Kurzgeschichten, Seelenmarzipan

Eine Nacht mit Bischof Tutu…

Ich werde oft gefragt, welchen interessanten Persönlichkeiten ich während meiner Arbeit als Stewardess bei der Deutschen Lufthansa begegnet bin und es gäbe tatsächlich einiges zu erzählen, was mich auch heute noch zum Lächeln bringt. Menschen verändern sich, sobald sie ein Flugzeug betreten, jedenfalls viele von ihnen und in der First Class war während eines langen Nachtfluges oft reichlich Gelegenheit, Facetten einer Persönlichkeit oder eines VIPs kennen zu lernen, die es nicht in die Yellow Press geschafft hatten. Unvergessen der Auftritt von Pinochet, dem Diktator aus Chile.

Er hatte die gesamte Firstclass im Upperdeck für sich und seinen Hofstaat exklusiv gebucht und lehnte die von Lufthansa bereitgestellten Mahlzeiten ab. Es wurde in Chile selbst gecatert, denn er hatte Angst, vergiftet zu werden. Ein riesen Aufriss, bis er dann endlich  an Bord war und seine Bodyguards klärten mich vor dem Abflug darüber auf, dass ich ihn nur ansprechen dürfte, wenn ich von ihm dazu aufgefordert werde und dann die Anrede „Admirante“ verwenden sollte. Diese Anweisung erwies sich als überflüssig, denn der Admirante ignorierte mich während des langen Fluges, verweigerte die angebotenen Speisen und arbeitete mit seinem Sekretär stundenlang an irgendwelchen Dokumenten, die sie über die leeren Sitze ausgebreitet hatten. Da er nichts aß, wagte auch keiner seiner Untergeben zu essen. Mir war es Recht und ich vertrieb mir die Zeit in der kleinen Bordküche, im Upperdeck der 747, mit den Bordillustrierten.

Kurz vor der Landung winkte er mich zu sich und ich befürchtete bereits, er war mit dem Service unzufrieden. Aber offensichtlich war das Gegenteil der Fall. Sein Sekretär öffnete einen kleinen Koffer und in dem Koffer lagen auf schwarzem  Samt ausgebreitet, verschiedene Jadeketten und Anhänger. Ich sollte mir etwas aussuchen. Es kommt nicht alle Tage vor, dass man von einem Diktator mit Schmuck bedacht wird. Ich wählte einen kleinen Anhänger aus, bedankte mich artig… erhielt erneut nur ein abwesendes Kopfnicken als Antwort und dann war ich in Gnaden entlassen. Es fühlte sich vom ersten bis zum letzten Moment ungut an, und als ich später die Liste seiner Verbrechen las, wusste ich, warum!

2011 schrieb  eine Regierungskommission von 40.018 Toten. Darunter sind auch Opfer, die gefoltert oder wegen ihrer politischen Einstellung verhaftet wurden.

„Wie Müll wurden die geschundenen Opfer auf ihre letzte Reise geschickt. Verschnürt in einen alten Sack, rollten die Leichen über Schienen bis an die Küste, und schließlich warfen Helfer sie ins Meer.“ So in etwa dürften sich die grausamen Szenen abgespielt haben, die chilenische Ermittler Jahre später aufdeckten.

Die subtile Atmosphäre der Angst, die dieser Machthaber verbreitete, war auch für mich damals in jedem Augenblick spürbar.

Wie anders war dagegen die Begegnung mit Bischof Tutu.

1984  wurde Desmond Tutu für sein Engagement gegen die Apartheid der Friedensnobelpreis verliehen, im Jahr darauf wurde er Bischof von Johannesburg und er war bereits damals eine Art Superstar der Friedensbewegung und weltbekannt.

Trotzdem hatte er nur einen Sitz für sich gebucht, bevorzugt im stillen Upperdeck der First Class, weil er die langen Nachtflüge gerne verschläft, wurde mir erzählt. In dieser Nacht gab es keinen weiteren Passagier in meinem abgeschlossenen Arbeitsbereich, außer ihm. Ich bereitete mich innerlich auf eine lange und langweilige Nacht, mit wenig Arbeit vor und begrüßte ihn freundlich an Bord, als er in Johannesburg zustieg.

