Seelenmarzipan, Tierschutz

Last Christmas im Mai…

Es ist nicht einfach für meine Freunde. Entweder ich bin beschäftigt, immer auf dem Sprung  oder angeschlagen und müde und Verabredungen mit mir enden nicht selten mit einer Absage. Immer is was! Meistens sind es verletzte oder hungrige Tiere, ein Projekt, das gerade anläuft oder anbrennt, jemand, der dringend etwas benötigt… manchmal auch mein (richtiger) Job, die auch weit in die Freizeit…nein falsch…die meine gesamte freie Zeit beanspruchen  und ich bin unglaublich dankbar, dass ich trotzdem noch ab und an gefragt werde, ob ich etwas mit unternehmen möchte.

Zu Beginn meiner Tierschutzaktivitäten war ich schier besessen von der Idee, meine Gedanken und alle Aktivitäten mit anderen und insbesondere mit Freunden zu teilen. Das hat sich längst geändert. Es ist unglaublich wohltuend, ein paar Stunden entspannt und ganz privat auch über Nebensächlichkeiten zu flachsen, eine gewisse Leichtigkeit zu spüren. Die erdrückende Mutter Teresa Rolle, immer verständnisvoll immer vorbildlich und immer einsatzbereit, abzustreifen und meine wirkliche Persönlichkeit hervor zu kramen. Ich bin jedesmal erleichtert, wenn ich diese Persönlichkeit noch finde unter all den Lasten und Pflichten, unter der großen Verantwortung, die ich mir selbst und aus freien Stücken ins Leben holte.

Gestern jedenfalls saß ich in einer lauen Sommernacht in einem wunderschönen, verwunschenen Cafe Garten, mit Menschen, die Tiere zwar auch mögen aber die sich auch noch für andere Dinge des Lebens interessieren, wir tranken Cocktails und mein Handy war aus.

Plötzlich kam aus dem Lautsprecher „Last Christmas“. Irgendwer hatte irgendwie diesen Ohrwurm unter die sommerlichen Töne gemischt, vielleicht aus Versehen, vielleicht mit viel Sinn für Humor… ich liebe diesen Song und die laue Sommernacht,  der malerische Innenhof und dazu die unerwarteten Klänge ergaben eine fast psychedelische Mischung in meinem Kopf.

Für einen Moment war mir glasklar bewusst, dass ich wieder zurück finden muss, dass es genau solche Momente sind, die das Leben lebenswert machen. Ich habe zu viel zerstörte und ausgemergelte Körper gesehen die letzten drei Jahre, zu viele Probleme anderer gelöst und gewälzt, zu viel Verantwortung auf meine Schultern geladen und unglaublich viel geleistet, das meiste davon im Hintergrund. Und alles war richtig so. Aber jetzt ist genug. Ich möchte nur noch… oder endlich wieder ohne schlechtes Gewissen das tun, was mir Freude macht, in Sachen Tierschutz.

Es ist so selbstverständlich geworden, Perfektion, Zuverlässigkeit, Verständnis und Einsatz rund um die Uhr zu liefern, immer verfügbar zu sein, mich wie ein Schulkind abzumelden, wenn ich ein paar Stunden nicht greifbar bin, auf alle Befindlichkeiten einzugehen…nur nicht auf meine eigenen.  Es ist sicher vorbildlich und zielführend, wie ich meine Persönlichkeit gebogen habe, um zu erreichen, was erreicht werden musste. Aber Mutter Teresa war nie mein Vorbild, ich mag sie nicht einmal! Es waren andere Frauen, die mich inspirierten, wilde, verrückte, unangepasste Frauen, die  aneckten und ohne Rücksicht ihr Leben lebten und ihre Meinung äußerten.

Kein guter Ansatz für die Frontfrau einer Tierschutzorganisation, die beständig unter kritischer Beobachtung steht, die Vorbildfunktion haben sollte und deren Verhalten immer Auswirkung auf das Gesamtprojekt hat, die sich beständig rechtfertigen muss…wenn nicht vor anderen dann vor sich selbst, weil niemals genug ist, was geleistet wird, weil für ein gelöstes Problem 10 Neue nachwachsen. Nicht machbar, wenn ohne Rücksicht auf Uhrzeit, Feiertage oder der für manche unvorstellbaren Tatsache, dass ich auch ein Privatleben haben könnte,  beständig Anfragen, Mails, Beschwerden, Wünsche, Rückmeldungen und Notrufe herein brechen, zusätzlich zu den täglichen Routine Aufgaben und auf Beantwortung warten.

Das Lied war längst verklungen aber die Gedanken hallten in meinem Kopf nach und ich ging sehr nachdenklich nach Hause. Normalerweise sollte am Ende eines Artikels eine stimmige Pointe erfolgen oder etwas, das die Leser motiviert, etwas mit Vorbildfunktion.

Aber stattdessen möchte ich heute lieber ehrlich schreiben, dass es sicher OK ist, wenn man manchmal mit viel Elan und Mut einen Berg erklimmt, nur um festzustellen, im Tal wäre es auch wieder ganz nett und sich fragt, was man in der zugigen Höhe eigentlich wollte.

„Wenn du es nicht mit Liebe tust, ist es Selbstverletzung“ … ein ganz wichtiger und sehr kluger Leitsatz. Zu vieles habe ich in letzter Zeit rein aus Pflichtbewusstsein getan aber auch zu viel unterlassen, …manches auch aus Angst oder aus Gewohnheit … vielleicht sollte man sich bei allen wichtigen Dingen im Leben von Zeit zu Zeit fragen, ob man sie wirklich noch mit Liebe tut und falls die Antwort „Nein“ sein sollte, hinterfragen, warum es so ist …nur so eine Idee 😉 .

„Last Christmas“ hat manchmal ganz seltsame Begleiterscheinungen, besonders, wenn man es in einer warmen Sommernacht hört…

 

2 Gedanken zu „Last Christmas im Mai…“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.