Mitarbeitern wünsche ich, dass du weiterhin so eine starke und zuverlässige Hilfe und Partnerin bleibst.
    Den Tieren aber wünsche ich, dass du sie einfach immer weiter lieb hast….

    DANKE, Bettina ❤ – ❤

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