Tierschutz

Mein Name ist Zorn … eine neue Geschichte aus Lunas Sternengarten <3

Den nächsten Tritt würde er nicht mehr überleben. Panisch sah er sich um. Sein Gefängnis bot wenig Fluchtmöglichkeiten. Auch das Bett war kein sicherer Ort. Nicht für ihn. Nicht, wenn der Mensch, dessen Launen und Misshandlungen er auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war, wieder einen schlechten Tag hatte. Das Bett war gewiss kein sicherer Ort, er würde ihn dort wie bei seinem letzten Fluchtversuch brutal am Schwanz packen, hervorziehen und die Bestrafung würde noch grausamer ausfallen. Trotzdem kroch er mit letzter Kraft unter das staubige Eisengestänge. Es war der einzige Schutz, den er hatte. Die gebrochenen Rippen schmerzten, eine klebrige Flüssigkeit sickerte aus dem zerstörten Auge und verdunkelte seine Sicht. Es roch nach Blut. Diesmal hatte jeder Tritt gesessen. Diesmal war er zu langsam gewesen. Er wusste nie, wofür man ihn bestrafte, er wusste nur, dass er von der einen Hölle in die andere gewechselt war und dass er dieser Hölle entkommen wollte. Die Straße war eindeutig besser, Hunger und Durst waren nicht annährend so quälend, wie die beständige Angst vor neuen Misshandlungen. Aber wie sollte er es anstellen? Niemand hörte ihn, wenn er kläglich miaute, niemand kam ihm zu Hilfe, wenn der Mensch wieder einmal beschlossen hatte, ihm weh zu tun. Panisch vor Angst lauschte er den schweren Fusstritten, die sich erst von ihm entfernten und dann wieder lauter wurden, sie schienen ganz nah, direkt vor seinem Versteck. Er wagte kaum, zu atmen. „Bitte tu mir nichts, bitte hör auf damit, ich habe nichts verbrochen … warum tust du mir weh?“

Der hölzerne Besenstiel traf ihn mit ungebremster Wucht in den Bauch. Er konnte nicht nur spüren sondern auch hören, wie etwas in seinem Inneren zerriss. Dann hörte er nichts mehr. Es wurde still und dunkel … und mit dem letzten Licht verschwanden auch die schrecklichen Schmerzen…und die Angst. Er verlor sie, auf seiner weiten Reise durch Raum und Zeit. Angst und Schmerz lösten sich in einer gewaltigen Wolke Sternenstaub auf, sie wurden blasser und kraftloser, bis sie vollständig verschwunden waren. Sein Zorn über das Unrecht und den Schmerz, sein Zorn auf die Menschen im Allgemeinen und besonders auf seinen Peiniger, der verschwand nicht. Er brachte ihn mit in den Sternengarten.

🌠
Luna

Luna pflückte geschickt mit den Krallenspitzen die Köpfe der Gänseblümchen von der Blumenwiese und reichte sie Miss Marple.

„Gefällt es dir hier? Diese Wiese gehört jetzt dir, ich habe gehört, du magst Gänseblümchen aber falls du dir etwas anderes wünscht, sag es ruhig. Du bist die erste Schildkröte in meinem Teil des Sternengartens und wir freuen uns alle, dass du hierher gefunden hast. Wenn dir nach Schildkrötengesellschaft ist, weiss Lilly sicher, wo du noch gepanzerte Freunde findest. Sie kennt alle und alles im Sternengarten, sicher hast du sie schon getroffen. Sie hat einen weißen Pelz, so wie ich, sie ist schrecklich nett … und schrecklich vergesslich.“

Miss Marple nickte kurz, verspeiste in Seelenruhe die angebotenen Gänseblümchen und erst eine ganze Weile später, nachdem sie alles aufgegessen hatte, erhielt Luna ihre Antwort.

