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Unterwegs in der Servicewüste Deutschland. Wie schlimm ist es wirklich?

Vorsichtig strich ich mit dem Finger über das Display meines Handys. Diesmal war wohl nichts mehr zu machen. Die Scheibe war ein Totalschaden. Fliesen und Glas sind eine ungute Kombi. Ohne eine zeitnahe Reparatur würde ich nicht mehr weit damit kommen. Konnte ja nicht soo aufwändig sein, das Teil auszutauschen. Mein Handy war zwar nicht mehr der Burner aber voll funktionsfähig. Viel zu schade, um es einfach zu verschrotten.

Im Internet wurde ich schnell fündig. Ein neues Display würde rund 200 Euro kosten. WTF!!! Kein Wunder, dass wir so viel Elektroschrott produzieren. Reparieren lohnt nicht mehr, ist auch gar nicht gewollt. Morgen wollte ich mein Glück noch einmal in einem der großen Elektronikläden in der Stadt versuchen. Vielleicht war die Abzocke in Sachen Ersatzteilen ja nur im Internet üblich.

Der Laden war riesig und ähnlich wie in jedem guten Baumarkt, fühlte sich zunächst niemand zuständig, auch nicht, als ich nach einigen Minuten Herumstehen demonstrativ Blickkontakt suchte. Schliesslich fand ich die zuständige Abteilung allein heraus.

„Ich suche ein neues Display für mein Handy, bin ich hier richtig?

Meine Spider App auf dem Glas wurde begutachtet, man tippte die Bestellnummer ein und eröffnete mir dann, dass ich etwa mit 200 Euro plus Zeitaufwand rechnen müsste. Sie hätten das Teil vorrätig, ich könnte darauf warten, wenn ich wollte.

Gut, dann eben nicht, dachte ich. Es war eigentlich sowieso längst Zeit für einen Austausch.

„Angenommen, ich würde hier jetzt ein neues Handy kaufen und angenommen ich könnte mich nicht an mein Google Passwort erinnern und vermutlich auch nicht an so manch andere Infos, die man eigentlich zum Einrichten benötigt. Könnten Sie es mir dann trotzdem einrichten und wie lange würde das dauern?“ fragte ich und schickte sicherheitshalber noch ein strahlendes Lächeln hinterher. Es wurde prompt erwidert.

„Ja, schätze das können wir. Das kriegen wir schon hin. Eine komplette Einrichtung mit Datentransfer dauert etwa 40 Minuten. Da vorn ist unser Kollege, der ist für Ihre bevorzugte Marke zuständig. Kommen Sie dann einfach mit dem neuen Handy wieder zu uns.“

Das klang gut. Ehe ich mich tagelang mit Passwörtern, Einstellungen und einer Gebrauchsanleitung herumplagen wollte, schien diese Lösung ideal. Ich machte mich auf die Suche nach dem zuständigen Verkäufer.

„Entschuldigung, könnten Sie mir vielleicht helfen? Ich habe dieses Samsung immer wieder durch den gleichen Typ ersetzt, weil ich mich nicht umgewöhnen wollte. Ich schätze, mittlerweile sind einige neue Handygenerationen ins Land gezogen. Welcher Nachfolger ist meinem alten in Funktion und Kameraleistung am ähnlichsten und preislich im Rahmen meiner Vorstellungen?“

Ich nannte die Summe und zeigte mein geschrottetes Handy vor.

„Ach, und etwas größer dürfte es auch sein. Alles andere ist mir völlig Banane. Hauptsache es tut, was es soll, der Akku hält lange und es macht schöne Bilder.“

Der Verkäufer, er war noch sehr jung, wie alle in diesem Laden, verzog keine Miene, als ich meine technisches Desinteresse offenbarte.

