Tierschutz

Gesichter der Angst. Der wichtigste Blog meines Lebens. Ein Blog, der verändert!

Wie reagieren Tiere, die in den Schlachthof gebracht werden?
Sie haben Angst. Alle.
Bei sehr jungen Schweinen kann es vorkommen, dass sie nach einer gewissen anfänglichen Furchtsamkeit anfangen, herumzutollen. Vielleicht, weil sie zum
ersten Mal in ihrem Leben etwas Platz dazu haben, wenn sie in einer etwas größeren Wartebucht landen.
Die Tiere haben zu diesem Zeitpunkt einen mehr oder weniger langen, sicher nicht komfortablen Transport hinter sich. Davor waren sie einige Zeit, viele ihr ganzes bisheriges Leben, etliche mehrere Jahre lang, meist stark bewegungseingeschränkt am selben Ort.

Dieser Ort, an dem sie jetzt sind, ist ein Ort des Grauens.
Während des Schlachtens herrscht ein ohrenbetäubender Lärm, allein schon durch die
Maschinen. Dazu kommt noch das Gebrüll der Arbeiter und der Tiere.
Es riecht nach Blut, vor allem aber nach Exkrementen, Darmgasen und dem Rest der stinkenden Eingeweide.

Die Tiere verbringen nach der Anlieferung einige Stunden, bei Anlieferung am Wochenende auch bis zu zwei Tage, in Wartebuchten. Manche beruhigen sich
dabei etwas, anderen beschert es nur ein umso längeres Martyrium, wenn sie bereits krank oder verletzt sind.

Was empfinden sie dabei? Darf man es „vermenschlichen“?
Streß und Angst führen bei einem Rind, genau wie beim Menschen, zu erhöhtem Puls, schnellerer Atmung und ganz allgemein zu unruhigem bis panikartigem
Verhalten.
Es sieht aus wie Angst, es wirkt sich aus wie Angst: ich nenne es Angst…

Der Facettenreichtum der Angst ist groß. Ich möchte in erster Linie über die Rinder sprechen.

Manche stammen aus reiner Anbindehaltung und haben, genau wie die Schweine, nie einen Schritt in Freiheit gemacht. Sie wissen nichts über die Welt draussen, sind dafür aber Profis im Ertragen von Menschen. Andere waren auch oder ausschließlich auf
der Weide und dort vielleicht mehr oder weniger auf sich selbst gestellt.

Abhängig von den Erfahrungen, die sie gemacht haben, gehen sie mit sehr unterschiedlichem Selbstbewußtsein an die neue Situation heran, was ich im Folgenden
etwas genauer beschreiben möchte.

Gesichter der Angst

Angstvolles Staunen
Wie in Trance gehen diese Tiere mit weit aufgerissenen Augen ihren letzten Weg. Sie versuchen zu verstehen, was sie da gerade sehen und starren ganz offen auf die
Schreckensszenarien vor ihnen. Ungläubig und fassungslos wirken die Gesichter dieser
Tiere auf mich.

Zurückschreckende Angst
Diese Tiere werfen nur einen kurzen Blick auf das, wassich vor ihnen abspielt und weichen dann entsetzt zurück. Sie sehen sich in alle Richtungen um auf der
Suche nach einem Ausweg. Ein halbherziger, unsicherer Fluchtgedanke ist es aber nur, der aus diesen Gesichtern spricht. Der Gedanke an eine Flucht erstickt gleich wieder im Keim.

Panische Angst

Tiere, die von Panik ergriffen werden, versuchen oft um jeden Preis zu fliehen. Sie drehen sich in den schmalen Treibgängen, die gerade nur die Breite eines Rindes
haben und machen dabei halbe Purzelbäume. Sie gehen praktisch die Wände hoch, wagen undenkbare Sprünge und Verrenkungen und verletzen sich oder andere Tiere
im Gang dabei manchmal erheblich. Oft handelt es sich dabei um Tiere von der Weide, die mit der drangvollen Enge und der Nähe zu fremden Menschen überhaupt
nicht umgehen können, sich aber der Möglichkeiten ihres Körpers bewußt sind.
Lähmende Angst