„Da wo ich herkomme, bei meinem Menschen, da gab es auch Katzen. Irgendwie fühle ich mich sehr wohl und aufgehoben, in kätzischer Gesellschaft, vielleicht bin ich deshalb bei euch gelandet. Aber Lilly soll sich gerne umhören, vielleicht findet sie heraus, wo meine alte Freundin Cassiopeia abgeblieben ist. Sie wollte nur im Nachbargarten etwas Salat für uns organisieren. Das ist schon sehr, sehr lange her, selbst wenn man nicht in Katzen- sondern in Schildkrötenzeit rechnet. Ich habe mich immer gefragt, was aus ihr wurde…“

Luna wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als sie die dunklen Wolken bemerkte, die scheinbar aus dem Nichts plötzlich über ihnen aufgetaucht waren. Seltsam! Für das Wetter im Sternengarten zeichnete allein sie verantwortlich und für heute hatte sie Sonnenschein, milde Frühlingstemperaturen und einen Sonnenuntergang in zartlila geplant. Wo zum Teufel kamen jetzt diese dunklen Wolken her, sie waren fast schon schwarz. Ein eisiger Wind fegte über die Wiese, die Temperatur war in wenigen Sekunden um ein paar Grad gesunken und dann brach die Hölle los. Es hagelte dicke, schwarze Hagelkörner, die alles zerschmetterten, was Luna an diesem Morgen für Miss Marple gezaubert hatte.

Die alte Schildkröte hatte in ihrem Leben bereits viele Abenteuer überstanden. Als die ersten dicken Hagelkörner neben ihr aufschlugen, blieb sie die Ruhe selbst, zog sich nur in ihren Panzer zurück und rief Luna zu:

„Lauf schnell, such dir einen sicheren Unterstand, ehe dich die Hagelkörner erwischen. Mir passiert hier schon nichts. Ich trage meinen Sicherheitsbunker immer mit mir! Ist das Wetter im Sternengarten immer so unangenehm wechselhaft?…“

Luna überlegte kurz, ob sie es wagen könnte, Miss Marple allein zurückzulassen, mitten in Sturm und Hagel. Aber dann lief sie trotzdem los, so schnell sie irgend konnte. Was zum Teufel wurde hier gespielt? Wer wagte es, in ihrem Sternengarten mit ihrem Wetter zu spielen? Wer hatte Sturm und schwarze Hagelkörner gezaubert? Das wollte sie jetzt sofort herausfinden … und dann gnade ihm Bastet …

Vor Nässe triefend und mit ein paar blauen Flecken auf dem Näschen, die von den Hagelkörnern stammten, erreichte sie den großen Festsaal.

„Valerion, Iron, Enzo, Leo… wo seid ihr? Ich brauche euch! Wir haben ein Problem! …

Der gelbe Schmetterling drehte ein paar übermütige Pirouetten in der Luft, ehe er sich wieder auf Faiths Nase niederließ. Der kleine Kater schnurrte vor Vergnügen, was für ein schönes Spiel! In diesem Teil des Sternengartens war er noch nie unterwegs gewesen, dabei gab es so viele interessante Dinge zu entdecken, sogar einen neuen Freund hatte er gefunden. Das musst er unbedingt Krümelchen erzählen, sobald er wieder zurück war. Sie sah es nicht gerne, wenn er alleine loszog, um Abenteuer zu erleben. Aber er war schließlich schon groß, fast erwachsen … und was sollte ihm schon im Sternengaren passieren?

Am Horizont leuchtete ein bunter Regenbogen, zum Greifen nah, den wollte er sich gerne noch einmal genauer ansehen. Dieses Farbenspiel kannte er bisher noch nicht, an einem Ende war der Regenbogen sogar schwarz! Luna hatte ihm einmal erzählt, dass am Ende des Regenbogens immer ein kleines Wunder wartet. Faith pustete seinen neuen Freund vorsichtig von der Nasenspitze und machte sich neugierig auf den Weg .

