Kurzgeschichten

Heimat. Ich liebe sie…und das ist gut so!

Es war irgendwann, Ende der 80er Jahre, des letzten Jahrhunderts des letzten Jahrtausends, wir waren auf dem Rückflug von Tel Aviv nach Frankfurt.
Ich bereitete mit meinen Kolleginnen die Kabine für die Landung vor und ein Gast hatte noch nicht für seinen Rotwein bezahlt. Freundlich erinnerte ich ihn daran und bat ihn um den ausstehenden Betrag. Der ältere Herr sah mich abschätzig an, während ich mit gezückter Börse auf eine Reaktion wartete. Nach einer Weile sagte er schließlich auf Französisch:

„Ich werde nicht bezahlen, sie schulden mir und meinem Volk so viel mehr!“

Seine Worte kamen völlig unerwartet und machten mich sehr betroffen. Das dritte Reich und seine grauenhaften Verbrechen war seit jeher ein Thema, mit dem ich mich ausgiebig befasst hatte. Er musste mir nichts weiter erklären. Offensichtlich hatte er es auch nicht vor. Er widmete sich wieder seiner Zeitung, als wäre ich nicht vorhanden.

„Ich weiß nicht, wie mein Arbeitgeber dazu steht, aber es wäre mir eine Ehre, wenn ich sie zu diesem Wein einladen dürfte“. Ich hatte leise gesprochen, damit die anderen Passagiere es nicht mitbekommen und deutsch, denn ich war mir sicher, er hatte zu dieser Sprache familiären Bezug. Er hatte meine Antwort gehört und offensichtlich auch verstanden. Sein Lächeln, als er eilig in seiner Brieftasche nach dem Betrag suchte, ist mir noch heute gut im Gedächtnis. Ich glaube, er wusste, dass mir ernst war, mit meinen Worten und ich wusste, dass er Recht hatte, mit seinen.

Ein paar Wochen später wurde ich in Amman mit Steinen beworfen, weil ich mich, naiv und unwissend, aus dem geschützten Hotel, für einen ersten Erkundungsspaziergang bewegt hatte, ohne vorher die Landesgepflogenheiten zu studieren.

Lange Jeans, Trekking Schuhe, Sweatshirt und Sonnenhut waren bei 40 Grad im Schatten damals in Jordanien eindeutig zu freizügig. Ich hatte das sittliche Empfinden der Menschen dort verletzt, ohne es zu wollen. Auch diese Episode hat sich eingebrannt, als die schweren Pflastersteine völlig unerwartet und beängstigend dicht, neben mir aufschlugen. Die wütenden Beschimpfungen der in schwarze, bodenlange Gewänder eingehüllten, älteren Frauen, die zum Glück nicht genügend Kraft hatten, mich richtig zu treffen, die konnte ich erst später deuten. Ich wusste absolut nicht, was sie von mir wollten. Verstört flüchtete ich wieder zurück in die Scheinwelt meines Luxushotels und musste mangels Internet (prä-handyianische Ära ) warten, bis mir ein älteres Crewmitglied erklärte, warum mir passiert ist, was mir passiert ist und warum es völlig normal war. Andere Länder, andere Sitten und wer diese Länder bereist, muss sich anpassen, wenn er Ärger vermeiden möchte. As simple as that . 1981 war mir das noch nicht ganz so geläufig… aber ich lernte schnell…manchmal auch auf die harte Tour.

Ich liebte Indien und nutzte die Aufenthalte regelmäßig, um mit dem Taxi bestimmte karitative Einrichtungen zu besuchen oder um einfach auf bequeme Art, möglichst viel von der Umgebung zu sehen. Ich war mir auch damals nicht sicher, ob es eine gute Idee war, diese Ausflüge allein zu unternehmen, aber da nicht immer jemand Lust hatte, zwischen weinenden Babies und Kleinkindern den Tag zu verbringen, blieb mir keine andere Wahl. Einmal ging es gründlich schief. Der Taxifahrer in Neu Delhi, wählte nicht den direkten Weg zu dem Waisenhaus, für das ich Kinderbekleidung mitgebracht hatte, sondern fuhr zügig Richtung Stadtgrenze und hielt bei einem verlassenen Fabrikgelände an. Er drehte sich vom Fahrersitz zu mir um und sagte. „We fuck now!“
Mir war übel vor Angst, ich scannte die Umgebung, rechnete mir die Chancen aus, schneller auf andere Menschen zu treffen, als er mich einholen würde und setzte dann auf Überzeugungskraft. Er sprach Englisch und ich konnte ihn davon überzeugen, dass er es bitter bereuen würde, wenn er mich nicht sofort dort ablieferte, wo ich hin wollte. Keine Ahnung, ob ich heute noch die Nerven dazu hätte, aber ich kam wohlbehalten im Waisenhaus an.
Es gab wunderschöne aber auch gruselige Erlebnisse, in der Zeit, als ich mir vorgenommen hatte, einmal rund um die ganze Welt zu reisen, Länder und Leute und ihre Sitten zu studieren, wobei die wunderschönen, berührenden und positiven Begegnungen immer und überall den Löwenanteil ausmachten.

