Seelenmarzipan, Tierschutz

Gibt es ein Leben ohne Facebook?

Ich las den ersten Kommentar unter meinem Beitrag, war genervt und setzte zu einer Antwort an. Noch während ich die Antwort schrieb, ploppten die nächsten Kommentare auf. Sinnlos! Es ist sinnlos zu versuchen, jemandem etwas zu erklären, wenn er nicht den Hauch einer Ahnung hat, was ich tue, warum ich es tue und wie es auf mich wirkt, was da gerade wieder passierte. Ich löschte den Beitrag auf Facebook, wechselte zu meinem Privaten Profil und schrieb :

Ich bin zur Zeit nicht auf Facebook erreichbar.

Dann loggte ich mich aus all meinen Accounts aus, fuhr den Rechner herunter, deaktivierte auch den Messenger und  die Facebook App auf meinem Handy. So einfach war es also. Ich war frei. Zum ersten mal seit…ja seit meine Tochter begann, im Ausland zu studieren und Facebook unsere Nabelschnur war. Es ist also bereits eine Weile her. Seit 5 Jahren bin ich 24h am Tag online. Erst ihretwegen, um immer greifbar zu sein, wenn gerade nicht die passende Telefonkarte aufgeladen war, dann in Sachen Tierschutz. Wie praktisch das für alle war, denn dadurch gibt es jemanden, der rund um die Uhr, sieben Tage die Woche ansprechbar ist. Ganz gleich, wo er sich aufhält und ganz gleich was er tut.

Wie spaßfrei die Arbeit auf meinem Privatprofil Bettina Marie oftmals sein kann, das habe ich in der Vergangenheit bereits einige Male geschildert. Es gibt einerseits den Druck, beständig in Kontakt zu bleiben…so ziemlich mit gefühlt jedem Menschen auf der Welt, der etwas mit Tierschutz zu tun hat, dann gibt es die lästige „Aufsichtspflicht“ der Vereinsarbeit, ob in jedem Resort alles rund läuft, ob jemand aus der Reihe tanzt, abgetaucht ist, etwas missverstanden hat, ob ein Dankeschön fällig ist oder eine Geburtstags Gratulation… und dann natürlich die Vielzahl meiner Veröffentlichungen und Übersetzungen, die ich alle nebenher erstelle. Ein paar Stunden abwesend und im Schnitt warten ein paar Hundert unerledigte Benachrichtigungen und Nachrichten auf mich. Aber das ist völlig Ok so.

Im Grunde mag ich es, wenn sich etwas dreht, ich selbst habe mir das Ganze so eingerichtet und die Resultate sind durchaus erfreulich, auch wenn es verdammt anstrengend ist. Die letzte Zeit ganz besonders, …wir wachsen enorm im Verein und das hat seinen Preis in Sachen Aufwand und Zeit. Ich zahle in gern. Auch mit dem Verlust der Freiheit, denn längst ist mein privates Profil kein privates Profil mehr. Ganz gleich was ich schreibe oder poste…mittlerweile wird alles argwöhnisch beobachtet, kommentiert, verbessert, ergänzt, hinterfragt…und wenn es nicht bei mir passiert, dann bei einem Mitstreiter oder Teamkollegen und auch dort ist Eingreifen gefragt.

Eine letzte kleine Insel war mir verblieben. Immer wenn ich all dem entgehen möchte, wenn ich gern für kurze Zeit etwas tun möchte, was mir richtig Freude macht auf Facebook, wo ich noch ein Stückchen Freiheit habe, dann beschäftige ich mich mit dem Karma Blog.  Ganz bewusst habe ich den Facebook Auftritt dieses Blogs frei gehalten von dramatischen Aufrufen, den übliche Tierleid Pics, frei von politischen Diskussionen…es sollten einzig positive Dinge dort erscheinen. Manchmal auch außergewöhnliche Rezept Ideen.

Es war diese Rezept Idee, unter der sich dann die Veganer Fraktion wie gewohnt zu Wort meldete und sich nicht nehmen ließ, wieder einmal auf Knochen und totes Fleisch im Zusammenhang mit Gelatine hinzuweisen, mich zu belehren, dass Gelatine nicht pflanzlich ist, kein gutes Karma, etc, etc. Ich möchte niemandem widersprechen denn niemand weiß besser als ich, wie Gelatine hergestellt wird, ich habe sogar einen Artikel darüber geschrieben.  Ich finde es widerlich. Und natürlich ist mir auch bekannt, dass Agar Agar unter anderem ein super Ersatz für Gelatine ist. Es war mein Versäumnis zu dem leckeren und ansprechenden Früchterezept nur die Original Grundzutat zu nennen, wie sie dort vermerkt war: Gelatine.