Argwöhnisch kniff er die Augen zusammen. Sie funktionierten wieder, wie in besten Zeiten! Alles an ihm funktionierte wieder, seit er diese Zuflucht gefunden hatte. Es schien friedlich und sicher, wo er nun war, keine Menschen, keine Hunde, nicht einmal feindliche Katzen hatte er bisher entdeckt. Er litt weder Hunger noch Schmerzen. Trotzdem musste man auf der Hut sein! Manchmal entpuppte sich eine Zuflucht als Falle. Manchmal wird Vertrauen bestraft! Diesen Fehler wollte er nie wieder machen! Der Sternenstaub, den er gerade mit seinen Pfoten aufgewirbelt hatte, sank zurück auf den Boden. Angestrengt versuchte er zu erkennen, wer oder was sich gerade näherte. Es sah aus wie eine Katze. Nicht besonders groß, nicht besonders bedrohlich. Trotzdem stellte er sicherheitshalber die Nackenhaare auf, legte die Ohren an und peitschte warnend mit dem Schwanz. „Bleib weg, sonst wirst du es bereuen!“

Faith hatte eine gute Erziehung im Sternengarten genossen. Luna und Krümelchen wachten streng darüber, dass jeder Neuankömmlingen gegenüber, stets freundlich und hilfsbereit war. Sie sollten stolz auf ihn sein! Entschlossen näherte er sich dem neuen Sternengartenbewohner, der am Ende des Regenbogens sass und ihn aus schmalen, gelben Augen wütend anfunkelte.

„Guten Tag, Herr Katze. Ich heiße Faith. Du bist neu hier, richtig? Wie heißt du? Hast du diesen tollen Regenbogen gezaubert? Wie hast du das gemacht?“

„Ganz schön viele Fragen, Kleiner… Neugier ist der Katze Tod, merk dir das!“

Als er sah, dass Faith ängstlich die Ohren anlegte und vorsichtig den Rückzug antreten wollte, fügte er noch etwas versöhnlicher hinzu:

„Ja, ich bin neu hier, wo immer wir hier auch sind! Ich habe nichts gezaubert! Ich wollte mir ein Lager bauen und sobald ich in der Erde scharre, tut dieser seltsame Staub seltsame Dinge. Er scheint das Wetter irgendwie zu beeinflussen. Vorhin hat es sogar gehagelt. Hast du das mitbekommen? Der verdammte Regenbogen hat auch mit dem Staub zu tun. Plötzlich war er da!“

Dieser Neue Sternengartenbewohner war Faith nicht ganz geheuer. Seine feinen Antennen für Gefühle und Stimmungen funkten Alarm. Hier war jemand schrecklich wütend und schrecklich traurig. „Hinter dem Zorn versteckt sich immer die Trauer… du musst sie finden und trösten, erst dann besiegst du den Zorn!“ . Das hatte Luna ihm in ihren nächtlichen Unterrichtsstunden am Rande des Sternengartens beigebracht. Wenn sie recht hatte, dann war hier jemand nicht nur unendlich zornig sondern auch schrecklich traurig.

„Wie heißt du?“, fragte er noch einmal und unterstrich die Frage mit seinem freundlichsten Schnurren.

„Mein Name? Ich brauche keinen! Namen sind Schall und Rauch und der Name, den sie mir gegeben haben, der war eine einzige Lüge, er hat mir kein Glück gebracht… Ich war „Lucky“…, er spuckte diesen Namen fast verächtlich aus. Vergiss das gleich wieder! Du willst wissen wie ich heiße? Ich bin Zorn! mein Name ist Zorn! Und wenn du mir nicht erklären kannst, wie dieser Staub hier funktioniert, dann verschwinde wieder! …

Iron tat sein Bestes, um die Stimmung in der großen Festhalle wieder etwas zu beruhigen. Während er geschickt die großen Platten mit Leckereien an die Tafel balancierte, wich er den dunklen Pfützen aus, die sich überall ausbreiteten. Fast jeder hatte etwas von dem schwarzen Hagelschauer abbekommen. Fast jeder war pudelnass und etwas verwirrt zum Essen erschienen. Niemand konnte sich erklären, warum das Wetter im Sternengarten plötzlich verrückt spielte. Die wildesten Theorien wurden diskutiert.

Leo schnappte sich ein großes Stück Sternenstaubkeule von Irons Platten und sah fragend in die Runde.

„Wenn du es nicht warst, Luna und auch nicht Lilly dann muss jemand in unserem Sternengarten angekommen sein, der ebenfalls Magie beherrscht. Ich übe jetzt schon soo lange, und bis heute schaffe ich ohne deine Hilfe gerade einmal ein paar lahme Schäfchenwölkchen aus dem Sternenstaub zu locken. Wie kann es sein, dass jemand ganz neu ist und all das fertig bringt, was wir heute gesehen haben?

