Seelen Schokolade

Es tut mir sehr leid, Oma …

Hätte der Zufall oder eine Fügung nicht kräftig nachgeholfen, wäre ich bis heute der Meinung, meine Großmutter hätte mich nie geliebt und meine Gedanken für sie wären weiter gleichgültig und unterkühlt gewesen. Eine kaltherzige Frau, die ihre erstgeborene Enkelin immer ablehnte und die auch ansonsten nicht unbedingt eine Bereicherung für die Menschheit war. So blieb sie mir in Erinnerung und bis heute war ich nie an ihrem Grab, nicht einmal auf ihrer Beerdigung vor vielen Jahren.

Ihre drei Söhne haben insgesamt 6 Kinder, meine Cousins und Cousinen. Auch ihnen gegenüber war ich reserviert und setzte stets mehr auf Freunde, wenn es um familiäre Kontakte ging. Wir waren nicht verfeindet, wie das in manchen Familien der Fall ist aber wir teilten weder Hochzeiten noch Taufen miteinander, meine Tochter wusste nicht einmal, dass noch andere Familienteile in ihrem Alter existieren, auch wenn wir alle nur wenige Kilometer auseinander wohnen.

Irgendwann traf sie auf die Freundin des Freundes ihres Freundes und im Verlauf des Abends stellten die beiden jungen Frauen  fest, dass sie sich nicht nur unglaublich mögen sondern auch, dass sie miteinander verwandt sind. Großcousinen. Ihre Mütter waren Cousinen. Ich erinnere mich noch gut an die Empörung meiner Tochter, warum ich ihr das vorenthalten hatte, da sie sich als Einzelkind stets mehr Familie wünschte, nur um zufällig zu erfahren, dass direkt vor ihrer Nase, insgesamt 12 Großcousinen und Cousins, zwei nette Familien, existierten, mit denen sie bald innige Freundschaft schloss und die Freundin von damals ist bis heute Herzensfreundin und Ersatzschwester, was mich wahnsinnig freut.

Wir begannen uns auszutauschen, treffen uns regelmäßig und fragen uns oft, wie es so weit kommen konnte, dass wir voneinander der Meinung waren, wir würden uns nicht besonders mögen, warum es Normalität geworden war, keinen Kontakt zu haben. Ich denke, es wurde uns subtil von Klein auf beigebracht.

Gestern sprachen wir über meine Großmutter. Im Gegensatz zu mir hatten meine beiden Cousinen intensiven Kontakt zu ihr. Sie erzählten von einer Frau, die mit drei Jahren die Mutter verlor.  Niemand wusste, warum sie dahin siechte Wir vermuten, auch unsere Urgroßmutter hatte den Baufehler an den Nieren, den viele Mädchen in unserer Familie haben und der erst in den nachfolgenden Generationen operativ behoben werden konnte.

Sie wuchs mutterlos in einem Männerhaushalt auf. Eine schöne und entschlossene Frau, mit dunklen Haaren und blauen Augen, die ihren jungen Mann, die Liebe ihres Lebens,  in den Armen hielt, als er an einem Gehirntumor starb. Sie erzählten die Geschichte, von der verzweifelten Mutter, die ihr totes Kind auf den Armen durch das Dorf trug, das man zu spät aus dem Dorfbrunnen gefischt hatte und die dabei so schrie, dass man sie noch im Nachbardorf hörte.  Es war eine Mutprobe, die der Siebenjährige nicht überlebt hatte.

Später verlor sie auch noch meinen Vater, ihren Zweitgeborenen an eine Frau, die sie hasste, an meine Mutter. Bis heute weiß ich nicht, wo dieser Hass von beiden Seiten den Ursprung hatte. Es musste Zeiten gegeben haben, da war mein Vater seiner Mutter sehr eng verbunden gewesen. Das änderte sich schlagartig.  Ich kenne nur die Erzählungen meiner Mutter und die hatte mir immer wieder vermittelt, dass die Abneigung einzig von der anderen Seite ausgeht, meine Großmutter mich nicht sehen wollte, als ihr erstes Enkelkind auf die Welt kam und alle anderen Enkel vergöttert…nur eben mich nicht.