Stumm und bewegungslos starren diese Tiere vor sich hin und wirken wie gefroren in Schockstarre. Sie trauen sich keinen Schritt weiter zugehen, weder vor noch
zurück. Als hätten sie sich in sich selbst verschlossen, scheinen sie nichts mehr wahrzunehmen. Sie zeigen auf fast nichts mehr eine Reaktion. Tiere, die ihr Leben in
Anbindehaltung verbracht haben, sind zum Teil schon allein körperlich mit jedem Schritt, den sie jetzt gehen sollen, überfordert. Der Gedanke an Flucht oder Kampf
scheint ihnen gar nicht zu kommen. Sie kennen die Möglichkeiten ihres eigenen Körpers nicht. Diese Tiere bekommen am meisten Schläge und Stromstöße auf
ihrem letzten Weg. Ohne Beaufsichtigung und Maßregelung greifen einige beteiligte Arbeiter aus Ungeduld oder Ratlosigkeit zu Maßnahmen, die weit
jenseits der Tierschutzregelungen liegen.
Abwehrbereite Angst

Oft sind es weibliche und erfahrene Tiere von der Weide, die sich den Kampf zutrauen. Ausbruchversuche bereits beim Abladen und gezielte Tritte und Kopfstöße
gegen Menschen sind auch gelegentlich von kurzzeitigem Erfolg. Manchmal müssen solche Tiere nach einer erfolgreichen Flucht vom Anhänger, im Hof
des Schlachtbetriebes erschossen werden, weil sich keiner mehr nähern kann. Sie sind bisweilen zu clever, um sich noch einmal in die Enge treiben zu lassen.
Von solchen Tieren hört man gelegentlich in den Nachrichten, weil es vielleicht sogar spektakuläre
Verfolgungsszenen gab.

Verzagte Angst

Diese Tiere schlottern und zittern bis ins Mark. Zum Teil fließen ihnen Tränen aus den Augen und Speichel tropft ihnen in Strömen aus dem Maul. Schwache Tiere brechen womöglich zusammen. Ich habe vor allem Kälber und ältere Tiere so gesehen. Die Kälber haben noch keine körperlichen und psychischen Notfallreserven, auf die sie im Streß zurückgreifen können. Die Älteren scheinen bereits im Stall ein Bild davon zu haben, in welcher Lage sie sich nun befinden. Nicht erst, wenn sie in der Tötungsbucht stehen und vor ihnen ein anderes Rind kopfüber an einer Kette hängt
und dabei ist zu sterben.
Bei diesen Tieren habe ich manchmal den Eindruck, dass sie auch schmerzhaft den Verrat empfinden, den die Menschen, denen sie vertraut haben, die ihre
Herdenführer waren, an ihnen begangen haben. Denn das tun Rinder zweifellos: Menschen, denen sie vertrauen, von denen sie gut versorgt werden, sehen sie
als Herdenchef und „Rind im Geiste“ an. Sie würden ihnen freiwillig hinterher laufen. Sie lecken sie auch oft und gerne ab, wie das befreundete Rinder untereinander
tun. Die Zunge ersetzt die Hand, die Hand, die streichelt.
Ein weinendes Rind kann man auf den puren physiologischen Vorgang reduzieren. Die
Adrenalinausschüttung bewirkt unter anderem eine verstärkte Sekretion der Schleimhäute, vor allem im Maul, aber manchmal auch in den Augen. Es fließen
Speichel und eben auch Tränen.
Das Gleiche gilt aber auch für Menschen, die große Angst haben.
So oder so: Einem Rind ins Gesicht zu sehen, dem vor
Angst und Verzweiflung Tränen aus den Augen laufen, hinterläßt einen bleibenden Bildabdruck im Gehirn. Sicherlich nicht nur bei mir.

Lautes Wehklagen
Manche der Tiere brüllen ununterbrochen. Womöglich aus Furcht, vielleicht auch wegen Hunger, Durst oder einem anderen körperlichen Unbehagen. Viele
vermissen sicherlich ihre gewohnte Umgebung und rufen nach ihren Herdengenossen.
Schließlich ist das Rind ein Herdentier. Die Herde bringt Sicherheit, Absonderung bedeutet Gefahr, womöglich Lebensgefahr.