Ich begann diese Reise völlig unvoreingenommen, naiv und mit einem so überaus positiven Menschenbild, das heute so manchen selbsternannten Political- Correctness- Heiligen, vor Neid erblassen ließ.

Zwölf Jahre später hatte ich mein Vorhaben ziemlich konsequent umgesetzt. Ich fand in jedem Land und in jeder Kultur gute Freunde, aber ich erkannte mit der Zeit auch, dass manche Dinge die mir nicht gefallen, in manchen Gegenden häufiger vorkommen als in anderen, oder sogar dort zur Tradition gehören. Oftmals hatten sie mit Religion zu tun.

Leider kann ich über all das nicht mehr offen berichten, ohne mich dabei in Teufels Küche zu schreiben.

Würde ich heute ehrlich schreiben, was ich in den jeweiligen Ländern damals lernte, beobachtete und dachte, wäre ich mit Sicherheit in großen Schwierigkeiten. Ich müsste jedes Wort, jeden Satz gründlich überlegen und political correct zensieren, auch wenn das Erlebte noch so wahr ist auch wenn meine Schlussfolgerungen noch so nachvollziehbar sind. Besonders meine Erfahrungen als Frau in Ländern, deren Gesellschaft von Religion dominiert war und daher immer mit strengen patriarchalischen Strukturen einher ging, die waren nicht immer schön, dafür sehr lehrreich.

Vor 20 Jahren hätte ich einfach aufgeschrieben, was ich erlebt und wahrgenommen habe und meine Gedanken dazu. Aber das darf ich nicht mehr. Die Political Correctness, die neuen, ungeschriebenen aber durchaus vorhandenen Zensur Gesetze, die sich beständig verschärfen, hindern mich daran.

Auch über mein eigenes Land darf ich nicht mehr schreiben, was ich gerne möchte.
Noch vor wenigen Jahren wäre niemals jemand auf die wahnwitzige Idee gekommen, mich als Rassist oder Nationalist zu diskreditieren, nur weil ich schreibe, wie sehr ich mein Land mag, die Bräuche, die Traditionen und dass ich sie ungern aufgeben würde, ja sogar bewahren, …notfalls verteidigen möchte.
Heute kann mir das durchaus passieren und daher schreibe ich es nicht mehr. Allerdings muss ich gestehen: Ich denke es noch.
Ich liebe mein Land, meine Heimat und sehe keinen Grund, mich dafür zu schämen.
Immer wenn ich meinen Freunden rund um die Welt vorschwärme, warum ich meine Heimat Bayern so liebe, dann fallen auch die Worte: Freiheit, Gemeinschaft, Werte, Tradition und Sicherheit… Heimat eben.
Ein wunderschönes Wort, mit positiver Bedeutung, das nicht abgrenzt sondern vereint!

Es ist nicht meine Schuld, dass  manche ein Problem mit dem Wort „Heimat haben“. Es ist ihr Problem, nicht meines!

Und was die Reiseberichte angeht…die erzähle ich irgendwann einmal, meinen Enkelkindern unter vier Augen. Für sie bewahre ich auch die wunderschönen Kinderbücher-Klassiker im Original auf, die mittlerweile alle umgeschrieben wurden. Man übermalt kein Kunstwerk, weil es nicht mehr zeitgemäß erscheint und man schreibt auch keine Bücher um, das tun einzig Diktaturen! Aber,… Pssst ❤

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Das letzte Bild, ehe ich die Uniform für immer auszog …weil ich HEIMWEH nach der HEIMAT hatte ❤

2 Gedanken zu „Heimat. Ich liebe sie…und das ist gut so!“

  1. Liebe Bettina, danke für dein Statement! Erkenne mich da sehr wieder, auch ich bin viel unterwegs gewesen, alleine als Frau in den 80 und 90ern. Auch in arabischen und ost- und südeuropäischen Ländern. Das war im nachhinein betrachtet hardcore, dich hat es sehr zu meiner Persönlichkeitsbildung beigetragen. Ich habe eine Meinung, kann mich wehren, verbal und körperlich und das ist gut so! 😘 und auch in den political correct times von heute, sage ich meine Meinung. Und wenn jemand ein A… lo… ist, kümmert es mich nicht ob er/sie rot/gelb/grün/rosa-gepunktet oder schwarz-kariert ist.
    Danke für deine Gedanken, nicht nur diese hier, sondern insgesamt.
    Lieben Gruß Martina 😘

    Gefällt 1 Person

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