Ich wuchs damit auf, dass Besuche bei der Großmutter selten und nur eine lästige Pflicht sind, sie nur notgedrungen auf mich aufpasste, wenn es gar keine andere Lösung gab und sicher strahlte ich das mit jeder Pore aus, wann immer ich in ihrer Nähe war. Sie hatte keine Chance. Sie sprach auch nie darüber. Meine Großmutter war eine stolze und verschlossene Frau und  gewohnt, emotionale Verluste zu ertragen. Aber zu meiner Hochzeit, zu der sie nicht eingeladen war, schenkte sie mir 1000 Euro. Ein Vermögen, für ihre bescheidenen Verhältnisse und es machte mich damals bereits stutzig.

Als meine Cousinen mir gestern erzählten, wie oft sie nach mir gefragt hatte, wie wichtig ihr immer war, genau zu wissen, was ich tue, wie es mir geht und dass sie immer traurig über das gestörte Verhältnis war, sich immer nach dem Grund fragte, da begann ich fast am Tisch des Biergartens zu weinen. Wie sehr hätte ich eine Großmutter gebraucht, wie viel hätte ich von ihr lernen können. Ganz sicher war sie keine einfache Person aber ganz sicher auch nicht so, wie ich sie immer gesehen hatte. Ich fühlte mich schlecht, weil ich immer nur schlecht von ihr gedacht hatte. Der Hass hatte erfolgreich Wurzeln geschlagen, der von Anfang an in mein kindliches Herz gesät worden war und ich war ihr nie liebevoll oder zumindest unvoreingenommen entgegen getreten. Jetzt war es zu spät.

Es gibt kein Bild von uns beiden zusammen. Nicht eines. Ich hatte sie nie eingeladen, bei wichtigen Lebensereignissen dabei zu sein, obwohl sie nur ein paar Straßen weiter wohnte, in ihrem kleinen Häuschen, ihr ganzer Stolz. Keine Hochzeit, keine Taufe, keine Geburtstage.

Ich könnte sie heute am Friedhof besuchen. Aber viel näher fühle ich mich ihr im Wald. Die großen, alten Bäume dort, hat meine Großmutter selbst gepflanzt. Harte Forstarbeit. Sie brachte auf diese Weise ihre drei kleinen Söhne nach dem Krieg durch. Sie liebte ihre Söhne über alles. Auch und besonders meinen Vater. Ich hoffe, in der Welt, in der sie nun ist, hat sie sich mit ihm ausgesöhnt und die beiden fanden endlich wieder zueinander.

Es gäbe so viel, was ich sie gerne noch gefragt hätte…aber vor allem würde ich ihre gerne sagen…

Es tut mir leid, Oma ❤ Wir machen das jetzt besser. Deine Enkelinnen haben sich endlich  gefunden…und deine Urenkelinnen wurden wieder Familie  ❤

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „Es tut mir sehr leid, Oma …“

  1. Wir wissen niemals warum jemand etwas tut – weil die wenigsten Menschen ehrlich darüber reden. Sie vertrauen häufiger ihren Tagebüchern und Briefen ihre Empfindungen an.
    Weißt du, es gibt da eine schöne Geste aus alten Tagen, die dir vielleicht ein wenig helfen kann.
    Weißt du, was deine Großmutter gern aß?
    Bereite dieses Essen für sie zu, serviere einen Teller damit auf deinem Esstisch. Stell ein Foto von ihr auf den Platz, wo sie sitzen würde und sprich mit ihr, als wäre sie da. Rede dir deinen Kummer von der Seele.

    Es ist egal, ob du daran glaubst oder nicht, manche sagen, bei dieser Methode kannst du deinen Schmerz loslassen, andere meinen wiederum, du könntest mit ihrer Seele kommunizieren. Was stimmt ist zweitrangig! Solange es dir hilft!

    Stell im Anschluss den Teller nach draußen, quasie wie eine Einladung, dass sie sich jederzeit bei dir willkommen fühlen darf. Wer weiß, vielleicht spürst du dann in den folgenden Tagen ein gutes, warmherziges Gefühl oder eine zärtliche Hand auf deinem Kopf.

    Alles Gute – und nebenbei gesagt, ich versteh dich, weil meine Großmutter mir auch immer sehr wichtig war!

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