Halbhoffnungsvolle Angst

Es gibt auch Tiere, die eine bestimmte fremde Person im Schlachthof ständig mit den Augen verfolgen, womöglich versuchen sie ihr hinterher zulaufen.
Vielleicht rufen sie auch nach ihr, wenn sie ausser Sichtweite gerät.
Dieser bestimmte Mensch erscheint ihnen aus irgendeinem Grund vertrauenswürdig und sie erhoffen sich bei ihm Sicherheit. Vielleicht erinnert er sie optisch
oder akkustisch an eine vertraute Pflegeperson aus dem ehemaligen Umfeld.

Besonders häufig sehe ich solches Verhalten bei hungrigen Kälbern. Sie vermuten sehr oft, dass ihnen nun irgendjemand Nahrung und Hilfe geben wird und alles gleich wieder gut werden wird, wenn Menschen um sie herum sind, die ihnen bekannt erscheinen.
Sie zeigen häufig deutlich sichtbar zwei Gefühle, die eigentlich nicht zusammen gehören: Angst und Vertrauen zur selben Zeit. Kleine Lebewesen, noch zu jung und zu hilflos, um auf sich selbst gestellt zu überleben, dazu gezwungen, Hilfe auch beim Feind zu
suchen.
Erst kürzlich hat ein knapp zweijähriger Ochse lange und laut nach seinen nach und nach verschwindenden Freunden vor ihm geschrien (sie wurden aus dem
gleichen Betrieb gemeinsam angeliefert). Er hat zum Schluß mit weit aufgerissenen Augen aus der Tötebox heraus versucht, mich abzulecken. Nicht weil er
hungrig oder neugierig war. Dazu hatte er viel zu viel Angst. Er hat versucht, wenigstens noch schnell mit mir Freundschaft zu schließen. Er hat um Hilfe gebettelt.

Auszüge aus dem Text/PDF von Nicole Tschierse.  Bitte nur mit ihrem Namen zitieren oder den Blog als Gesamtes teilen!

https://www.tiere-leben.de/imags/Gesichter_der_Angst.pdf?fbclid=IwAR2vVR2I4PHF-VELP4Ua8s_mj8bR8qUijW8cgo1BrVysU57BdXyvkhu_i08

Sie schrieb diese Zeilen nach ihren Erfahrungen als  Schlachthof Tierärztin. Nicole hat nicht nur dokumentiert sonder auch viele, kurz vor dem Tod , retten können. Sie führt den Lebenshof Wilde Hilde  https://www.facebook.com/Lebenshof.WildeHilde/. 129 Rinder, 12 Schweine, 14 Schafe, 9 Ziegen und 5 Pferde leben dort in Freiheit und Frieden. Es wird immer Hilfe benötig.

Dankeschön, liebe Nicole, für diesen wichtigen und schmerzhaften Text. Ich wünsche mir, es würden ihn viele lesen. Er verändert. Wir brauchen Veränderung!

(Titelbild des Blogs mit freundlicher Genehmigung von June Michel Artist)

4 Gedanken zu „Gesichter der Angst. Der wichtigste Blog meines Lebens. Ein Blog, der verändert!“

  1. Ich halte es nicht mehr aus. Diese gequälten Kreaturen zu sehe, bringt mich noch um den Verstand. Ich kann nicht fassen, dass Menschen so dermaßen Grausam sein können. Wie gierig muss man sein, un so derartig böse/gefühlslis zu sein. VERDAMMT NICHMAL, DAS SIND LEBEWESEN, DIE SCHMERZ UND ANGST VERSPÜREN WIE WIR AUCH!!!! POLITIKER ALLER COLEUR ICH HOFFE, IHR WERDET IN DER HÖLLE DEN GLEICHEN SCHMERZ UND DIE GLEICHE ANGST SPÜREN WIE DIE TIERE, DIE IHR SO SCHÄNDLICH IM STICH LASST!!!😭😭😭😭😭😭😭😭

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  2. Hat dies auf hubwen rebloggt und kommentierte:
    Ich kann mir gut vorstellen, dass die Tiere mit weit aufgerissenen Augen fassungslos und ungläubig ihren letzten Weg gehen. Wie könnten sie auch das verstehen? Wissen eigentlich die meisten Menschen, was wir diesen Tieren antun? Da ist ein ganz großes Verdrängen am Werk. Es macht mich unheimlich traurig, wenn ich an diese armen Kreaturen denke. Kann man eigentlich noch unmenschlicher sein? Ich kann es mir nicht vorstellen. Grausam, diese Tiere sehen und erleben die Hölle.

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