Chance, Seelenmarzipan

Depression ist wie Schnee…

An manchen Tagen ist der Schnee nur ein paar Zentimeter hoch. Das sind die „Guten Tage“. Natürlich behindert er dich überall, aber du schaffst es trotzdem zur Arbeit oder zum Einkaufen. Vielleicht lässt du aber vorsichtshalber lieber den Sport oder die Geburtstagsparty deiner Freundin aus, denn es schneit ununterbrochen und du weisst nicht, wie die Lage heute Abend aussehen wird. Am Besten gehst du direkt nach der Arbeit nach Hause. Deine Freunde registrieren die Absagen natürlich aber sie denken wahrscheinlich, du bist ein bisschen zimperlich oder einfach nur ein Arschloch.

An manchen Tagen liegt ein halber Meter. Du verbringst eine Stunde damit, den Schnee aus deiner Einfahrt wegzuschaufeln und bist wieder einmal zu spät. Du erscheinst zur Arbeit oder zur Verabredung mit schmerzenden Händen und schmerzendem Rücken. Sie schmerzen vom Schneeschaufeln und du spürst sie den ganzen Tag. Du gehst frühzeitig, denn es schneit immer weiter. Alle registrieren das, niemand versteht den Grund.

An anderen Tagen schneit es zwei Meter hoch. Du schaufelst den ganzen langen Morgen aber schaffst es einfach nicht, den Weg passierbar zu machen. Du schaffst es weder zur Arbeit noch sonst irgendwohin. Du bist so ausgelaugt und müde und möchtest einfach nur zurück ins Bett. Wenn du wieder aufwachst, ist alles, was du vorher mühevoll freigeschaufelt hast, wieder von einer schweren Schneelast bedeckt. Du beginnst von vorn.

Du hörst dein Telefon klingeln. Man wundert sich, wo du bleibst. Dir ist nicht danach, zurückzurufen, du bist einfach zu müde vom Schneeschaufeln. Außerdem schneit es bei allen anderen nicht, oder viel weniger, als bei dir.  Sie verstehen also nicht, warum du  feststeckst. Sinnlos, es ihnen zu erklären. Sie denken du wärst nur faul oder schwach, aber das sagen sie natürlich nicht zu dir. Nur hinter deinem Rücken.

Es gibt Wochen, da kämpfst du mit einem ausgewachsenen Blizzard. Sobald du die Haustüre aufmachst, stehst du vor einer Schneewand. Die Stromversorgung flackert, dann bricht sie komplett zusammen. Es ist mittlerweile viel zu kalt, um im Wohnzimmer zu sitzen, also legst du dich mitsamt deiner Bekleidung ins Bett. Auch der Ofen und die Mikrowelle funktionieren nicht mehr und du isst nur Knäckebrot oder Schokolade und nennst es „Abendessen“.  Du hast auch seit drei Tagen nicht mehr die Haare gewaschen aber wie hättest du das bewerkstelligen sollen, unter diesen Umständen? Es ist kalt…eiskalt…Zu kalt, um irgendetwas anderes zu tun, als aushalten und schlafen.

Manchmal ist man den gesamten Winter eingeschneit. Die Kälte ist in alle Ritzen gekrochen. Keine Kommunikation mehr möglich. Nicht hinein und nicht hinaus. Es ist nichts mehr zu Essen im Haus. Was solltest du dagegen tun? Allein einen Tunnel mit deinen bloßen Händen durch eine 10 Meter hohe Schneewehe graben? Wie weit ist es, um Hilfe zu erhalten? Würdest du es überhaupt bis dorthin durch den Blizzard schaffen? Und wenn du es schaffen würdest, wer würde dir helfen? Vielleicht ist es tödlich, im Haus zu bleiben aber es es ist mindestens genauso tödlich für dich, nach draußen zu gehen.

Die „Welt da draußen“ ist sehr oft eisiger und unbarmherziger, als jeder Blizzard, wenn man nicht mehr wie gewohnt funktioniert.

Wenn es ununterbrochen schneit brennst du aus, bis an deine Grenzen. Du hast es satt, beständig zu frieren. Du hast es satt, ständig mit vom Schneeschaufeln schmerzenden und wunden Händen zu leben. Aber wenn du es nicht schaffst, an den „guten Tagen“ zu schaufeln, wie ein Idiot, dann baut sich die Schneemasse  zu etwas Unüberwindbarem auf, an den schweren Tagen. Du wünscht den verdammten Schnee zum Teufel, aber das interessiert ihn nicht. Er ist eine Naturgewalt, blinde Chemie…die den Naturgesetzen folgt, und der völlig gleichgültig ist, ob sie dich unter sich begräbt oder die ganze Welt.

