Tierschutz

Leben und Denken im Schuhkarton…

Als mein Lieblingsmensch mir vor einigen Jahren ihre ersten Arbeiten nach den Vorgaben des Architekturstudium präsentierte, musterte ich etwas verwundert die „Schuhkartons“, die wohl heutzutage das Non-plus-Ultra der Baukunst darstellen. Gerade Linien, schmucklose Fassaden, grau-schwarz -weiße Farbgebung und ein einsamer Strauch an der Stelle, an der früher ein blühender Vorgarten zu finden war, wenn überhaupt… Schuhkarton Häuser und Bauwerke haben neuerdings auch Schuhkarton Gärten, oder sie sind rundherum komplett zugeschottert. Klares, urbanes und minimalistisches Design, das ist unsere Zukunft.

Minimalistisch ist mittlerweile so ziemlich alles. Die bunte Blumenvielfalt der Gärten, wenn überhaupt jemand einen Garten anlegen möchte, ist auf wenige, hochgezüchtete Exemplare zusammengeschrumpft. Genau wie die Einrichtung, bei der man manchmal nicht genau weiss, in wessen Wohnzimmer man gerade sitzt, da sich fast alle irgendwie gleichen. „Schöner Wohnen“ besteht aus wenigen Modellen, die dann irgendwann billig abgekupfert werden, bis jeder exakt das gleiche in verschiedenen Preisklassen zuhause stehen hat, oder im Kleiderschrank hängen, …gleiches Konzept. Wir wohnen und essen und reisen nicht mehr individuell sondern mehr denn je, angepasst an den jeweiligen Zeitgeist, der in Massen beworben und hergestellt wird. Die vermeintlich „unendliche Auswahl“ schrumpft ganz schnell zusammen, wenn man in mancher Hinsicht individuell leben möchte. Notfalls wird sie durch Gesetze beschnitten. Nicht nur die Bauweise der Häuser wird behördlich vorgeschrieben, oft sogar die Außenfassade.

Wo die Werbung es nicht geschafft hat, unseren Geschmack entsprechend zu formen, werden wir durch Regeln eingebremst oder es gibt das Gewünschte schlicht und ergreifend nicht mehr. Beispiel, die alten Obst- und Gemüsesorten, von denen einige laut EU Recht nicht mehr als „Gemüsesorten“ verkauft werden dürfen. Einzig amtlich registrierte Sorten dürfen in Umlauf sein, wir beschränken unsere Pflanzenvielfalt nachhaltig und freiwillig. Wie dumm ist das eigentlich? Es wird grau und schwarz und weiss, uniformierter und genormter, wohin das Auge sieht, die Architektur ist nur ein besonders wahrnehmbares Zeichen, wie Schnörkel und Farben, Ecken und Stufen, Materialvielfalt, Fantasie und Individualismus aus unserem Leben getilgt werden.

Wer sich aufmerksam umsieht, wird jeden Tag neue, traurige Beispiele finden. Alles muss glatt und gerade sein, die Gesichter genauso wie die Häuser. Das verändert unser Denken! Apropos finden… wer sich damit nicht abfinden möchte, dem bleibt entweder, viel Geld in die Hand zu nehmen, für Sondereditions, Sonderausführungen, Sondergenehmigungen oder Handgefertigtes in kleiner Stückzahl… oder er sucht sich, so wie ich, die Inspiration und Vielfalt aus Second Hand Quellen und im Ausland, wo man manchmal noch Freude an individueller Gestaltung hat und diese Dinge erschwinglich sind. Meine Kronleuchter waren vom Trödler (nein, Lampen aus Drahtgitter, wie man sie einst nur im Keller verwendete, kommen mir nicht ins Haus 😉 ) ,Badezimmer müssen nicht alle gleich aussehen, die Vintage Fliesen dafür kamen aus Italien, In meinem Garten pflanze ich bewusst die „altmodischen“ Blumen, die noch nicht bis zur Unkenntlichkeit hochgezüchtet wurden, dafür aber robuster und langlebiger sind … und mein Haus hat einige seltsame Winkel, Stufen und Übergänge und es ist nicht bis zur Schimmelbildung zugedämmt sondern es atmet noch! … Es sieht noch aus, wie ein Häuschen aussieht, nicht wie ein Schuhkarton mit Schießscharten… auf ein Schotterfeld gestellt.

Aber das ist alles Geschmackssache 😉Vielleicht werden wir die neue Baukunst irgendwann so beurteilen, wie die Bausünden der 70er Jahre, die heute noch die Städte verschandeln. Vielleicht auch nicht… die Schuhkartons und ich werden ganz sicher niemals Freunde 🙂

Ein Gedanke zu „Leben und Denken im Schuhkarton…“

  1. Ich nenne sie ja gerne mal Baucontainer, diese „Häuser“.

    Das dass alles gleich aussieht fing irgendwie mit Ikea an, einst angetreten um anders zu sein, damit es eben nicht aussieht wie bei den Eltern mit der Schrankwand, eiche, rustikal, wurde es irgendwann zum uniformistischen Einheitsbrei, heute ist es egal wen man besuchte die Einrichtung ist fast immer die Gleiche und man sieht es auch woher sie kommt.

    Gefällt 1 Person

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