„Leo hat Recht, das ist wirklich seltsam!“ Ballerina schüttelte ein paar Wassertropfen aus ihrem Schweif und schlug vor:

„Wollen wir Suchtrupps bilden, und uns in alle Himmelsrichtungen umsehen? Darling und Valerion, Csipi und Giacomo, Tom und Fiete, Lilly und ich …? Wer ist dabei? Lasst uns einen Ausflug machen! Irgendwie müssen wir herausfinden, wer hier unbefugt mit dem Sternenstaub zaubert, wer weiss, was diesem Neuen als nächstes einfällt, ein Sternengartenbeben vielleicht? Und wo ist eigentlich Lilly abgeblieben, ich habe sie seit gestern nirgends gesehen, weiss irgendwer, was sie gerade wieder vor hat?“ Ballerina sah sich suchend nach ihrer Katzenfreundin um.

Ehe ihr jemand antworten konnte, meldete sich Valerion zu Wort.

„Ich glaube, ich weiß, nach wem wir suchen müssen! Da war jemand, der in großen Schwierigkeiten steckte. Ich habe ihn zufällig entdeckt, als ich meine abendliche Patrouille am Ausguck absolvierte.“

Valerion zögerte kurz, man konnte ihm deutlich ansehen, wie unangenehm ihm diese Erinnerung war.

„Ich musste hilflos mit ansehen, was man ihm angetan hat… er erinnerte mich an meine schrecklichsten Zeiten auf der Erde… es war schrecklich. Er wurde gefoltert. Ich konnte ihm nicht helfen… es war bereits zu spät. Aber ich habe ihm den Weg zum Sternengarten gezeigt. „

„Und wie kommst du darauf, dass das unser Kandidat ist?“, fragte Leo.

„Viele Sternengartenbewohner haben schreckliche Erfahrungen auf der Erde durchleben müssen, aber niemand wirft deshalb mit schwarzen Hagelkörnern um sich.“

„Weil ich noch niemals zuvor eine so zornige Katze gesehen habe. Er war so gefangen in seinem Schmerz und seiner Wut, dass ich keinen Zugang zu ihm fand. Ich wollte warten, bis der Sternengarten seine Seele etwas heilt, ehe ich ihn in unserer Runde vorstelle. Aber dann war er plötzlich verschwunden… ich hätte euch das schon viel eher erzählen sollen…“

Einen Moment lang war es still. Niemand wusste etwas zu sagen, niemand wollte Valerion kränken oder tadeln, der besser als alle anderen wusste, was es bedeutet, misshandelt und gequält zu werden. Bis heute sprach er nicht gerne über seine Zeit auf der Straße.

Das fröhliche „plitsch-platsch“ Geräusch einer Katze, die übermütig durch die Pfützen des Festsaals sprang, war eine willkommene Unterbrechung.

„Hallo Faith! Wo warst du so lange, du hast fast das Essen verpasst. Bist du auch nass geworden, hat der Hagel dir Angst gemacht?“

Krümelchen rückte beiseite und machte Platz für ihren kleinen Schützling, der sofort lossprudelte:

„Ich war auf Entdeckungsreise! Da war ein Schmetterling, der ist jetzt mein Freund und da war noch jemand, der ist jetzt auch mein Freund. Ich hoffe jedenfalls, dass er mein Freund ist. Er ist ein wenig seltsam und erst hat er mir Angst gemacht. Aber ich habe ihn freundlich begrüßt, so wie du es mir beigebracht hast und dann habe ich ihm alles über den Sternengarten erzählt. Er wollte alles genau wissen, wer hier wohnt und was wir machen und wie das mit dem Sternenstaub und den Träumen funktioniert, die wir unseren Menschen auf die Erde senden…das wollte er gleich üben…

Luna spuckte die Maus-a-chocolate, die sie sich gerade in den Mund schieben wollte, wieder zurück auf ihren Teller und unterbrach Faiths begeisterten Bericht.

