Kurzgeschichten, Seelenmarzipan

Der geheime Garten

Sie hasste Fernreisen und wehrte sich gegen jeden Urlaub, der auf einem anderen Kontinent stattfinden sollte. Es gab an den fernen Plätzen nichts mehr, was sie noch entdecken wollte. Es gab an den fernen Orten vieles, was sie nicht mehr sehen wollte.

Sie liebte die verborgenen Plätze in Europa, historische Städte, und auf dem Land die verwunschenen Anwesen und Hotels, die in keinem Reise Katalog zu finden sind.

Es war schwer geworden für ihn, sie zum Mitreisen zu bewegen. Diesmal lockte er sie mit einen geheimen Garten. Ein Gut in der Toscana, bewirtschaftet von Biobauern die jetzt als Hoteliers den Lebensunterhalt verdienten.

„Du wirst es lieben! Es gibt kaum Menschen dort, dafür alte Gemäuer, einen traumhaften Garten, gute Weine  und weit und breit kein Tierleid. Ein einziger, riesiger geheimer Garten.“

Als sie dort ankamen, war sie froh, seinem Drängen nachgegeben zu haben. Das Anwesen und dazu der riesige Garten hinter den dicken Mauern war wie das Setting aus einem Jane Austen Buch, das nach Italien verlegt worden war. Es war ruhig, fernab vom Touristenrummel und die Menschen bodenständig und herzlich, die das Hotel führten.  Ein paar wohlgenährte Katzen und ein alter Jagdhund, der im Eingangsbereich mitten im Weg lag, waren weit und breit die einzigen tierischen Bewohner.  Perfekt! Ihr Herz machte einen Sprung und sie freute sich, auf das erste Abendessen und war gespannt auf die anderen Hausgäste.

Zwei Ehepaare, eines aus England und das andere aus dem Norden ihrer Heimat saßen an den Nachbartischen und nach dem zweiten Glas Wein beschloss man, die Tische zusammenzurücken. Die Unterhaltung war angeregt, das Essen liebevoll zubereitet …nicht einmal ein Moskito war zu beklagen. Der perfekte Abend. Dann machte sie den Fehler, interessiert nachzufragen, was die anderen Gäste beruflich so tun würden.

„Ich repariere alte Musikinstrumente und meine Frau stört mich dabei“…scherzte der Ehemann des englischen Paares.

„Wir führen einen großen Hühnermast Betrieb“ , antwortete ihr Tischnachbar.

Sie sah aus den Augenwinkeln, wie ihr Mann sie angespannt musterte. Er ahnte, was kommen würde und versuchte den Abend mit einem Ablenkungsmanöver zu retten. Sie ging nicht darauf ein sondern stellte eine Reihe von Fragen… wie viele Tiere dort gehalten werden, nach Details der Haltung, der Art des Schlachtvorgangs und dem Transport ins Schlachthaus. Es waren Fragen, deren Antworten sie größtenteils bereits kannte. Der Hühnerbaron, wie er sich launig selbst nannte,  freute sich zunächst über das unerwartete Interesse. Aber bald war er irritiert und verunsichert, so wie alle anderen in der Runde und mit jeder neuen Frage bewegte sich die Stimmung am Tisch in kürzester Zeit rasant gegen den Nullpunkt. Die Kerzen flackerten nach wie vor romantisch in der lauen Abendnacht, der Duft des Lavendels wehte nach wie vor durch den Garten aber die Atmosphäre hatte sich schlagartig verändert. Es lag an ihr. Wieder einmal. Obwohl sie die Schilderungen über den Ablauf in einem Hühnermastbetrieb mit keinem Wort kritisiert hatte, war ihre Abscheu nicht zu übersehen. Sie hasste quer über den Tisch, ohne ein Wort zu sagen.

Um nicht den letzten Rest Stimmung für alle anderen zu zerstören, stand sie abrupt auf, nahm ihr Glas Wein und ging eine Runde allein im Garten spazieren. Der Gemüsegarten dehnte sich endlos aus,  weiter hinter die Mauern der alten Stallungen und der Mond schien so hell, dass er als Beleuchtung ausreichte, um die schnurgeraden Linien der Tomatenpflanzen, die sorgsam geharkten Salatbeete und die riesigen Kräuterbüsche zu bewundern. Sie setzte sich auf eine kleine Steinbank und atmete tief durch, schämte sich plötzlich inmitten all der Schönheit dafür, dass sie es sich und anderen manchmal so schwer machte. Warum war sie nicht einfach zum nächsten Thema übergewechselt, warum konnte sie nicht einfach die traumhaften Stunden genießen und die Welt und die Menschen so akzeptieren, wie sie sind? Was glaubte sie, dadurch zu verändern? War der Aufenthalt im geheimen Garten jetzt schon verdorben, ehe er überhaupt richtig begonnen hatte?

Als sie zurück kam, war die Terrasse leer. Niemand hatte nach ihr gesucht.  Offensichtlich war er bereits ins Bett gegangen oder es gab irgendwo  eine Bar, die sie noch nicht entdeckt hatte. Der Tisch war abgeräumt, nur ein einziges Glas stand noch darauf.  Ihr Lieblingscocktail, frisch gemixt. Die Eiswürfel waren noch nicht geschmolzen. Sie nahm einen großen Schluck und musst unwillkürlich lächeln, denn sie wusste, was er ihr damit sagen wollte. Und dann machte sie sich auf, ihn und die Bar zu finden.

Für den Rest des Aufenthalts würde sie es versuchen! Ihm zuliebe. Einmal so zu sein, wie alle anderen Frauen.. oder zumindest ein bisschen…

 

 

2 Gedanken zu „Der geheime Garten“

  1. Wunderschönes Toscana….eine Idylle, dein Mann liebt dich sehr…..warum muss gerade von 3 Paaren so eins dabei sein ??????? Ich versteh das so gut!
    Ich berschöinge deine Blogs, denn die meisten sprechen mir aus der Seele.
    Danke das es dich gibt….

    Gefällt 1 Person

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