Was für ein angenehmer Gast und keinerlei VIP Allüren! Der Bischof und Friedensnobelpreisträger lächelte mich an, suchte sich einen Platz am Fenster aus und verfolgte interessiert meine Vorbereitungen für den Start. Er studierte die Speisekarte,  genoss die kulinarischen Köstlichkeiten, die ich ihm im Laufe des Abends servierte und nach dem Essen lehnte er entspannt in seinem Sitz und sah hinaus, in die Dunkelheit. Keinerlei Extrawünsche. Ich machte es mir ebenfalls bequem, in der Bordküche und checkte nur von Zeit zu Zeit die Kabine, bereit für weitere Wünsche meines einzigen Gastes.

„Come here, sit down and let´s talk a little“ … forderte er mich bei einem dieser Kontrollgänge freundlich auf. Er konnte nicht schlafen und wollte gerne ein wenig Unterhaltung. Ich hatte keine anderen Pflichten, holte mir einen Tee, setzte mich neben ihn, und dann begann eines der intensivsten und wertvollsten Gespräche, die ich je im Leben führte.

Wir redeten buchstäblich über Gott und die Welt. Angefangen von meinen Fragen zur Apartheid und seinen politischen Aktivitäten in Südafrika bis hin zu Liebeskummer, Tod  und Gott. Er hatte Kinder in meinem Alter und war keinesfalls weltfremd sondern wusste genau, was meine Generation bewegte und er hatte Antworten…richtig gute Antworten, die mir bis heute im Gedächtnis sind. So verging die Zeit, Stunden, wie im Flug, seine Weisheit und Gelassenheit, aber auch der kluge Humor seiner Erzählungen und Ratschläge, waren bemerkenswert. Heute weiss ich, dass er seiner Zeit im Denken weit voraus war, nicht nur zum Thema Apartheid, deren Auswirkungen mich jedesmal wieder schockierte, wenn ich in Südafrika unterwegs war.

Er nannte mich „Child“, wie Geistliche das wohl tun, aber für ein paar Stunden fühlte ich mich in seiner Gegenwart wirklich wie ein Kind, das wie ein Schwamm, Wissen aufsaugt und aufsieht, zu einer großen Seele und einem großen Geist. Selten hat ein Friedensnobelpreisträger diesen Preis mehr verdient. In jedem Satz und in jedem Gedanken, den er in dieser Nacht mit mir teilte, war geballte Lebensweisheit, Weitsicht und Empathie, die er humorvoll und geduldig vermittelte.

„Die meisten von uns erhalten erst durch die eigene Schwäche und Verletzlichkeit Zugang zu ihrer Seele und entdecken so ihre Fähigkeit für  Empathie und Mitgefühl. Lasse sie zu!“

Dieses Zitat von ihm, hat mich bei so manchem Schmerz getröstet und wenn ich eines bedauere, dann dass ich nicht damals sofort aufgeschrieben habe, was er mir ganz persönlich mit auf den Weg gegeben hat, es waren so viele kluge Gedanken und Ratschläge.

Güte, Liebe, Mitgefühl, Sanftheit sind keine Dinge für Weicheier. Sie sind Dinge, nach denen die Welt sich letztlich sehnt.“

Er bedankte sich am Ende des Fluges, segnete mich zum Abschied und sagte mir dann, ich wäre wirklich eine „extraordinary soul“… eine außergewöhnliche Seele. Bis heute, eines der schönsten Komplimente, das mir je ein Mann gemacht hat ❤

 

hexe

6 Gedanken zu „Eine Nacht mit Bischof Tutu…“

  1. Liebe Bettina,
    einfach nur Dankeschön dafür, dass Sie uns an diesem erlebten teilhaben lassen, besonders an der Begegnung mit Tutu.
    Mit herzlichen Grüßen
    Melanie

    Gefällt 1 Person

  2. Was für eine wundervolle Begegnung mit Bischof Tutu du hattest!… Das kann ich gut nachvollziehen, dass du diesen Flug und diese Gespräche mit ihm niemals vergessen wirst. Und vielen Dank, dass du uns an deiner kostbaren Erinnerung teilhaben lässt.

    Gefällt 1 Person

  3. Hat dies auf hubwen rebloggt und kommentierte:
    Außergewöhnliche Begegnungen mit bestimmten Menschen können nachhaltig wirken und zu einem Schlüsselerlebnis werden. Gespräche mit weisen Menschen kann man gar nicht als wertvoll genug einschätzen. Ich denke Bischof Tutu wird so ein Mensch sein.

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