Naiverweise ging ich davon aus, jeder Veganer der das liest, weiß sofort, was zu tun ist, ihm ist geläufig, womit er Gelatine austauschen kann. Alle anderen Leser interessieren sich eher für die wunderschönen Bilder und die coole Rezeptidee. Ich hatte diesmal und besonders an diesem Ort keine Lust, ständig mit dem erhobenen Zeigefinger unterwegs zu sein, wollte einfach einmal nur entspannt ein leckeres Rezept posten und jedem überlassen, wie er es umsetzt. Was dann aus meinem Post wurde, fand ich einfach nur traurig. Anstatt schlicht zu kommentieren: Man kann Gelatine auch mit Agar Agar ersetzen, wurde die volle Breitseite aufgefahren. Ich hätte mich also sofort einbringen müssen, erklären, (für alle Nicht-Veganer), nachbessern etc. Die Freude an der schönen Rezept-Idee, einem harmlosen Beitrag, der vielleicht neue Leser und Unterstützer bringen sollte,  war gründlich verdorben.

Hat also  nicht so gut geklappt, mit der netten Auszeit  und war wohl der letzte Anstoß den ich benötigte, um zu tun, was ich mir schon so lange einmal vorgenommen hatte, und mir  immer wieder verwehrt, weil ich auf so viele und so vieles Rücksicht nehme: Abstand von Facebook.

Diese Entscheidung wurde so einfach, als ich darüber nachdachte, wie gedankenlos eigentlich die Mehrheit der Leser  und so mancher meiner Teamkollegen mit mir umgeht, wie gedankenlos und rücksichtslos im Allgemeinen dort agiert wird. Warum ich immer diejenige sein soll, die sich um alles und jeden Gedanken macht, voraus denkt, abwägt…während der Rest der Welt seinen Gefühlen und Gedanken unplugged seinen Lauf lässt.  Und jetzt bin ich also frei.

Keine Tierquälervideos zum Frühstück. Keine verzweifelten Anfragen, während ich mich anziehe. Keine Teamnachrichten, die beantwortet werden sollten, ehe ich ins Büro fahre. Keine Meldungen, über seltsame Kontobewegungen, die nachzuprüfen sind, während ein wichtiger Kunde anruft. Keine giftigen Kommentare unter einem meiner Posts, wenn ich im Supermarkt an der Kasse stehe. Kein schlechtes Gewissen, weil ich mich nicht an einer Spendenaktion beteilige, während ich gerade die eigenen Kontoauszüge checke. Kein Grübeln, ob ich dies oder jenes, schreiben, denken, kommentieren darf, während ich mich tierisch über einen politischen Artikel aufrege. Keine Tränen während einer Einladung bei Freunden, weil der Tod eines Pflegetieres berichtet wurde. Kein Eiertanz zwischen zerstrittenen Teamkollegen, während ich eigentlich längst in einem wichtigen Meeting sein sollte. Keine Seelsorge für alle Befindlichkeiten sämtlicher Mitwirkenden, während ich versuche endlich in Ruhe etwas zu essen. Keine Horrorbilder vor dem Einschlafen, und Grübeln, wie dort schnell Hilfe möglich wäre…

…nur die Vorfreude, endlich einmal wie alle anderen, ohne ständige Unterbrechungen meinem Leben nachzugehen, in Ruhe auf dem Blog hier aufzuräumen und zu überlegen, wie der ganze Wahnsinn eigentlich weitergehen soll…Es gibt unendlich viele Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit und der Spendenbeschaffung. Ich werde sie finden und entdecken. Es gibt ein Leben ohne Facebook. Zumindest ohne einen Dauerwohnsitz auf Facebook.

Allen die gestern unter mein Rezept für Früchte in Melonen kommentiert haben…Danke! Ohne euch wäre mir nie aufgefallen, wie verrückt es eigentlich ist, was ich jeden Tag tue. Ich tue nämlich wirklich enorm viel für unsere Mitgeschöpfe, selbst wenn ich einmal nicht erwähnt habe, das man Gelatine pflanzlich ersetzen, kann/soll/muss.  Aber viel wichtiger als dieser Hinweis war die Erinnerung daran, dass es ein Leben ohne Facebook gibt…geben muss 🙂

 

Ein Gedanke zu „Gibt es ein Leben ohne Facebook?“

  1. Ich finde es sehr interessant, was Du schreibst. Ich war wegen einer Fortbildung 2012 zu Facebook gegangen. Mittlerweile spiele ich aber auch schon oft mit dem Gedanken, dort wieder weg zu gehen. Was es mir schwer macht, ist, dass ich einige persönlich kenne, es auch eine Art zurückziehen im RL für mich wäre.

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