„Sie haben sich immer wieder das gleiche Hand gekauft, ohne Neuerungen? War ein solides Teil und nicht ganz billig damals, das gute S8. Heute gibt es da super Angebote. Das hier zum Beispiel, es kann alles, was Ihr altes Handy kann, plus bessere Kamera, plus längere Akkulaufzeit, plus größeres Display und ausserdem ist es gerade in der Aktion. Fünfzig Euro billiger.

Ich sah mir den Preis an und nickte ungläubig.

„Aber das ist ja nur unwesentlich teurer, als ein neues Display für meinen Handy Dinosaurier. Super! Nehme ich. Die Farbe ist mir egal. Wobei…Moment! Schwarz sieht denke ich besser aus, als weiss. Und wo findet der Datentransfer statt? Ich habe nur wenig Zeit.“

„Gleich um die Ecke ist die Kasse. Erst bezahlen, dann mit dem Teil nach hinten zur Reparaturwerkstatt.“

„Oh, stimmt. Da war ich schon! Vielen Dank für die tolle Beratung. Ich habe genau, was ich wollte…“

5 Minuten später reichte ich meine beiden Handys über den Tresen der Reparaturwerkstatt.

„Hier sind die wichtigsten Passwörter. Was nicht an Passwörtern auf dem Zettel steht, kenne ich leider selbst nicht. Wäre toll, wenn kein Bild verloren geht. Und was ist mit dem Whats App verlauf? Kriegen wir den sicher mit rüber? Das ist mein Arbeitsplatz, der sollte wieder vollständig sein.“

„Keine Sorge, wir kriegen das hin. Kommen Sie einfach in einer halben Stunde wieder hier vorbei, dann dürften wir schon sehen, ob es funktioniert hat.“

In dieser halben Stunde fiel mir wieder einmal auf, wie abhängig wir mittlerweile von unseren Handy sind. Wann war sie überhaupt um? Ohne Handy, keine Uhrzeit. ich suchte nach öffentlichen Uhren. Im Cafe´ wollte ich gewohnheitsmässig die Nachrichten checken und griff ins Leere. Mist!

Also beobachte ich das Treiben auf der Straße. Es gab einiges, was ich gerne fotografiert hätte. Kein Handy, keine Kamera. Nicht einmal telefonieren konnte ich, um zu fragen, ob jemand Zeit auf einen schnellen Kaffee in der Stadt hätte. Und ein fremdes Handy würde mir nicht helfen, ich wusste die Nummern nicht. Keine Einzige mehr! Ich war wirklich abhängig von diesem Teil, mehr als mir lieb war. Mein ganzes Leben steckte in diesem Minicomputer.

Ob sie sich meine privaten Fotos ansehen würden, den Browser Verlauf oder vielleicht Nachrichten lesen, während die Handys ausgetauscht werden? Ach, egal! Sollten sie denken, was sie wollten. Hauptsache ich hätte bald wieder ein Handy.

Es lag schon bereit, als ich wieder an der Reparaturwerkstatt aufschlug.

„Alle Apps, alle Konten alle Bilder sind übertragen. Sie müssen nur noch ein paar davon neu einloggen. Hat super geklappt. Viel Spass mit dem neuen Teil. Es hat sich nicht viel an der Bedienung geändert, Sie werden sicher gut zurechtkommen.“

Ich bedankte mich strahlend bei den netten Jungs im Service und probierte bereits im Hinausgehen die ersten Funktionen aus. Wow! Vielleicht hätte ich viel eher schon upgraden sollen.

Und das alte Handy würde ich behalten. Für Notfälle. Hier wird nichts weggeworfen, was noch funktioniert! Auch wenn wir förmlich dazu genötigt werden, verschwenderisch mit unseren Ressourcen umzugehen. Größer, Neuer, Schneller…Mehr! Ohne mich 😊

Ach ja, … ganz großes Kino, wie ihr mit Kunden umgeht, liebe Saturn Mitarbeiter.

Hat Spass gemacht, bei euch einzukaufen. Danke ❤

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