„Du hast was?!! Du hast einem wütenden Fremden gezeigt, wie man Träume auf die Erde schickt? Weisst du nicht, was dieses Wissen in falschen Hände anrichten kann?“

Faiths Augen füllten sich mit Tränen. Luna machte ihm immer ein wenig Angst. Krümelchen legte tröstend eine Pfote auf seine Schulter.

„Nicht weinen, mein Kleiner, du hast nichts falsch gemacht! Wir haben hier nur ein kleines Problem, das wir lösen müssen. Dein neuer Freund spielt mit der Magie des Sternengartens obwohl er das nicht darf, verstehst du? „

Luna peitschte mit dem Schwanz und ignorierte Krümelchens vorwurfsvolle Blicke.

„Dann würde ich vorschlagen, ich statte diesem neuen Gast einen Besuch ab, ehe er damit beginnt, Träume auf die Erde zu senden. Wer möchte mich begleiten?..“

Während man in der großen Festhalle noch lebhaft darüber diskutierte, wer auf dieser Mission dabei sein sollte, …jeder wollte gerne dabei sein …., sass Lilly auf ihrem Lieblingsbaum, am Rande des Sternengartens und beobachtete interessiert, wie sich jemand abmühte, einen Traum in den Sternenstaub zu fügen und dann Richtung Erde zu senden. Es glitzerte und knallte, es funkelte und zischte, wie bei einem Feuerwerk. Aber am Ende sank der Staub jedes mal wieder zu Boden und der getigerte Kater mit den gelben Augen wurde mit jedem missglückten Versuch wütender. Lilly kicherte amüsiert.

„Nicht schlecht, …für ein Feuerwerk. Wenn das hier aber ein Traum werden soll, dann musst du noch ordentlich üben..“

Mit einem eleganten Satz sprang sie von ihrem Baum, ignorierte gesträubtes Fell und warnendes Knurren, setzte sich ganz selbstverständlich neben den sichtlich zornigen Kater und schenkte ihm ihr schönstes Lilly-Lächeln.

„Was hast du vor? Soll ich dir helfen?“

„Ich möchte jemandem den schrecklichsten Albtraum schicken, ihn Angst, Verzweiflung und Schmerz fühlen lassen, ich möchte, dass er am eigenen Leib spürt , was er mir angetan hat… aber ich schaffe es einfach nicht! Der verflixte Staub tut was er will … wenn du mir dabei helfen kannst, dann tu es, ansonsten verschwinde hier!““

Lilly neigte ihr weißes Köpfchen und sah ihm dabei tief in die Augen. Sie erzählten ihr seine ganze Geschichte in Sekundenbruchteilen. Während sie konzentriert schnurrte, erfuhr sie alles, was sie wissen musste. Es war keine schöne Geschichte. Lilly überlegt angestrengt, ihre Schwanzspitze zuckte hin und her, wie immer, wenn sie sich schwer entscheiden konnte. Schließlich antwortete sie:

„Die Magie des Sternestaubs hat ihre eigenen Gesetze, wenn man sie bricht, wenn man mit negativen Gefühlen zaubert, mit Angst, Wut oder Schmerz, dann nimmt es meist kein gutes Ende und es kommt etwas völlig anderes heraus, als das, was man sich eigentlich erhofft hat. Das hast du ja sicher schon bemerkt. Aber zufällig sitzt eine Meisterin der Magie neben dir und nachdem ich jetzt deine Geschichte kenne, würde es mir richtig Spass machen, deinem Menschen die schlimmste Nacht seines Lebens zu bereiten. Nur wer die Regeln kennt, kann sie auch brechen, verstehst du?Aber das behalten wir hübsch für uns, denn wenn meine Schwester davon erfährt, muss ich für eine Weile bei den Pferden einziehen und du gleich mit, denn sie wird sehr ärgerlich sein…“

Seine gelben Augen leuchteten, diesmal nicht vor Zorn sondern vor Dankbarkeit und Freude. Er hatte wunderschöne, faszinierende Augen, wie Lilly insgeheim feststellte.

