Kurzgeschichten, Lifestyle, Seelenmarzipan

Der Friedhof der wertlosen Träume

Meine Leidenschaft für Vintage, für Kostbarkeiten aus vergangenen Dekaden, führt mich immer wieder an interessante Orte. Das kann ein verlassener Friedhof sein, dessen Grabsteine spannende Geschichten erzählen, Trödelmärkte oder Second Hand Boutiquen. Heute war ich an einem Ort, den ich trotz aller Schätze, die dort in den Regalen standen, trauriger und bedrückender empfand, als jeden Friedhof, den ich bisher besuchte. Es war der Gebrauchtwarenmarkt der Diakonie, wo in erster Linie die Erben den Hausrat ihrer Eltern und Großeltern entsorgen, eine Fundgrube für schönes Geschirr, alte Schränke, Vasen, Bilder  … alles was das Herz eines Vintage Freaks  begehrt und was heute gar nicht mehr hergestellt wird.

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Neben jeder Menge billigem Tand und Scheusslichkeiten, der Stilrichtung „Gelsenkirchener Barock“ sah ich auch kostbare Kristallgläser, mit handgemaltem Goldrand, Teeservice aus feinstem China Porzellan oder kunstvoll gefertigte Vitrinen aus der Gründerzeit, die in billigen Regalen oder achtlos auf dem nackten Betonboden aufgereiht standen und zum Spottpreis verscherbelt wurden.

Unvermittelt musste ich an meine Großmutter denken, wie sie zu feierlichen Anlässen die „feinen“ Gläser aus der Vitrine nahm und mit Argusaugen darüber wachte, dass kein Rand, kein Tropfen Flüssigkeit auf ihren auf Hochglanz polierten Wohnzimmertisch kam. So wie sie müssen wohl auch die ehemaligen Besitzer über ihre Schätze gewacht haben, die teilweise wie neu aussahen, obwohl sie viele Jahrzehnte auf dem Buckel hatten. Jedes dieser Teile war einmal sehr kostbar für jemanden gewesen, vielleicht musste er lange darauf sparen, vielleicht waren es wertvolle Erinnerungen, wie die Silberpokale und Bierkrüge mit Widmung, die es in dieser Lagerhalle dutzendweise und fast geschenkt zu kaufen gab.

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Ich fragte mich, wie die ehemaligen Besitzer sich wohl fühlen würden, wenn sie sehen könnten, wie ihr behütetes Klavier zwischen billigen Pappbildern und vergilbten Stofflampen feil geboten wird, wie jetzt  ihre mit viel Liebe zusammengetragenen Sammeltassen zu Pfennigspreisen den Besitzer wechseln und an ihrer Prachtvitrine die Türe aus den Angeln hängt, weil jemand unachtsam damit umging, während sie in die Lagerhalle transportiert wurde.

Ob sie all die wunderschönen Dinge vielleicht öfter benutzt hätten? Ob sie vielleicht nicht lieber bereits zu Lebzeiten einen guten Verkauf arrangiert hätten und das Geld dann gespendet? Ob sie sich ärgern, dass sie sich über jeden Fleck und jeden Kratzer unnötig aufgeregt haben?  Ich weiss es nicht aber ich konnte die Atmosphäre des Bedauerns fast sichtbar zwischen den alten Möbeln und Gläsern wabern sehen, die Gegenstände erzählten mir ihre Geschichten, während ich von Regal zu Regal schlenderte und überlegte, wen ich „retten“ könnte, wer zu mir passt und noch einmal sein großes Comeback als wertgeschätzter und oft benutzter Gegenstand feiern sollte.

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Ich entschied mich heute für eine Lampe aus Gusseisen und ziseliertem Glas. Sie sah so aus, als wäre sie einst in einem Wohnzimmer zuhause gewesen, wo jemand Freude an verspielten Details und Qualität hatte. Das Eisen war auf Hochglanz poliert. selbst die Schrauben waren sorgsam gefertigt und die  Glasschirmchen versprachen angenehmes Licht. Sie kostete trotzdem kaum mehr als die dazu passenden Glühbirnen oder ein Plastikteil aus Fernost. Der Wert vieler Dinge ist sehr relativ, heutzutage ganz besonders…

Fast schon am Ausgang fiel mein Blick auf einen Karton mit Kakteen, viele Kakteen. Sie waren mir bereits vorher aufgefallen. Irgendjemand musste sie einmal liebevoll gesammelt und gepflegt haben. Jetzt standen sie viel zu eng aneinander gereiht in einem Pappkarton auf dem Fussboden und überall in der Lagerhalle verteilt, in der eisigen Zugluft und warteten darauf, zu verdorren oder vielleicht doch … mitgenommen zu werden.

Eigentlich mag ich keine Kakteen, mein rechter Mittelfinger ist jetzt noch geschwollen, von der letzten Umtopfaktion mit einem besonders widerspenstigen Exemplar, voller scharfer Stacheln  … aber sie gingen mir nicht aus dem Kopf. Sie waren einst einmal sicher sehr wertvoll für jemanden … der Traum einer eigenen kleinen Kakteen Sammlung, die hübsch aufgereiht auf der Fensterbank steht, die Töpfchen liebevoll mit Ziersteinen bestückt…und von einem Tag auf den anderen, mehr oder weniger Abfall…

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Ich glaube, morgen werde ich nachsehen, ob die Pflanzen noch dort stehen…

2 Gedanken zu „Der Friedhof der wertlosen Träume“

  1. Oh, das habe ich nie so gesehen. Ich war bisher nur einmal in so einer Sammelstelle, aber hätte ich damals den gleichen Blick auf die Dinge gehabt, hätte ich wahrscheinlich alles mögliche mitgenommen. Es ist faszinierend, wie selten sowas heute noch Wert hat – zumindest für uns junge Menschen. Mein Geschirr kommt von IKEA und wenn es kaputt geht, dann ist es auch egal. Das gute Geschirr zu lagern und zu besonderen Anlässen hervorzuzaubern – für mich eine ganz andere Welt. Aber auch wunderschön.
    Schöner und interessanter Beitrag auf jeden Fall.
    Liebe Grüße
    Dorie von http://www.thedorie.com

    Gefällt 1 Person

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