Diese Schneemassen erobern auch andere Gebiete deines Lebens. Gebiete, an denen du sie nicht einfach wegschaufeln kannst, manchmal liegt der Schnee an Orten, die du nicht einmal sehen kannst. Manchmal liegt er schwer auf dem Dach. Vielleicht bedeckt er aber bereits den Berg, hinter deinem Haus.

Und manchmal löst sich von dort eine gewaltige Lawine, die dein Haus komplett aus den Fundamenten reißt und dich dazu. Eine Naturgewalt, gegen die niemand etwas ausrichten kann. Dann gibst du endgültig auf. Du tauchst für immer ein und verschmilzt mit der Kälte, du bist müde, zu kämpfen und heißt die ewige Stille willkommen.

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Den Nachbarn und Freunden ist das im Nachhinein völlig unbegreiflich. Sie sagen, ..“was für ein Jammer, sie wirkte so stark, sie hat doch immer tapfer geschaufelt und kam so gut zurecht. Sie lächelte sogar stets, wenn sie Schnee schaufelte. Wie konnten wir das ahnen?“

Ich weiß nicht, was letztlich der Auslöser ist, wenn jemand aufgibt und eine finale Lösung wählt, um der ewigen Kälte und dem sinnlosen Kampf zu entfliehen. Wenn er dem Sog der Lawine einfach nachgibt. Vielleicht werden manche von der Lawine fortgerissen, sie kommt ohne jede Vorwarnung. Für andere ist vielleicht einfach der endlose Winter nicht mehr länger zu ertragen. Vielleicht haben sie bis ganz zum Schluss tapfer geschaufelt, vielleicht auch nicht. Aber man sollte sich bewusst machen, wie es sich anfühlt…wie ewiger Schnee sich anfühlt…ehe man urteilt.

Ich glaube fest daran, dass Verständnis und Mitgefühl die Grundlage jeder Hilfe sein sollten. Ich habe leider auch keine Heilsbotschaft für Menschen mit Depressionen oder chronischen Schmerzen.

Auf keinen Fall werde ich hier schreiben :“Schaufelt fleißig weiter, denkt positiv, strengt euch mehr an, sprecht über eure Nöte, sucht euch Hilfe und alles wird gut“

Das wäre nämlich idiotisch. Denn natürlich schaufelt jeder in dieser Situation bereits, was er nur irgend bewältigt, bis zu dem Punkt an dem er körperlich einfach nicht mehr kann, an dem er zusammenbricht oder aufgibt. Denn wer um alles in der Welt, möchte freiwillig in seinem eigenen Haus zu Tode erfrieren?

Wer selbst davon betroffen ist, weiß nur zu gut, was auf dem Spiel steht und hat mit großer Wahrscheinlichkeit alles bereits versucht, was ihm helfen könnte. Er weiß auch, dass Jammern keine Hilfe bringt, sondern noch einsamer macht. Und auch, dass unser Gesundheitssystem, der eiskalte  Bürokratie-Moloch,  eher eine weitere Lawine darstellt, anstatt Hilfe zu gewähren. Vergesst es!

Meine Heilsbotschaft geht daher nicht an euch, liebe Leser, falls ihr an Depression oder chronischen Schmerzen leidet, sondern sie geht an eure Nachbarn:

„Schnapp dir eine verdammte Schaufel und hilf deinem Nachbarn! Montiere den Schneepflug an deinen Jeep und hilf ihm, die Einfahrt zu räumen. Versorge ihn mit Streusalz und Handschuhen… auf gute Ratschläge kann dein Nachbar verzichten“

(c) Bettina Marie Schneider

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Teilen des Textes wäre sehr nett…kopieren verletzt das Urheberrecht und ist verboten.

blizzard

Diesen Text fand ich im Netz. Anonym. Er wurde von mir übersetzt und ergänzt/abgewandelt, da ich finde, er beschreibt nicht nur treffend  Depression sondern auch sehr gut die Situation von chronisch Erkrankten, die dauerhaft  Schmerzen leiden. Nicht für eine Stunde, nicht für einen Tag , nicht für eine Woche…sondern Schnee…das ganze Jahr über…jedes Jahr!

Die „Welt da draußen“ ist sehr oft eisiger und unbarmherziger, als jeder Blizzard, wenn man nicht mehr wie gewohnt funktioniert.

 

7 Gedanken zu „Depression ist wie Schnee…“

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