„Wenn du das wirklich für mich tun möchtest … dann lass uns sofort damit beginnen. So langsam gefällt mir dieser seltsame Sternengarten…“

„Ehe wir anfangen, musst du mir aber erst noch ein bisschen mehr über ihn erzählen. Wo sind seine Schwachstellen? Welcher Verlust würde ihn am schlimmsten treffen? Wovor fürchtet er sich am meisten? …“

Und dann machten sich die beiden an die Arbeit…

Es war eine laue Sommernacht, der Sternehimmel war wolkenlos und leuchtete in den schönsten Farben. Luna hatte sich alle Mühe gegeben, die unguten Wetterkapriolen der letzten Stunden wieder wett zu machen, ehe sie sich mit Valerion in ihren Pavillon zurückzog. Gleich morgen früh wollte sie mit ihm zusammen aufbrechen.

„Was willst du ihm eigentlich sagen, wenn wir ihn gefunden haben? Denkst du, er wird sich so einfach umstimmen lassen? Was machen wir, wenn er an seinem Zorn und an seinem Schmerz festhalten möchte? Was für ein schrecklicher Gedanke, dass aus dem Sternengarten Albträume auf die Erde geschickt werden könnten, findest du nicht? …. Luna …??

Aber seine Herzenskatze antwortete ihm nicht, sie war bereits eingeschlafen. Kein Wunder, nach diesem aufregenden Tag! … Valerion rückte noch einmal alle Kissen in eine bequeme Position und dann fielen auch ihm die Augen zu. Hätte er noch einmal aus dem Fenster gesehen, wären ihm die Blitze aufgefallen, die den Rand des Sternengartens immer wieder taghell erleuchteten, denn am Ausguck braute sich gerade ein magisches Gewitter zusammen.

„So ein armseliger Feigling! Als du ihm dann noch die Riesenschlange um den Hals gelegt hast, hat er sich sogar eingenässt vor Angst, ich hab es genau gesehen…“

Lilly kicherte boshaft. Pssst … ich bin noch nicht fertig. Gleich wirst du ihm als Geist erscheinen und ihm verkünden, dass zukünftig alle seine Nächste so aussehen werden, wenn er sich jemals wieder an einem Wehrlosen vergreift…etwa so:“

„Ich kann dich sehen, ich werde dich überall finden und bestrafen, du entkommst mir nicht!“

Sie formte geschickt das Abbild einer gigantischen Katze, mit spitzen Reißzähnen, scharfen Krallen und funkelnden gelben Augen aus dem Sternenstaub, fügte noch grollenden Donner und Blitze hinzu, dann schickte sie den letzten Traum auf die Reise.

Zufrieden beobachteten die beiden, wie Zorns Peiniger aus dem Bett sprang, zitternd ein Glas Wasser trank und dann argwöhnisch die Wohnung absuchte. Die Strafpredigt hatte offensichtlich ihren Zweck erfüllt.

Der Sternenstaub sank langsam zu Boden, Gewitter und Hagel ließen augenblicklich nach und der klare Nachthimmel kam wieder zum Vorschein. Nur das Zirpen der Grillen und verschlafenes Vogelgezwitscher war zu hören. Lilly seufzte zufrieden, während sie sich den letzten Rest Sternenstaub aus dem Fell putzte.

„Das hat Spass gemacht! Ich glaube, er wird sich noch lange an diese Nacht erinnern!

“ Wie fühlst du dich jetzt? Besser? Ich fühle mich jedenfalls großartig! Hast du mir eigentlich schon deinen Namen verraten? Ich glaube, ich habe vergessen zu fragen, wie du heisst. Ich heiße Lilith aber meine Freunde nennen mich Lilly…du kannst mich gerne Lilly nennen… „

Sie versuchte erneut, in seinen Augen zu lesen. Jetzt waren diese Augen hell und klar.

Nachdenklich sah er erst Lilly an und dann über den Rand des Sternengartens, hinunter auf die Erde.

„Einst war ich „Lucky“, der Glückliche. Aber ich war nicht glücklich sondern schrecklich traurig… Und dann war ich „Zorn“. Aber ich war nicht zornig sondern immer noch schrecklich traurig, … bis vor wenigen Stunden war ich das jedenfalls.

