Kurzgeschichten, Seelenmarzipan

Walpurgisnacht …der Zauber des Loslassens

Jeder feiert die Nacht auf den 1. Mai anders. Manche sehen es einfach als schöne Gelegenheit, einmal wieder zu tanzen, manche freuen sich nur auf den freien Tag und eine Wanderung und für einige ist diese Nacht magisch und sie feiern die Nacht des Sommeranfangs mit einer  Zeremonie.

Man ehrt die Natur, zelebriert die Fruchtbarkeit allen Seins und bittet um Schutz für das neue Jahr. Das keltische Jahr wird in die helle und in die dunkle Jahreshälfte unterteilt. Samhain läutet die Winterzeit ein, während Beltane den Beginn des Sommers markiert.  Und wenn schon gerade eine extra Portion Magie in der Luft liegt, kann man sie praktischerweise auch noch für andere Dinge nutzen. Ich wollte in diesem Jahr gerne den Zauber des Loslassens zur Anwendung bringen…

Loslassen ist die Meisterdisziplin aller Hexen, denn nichts ist schwerer als… wenn man zwar könnte...Hexen ist nichts unmöglich…aber nicht möchte…und es dann auch wirklich nicht tut….wenn man einfach loslässt. Einfach ist schwer!

Bereits vor Tagen machten wir uns auf den Weg um die nötigen Zutaten für  das Ritual zu besorgen. Mittlerweile habe ich die Rituale meinen Kochkünsten angepasst…einfach, effektiv und idiotensicher.

Ein paar Schlüsselblumen von einem Ort des Friedens, für Ruhe im Herzen, um gute Entscheidungen des Loslassens zu treffen.

Ein paar Bärlauchblätter, für Widerstandskraft und Gesundheit, um diese Entscheidungen auch standhaft zu vertreten.

Ein paar Zweige von den küssenden Weiden, um in Liebe loszulassen

Wasser aus einer reinen Quelle, die direkt aus der Erde kommt, für reine und ehrliche Absichten, die aus der tiefsten, eigenen Quelle der Seele entspringen.

Die küssenden Weiden waren leicht zu finden, sie stehen jedes Jahr brav am gleichen Ort, den ich natürlich nicht verrate, genau wie das Bärlauchfeld, aus dem wir großzügig ernteten. Neben dem Zauber sollte auch noch ein leckeres Pesto dabei herausspringen. Meine Handtasche stinkt heute noch. Note to myself: Das nächste mal eine Papiertüte mitbringen oder die Rezeptur ändern. Maiglöckchen wären auch nett.

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Auch das Quellwasser sprudelte reichlich aus der kleinen Quelle, in der Nähe von Kloster Banz. Wir stiegen über die glitschigen Steine hinunter und füllten die Fläschchen ab und machten uns dann auf den Weg, um Schlüsselblumen von einem Ort des Friedens zu pflücken.

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Besagter Ort heißt übrigens wirklich „Ort des Friedens“ im Volksmund. Dieser Name ist für den alten jüdischen Friedhof überliefert, der seit dem Jahr 1620 den ewigen Schlaf seiner Bewohner hütet, etwa 2000 waren es, über die Jahrhunderte und viele der alten Grabsteine sind auch heute noch gut erhalten, jeder für sich ein Kunstwerk. Ich liebe diesen Ort, an dem schon seit langer Zeit keine Begräbnisse mehr stattfinden. Er wird sorgsam gepflegt und ist von einer Mauer geschützt.

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Der  jüdische Friedhof hat wie durch ein Wunder die Nazizeit überstanden, er sollte mehrfach „geschleift“ werden aber immer passierte etwas, das seinen Fortbestand sicherte. Eine fast magische Kette von glücklichen „Zufällen“, bewahrte ihn vor der Zerstörung. Die ewige Ruhe und der Frieden an diesem malerischen Ort, mitten im Grünen, wurde ironischerweise dann erst in den 70er Jahren gestört, als eine Schändung des Friedhofs in der Nacht zum 24. Februar 1973 stattfand.

Mehr als 600 Grabsteine waren umgeworfen und teilweise zerstört worden.  Die Schlagzeilen überschlugen sich in der Weltpresse und neben rechtsextremen Tatmotiven wurde auch ein Racheakt an den Israelis, für den  Abschuss einer libyschen Verkehrsmaschine in Betracht gezogen.  Die Täter waren jedoch weder Nazis noch Terroristen sondern Idioten aus der Umgebung, junge Männer, die volltrunken nach einer Faschingsparty ihr Unwesen trieben. In Zusammenarbeit mit dem Israelitischen Landesverband wurde der Friedhof durch die Stadt Burgkunstadt wieder hergerichtet. 

Heute erinnert nichts mehr an diesen Vorfall, nur das verschlossene Tor und die hohe Mauer um den Friedhof …und hinter der hohen Mauer, blühen um diese Jahreszeit im strahlenden Sonnenlicht, unzählige Schlüsselblumen zwischen den Gräbern und auf der kleinen Wiese, wo einst die Grabsteine standen. Ein Sinnbild des Friedens und der Ruhe.

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Das war dann der sportliche Teil und der kleine Nervenkitzel unseres Ausfluges. Ich segnete zum Abschied die Bewohner des verlassenen Friedhofes, während ich mich mühsam zurück über die Mauer hievte.

Was für ein Glück, dass dieser Ort des Friedens vor der Zerstörung bewahrt wurde! Er hat seine ganz eigene, sanfte Magie.

Auf der Heimfahrt schnupperte ich immer wieder an den duftenden Blüten der Schlüsselblumen, nicht zuletzt, um den Geruch des Bärlauchs aus der Nase zu bekommen. Aber wir hatten alle Zutaten gefunden und als erfreulichen Nebeneffekt auch noch einen wunderschönen Tag verbracht.

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Bärlauch, Schlüsselblumen und Weidenzweige müssen jetzt nur noch im Licht des Vollmondes trocknen… und werden in der Walpurgisnacht, Punkt 24.00 Uhr, in einer Schale entzündet. Die letzte Glut dann mit dem Quellwasser löschen und anschließend den Aschenbrei Mutter Erde opfern. Während man das tut, sollte man sich überlegen, wen oder was man gerne loslassen möchte…und warum 🙂

Falls mein Zauber auch in diesem Jahr nicht funktionieren sollte, …Loslassen ist schwer, so schwer… dann hatte ich zumindest Spass…den Bärlauch lassen wir einmal außen vor 🙂

Happy Beltane, liebe Schwestern ❤

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