Keine Ahnung, wer ich jetzt bin. Keiner von beiden! Irgendetwas hat sich verändert, seit du bei mir bist.“

Und dann fügte er noch hinzu:

„Lilly … was für ein wunderschöner Name, er passt zu dir …“

Lilly schnurrte geschmeichelt.

„Du hast alle Zeit der Welt, um dir einen neuen Namen zu überlegen, das ist das Schöne am Sternengarten … Zeit spielt hier keine Rolle. Gestern…Heute …Morgen … wer weiß das schon so genau? Manchmal muss ich verflixt aufpassen, damit ich mich nicht in den Zeitschleifen verlaufe. Hast du dir schon überlegt, in welchem Teil des Sternengartens du dich niederlassen möchtest? Es gibt für jeden hier den idealen Ort. Auch wenn du dir das vielleicht nicht vorstellen kannst, es gibt viele, die das Gleiche wie du erleiden mussten. Manche von ihnen leben jetzt weit ab vom Rand des Sternengartens. Sie möchten nicht mehr hinunter auf die Erde schauen, sie vermissen niemanden …vielleicht solltest du dich erst einmal in Ruhe umsehen … und lernen, wie man richtig mit der Sternenstaub Magie umgeht. Keine Hagelschauer mehr und auch keine schwarzen Regenbögen! Du brauchst das jetzt nicht mehr“ Sie lächelte, während sie ihm den Weg erklärte und dann stupste sie ihn freundlich mit der Pfote an:

Und jetzt solltest du gehen! Wenn ich mich nicht irre, wird sehr bald meine Schwester hier aufkreuzen und dann möchtest du nicht hier sein, glaub mir …“

Der getigerte Kater hatte Lilly aufmerksam zugehört.

„Ich denke, ich werde werde mich jetzt wirklich erst einmal umsehen und dann überlegen, wo, wann und unter welchem Namen ich im Sternengarten leben möchte. Vielleicht kommst du mich dann einmal dort besuchen?“

„Vielleicht …vielleicht auch nicht… Aber du findest mich immer in der großen Festhalle. Könnte ja sein, dir ist doch irgendwann danach, bei uns mitzuzaubern, denn du hast wirklich Talent! Wenn du das möchtest, …dann werde ich da sein! Und jetzt geh!“

Als Lilly, wie immer reichlich zu spät, zum Frühstück in der großen Halle erschien, waren ihre Freunde bereits fast fertig mit dem Essen. Überall türmten sich Teller mit den Resten von Sternenstaubragout, Maus-a chocolate und Hafermüsli. Sie nickte freundlich nach allen Seiten, ignorierte sämtliche Fragen nach ihrem Verbleib und setzte sich zu Faith an die Tafel.

„Schau mal Kleiner, wen ich dir mitgebracht habe!“

Lilly pustete den gelben Schmetterling sanft in Faiths Richtung. Der kleine Kater schnurrte entzückt, als sein neuester Freund sich sofort wieder auf seiner Nasenspitze niederließ.

„Er hat mich gleich wiedererkannt, Lilly. Hast du das gesehen? Wo warst du eigentlich die ganze Zeit? Du hast ganz viele spannende Dinge verpasst, du glaubst ja nicht, was hier alles in der Zwischenzeit passiert ist!“

„Ja, genau! Luna hätte deine Hilfe sicher gut gebrauchen können, sie ist gerade mit Valerion auf einer heiklen Mission. Wo warst du die ganze Zeit „, fragte auch Enzo und sah sie dabei nachdenklich an. „Gibt es etwas, das ich wissen müsste?“

Lilly schickte ihr schönstes Lilly-Lächeln in die Runde.

„Wo ich war? … Ich glaube, das habe ich längst schon wieder vergessen. Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Sicher war es schrecklich langweilig… erzählt ihr mir lieber, was gestern Spannendes passiert ist!“

Sie ignorierte Enzos misstrauischen Blick, griff sich eine Maus-a-chocolate und schluckte die Delikatesse aus Irons Zauberküche an einem Stück hinunter. Dann schnurrte sie vergnügt und fragte Faith:

“ Was wollen wir heute zaubern, soll ich dir zeigen, wie man Regenbögen macht?“ …

-ENDE-

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