Aufreger

Sonntag Abend an der Tankstelle…Ich schäme mich!

Besonders auf dem Land und wenn man ein Schokoholic ist, sind 24 Stunden Tankstellen mit einem umfangreichen Warensortiment ein wahrer Segen. Es war bereits nach zehn Uhr Abends, als ich das dringend Bedürfnis verspürte, die schwindenden Schokoladenvorräte schnell wieder aufzufüllen und die nächste Tankstelle ansteuerte. Normalerweise herrscht Sonntag Nacht dort gähnende Leere, diesmal war es anders, ganz anders.

Zu meinem Erstaunen waren sämtliche Zapfsäulen belegt, die Schlangen reichten bis zur Einfahrt. Was war hier passiert? Wollten heute Nacht alle in Urlaub fahren? Aber warum dann die Traktoren? Nun, das sollte nicht mein Problem sein, ich wollte ja nur Schokolade, daher quetschte ich mich an der Warteschlange vorbei, parkte am Rand der Fahrzeugansammlung und betrat den Verkaufsraum der Tankstelle, Destination, Süssigkeiten-Regal. In der Warteschlang vor der Kasse wurde aufgebracht diskutiert.

„Wie stellen die sich das vor? Die machen uns kaputt! Wenn die Preise nächste Woche wieder weit über zwei Euro schießen, können wir dicht machen! Der trockene Sommer, die hohen Energiekosten und jetzt noch der teure Sprit. Sollen sie doch sehen, was sie essen, wer ihre Häuser baut, wenn wir nicht mehr können!“

Es waren Menschen in Arbeitskleidung, die ihrem Unmut Luft machten. Für unsere Bauern und auch für viele Handwerksbetriebe gibt es keinen Sonntag, sie arbeiten, wenn Arbeit ansteht und das Wetter günstig ist, nicht wenn die Stechuhr sagt, es ist Feierabend. Sie haben keine staatlich garantierten Bezüge sondern müssen Monat für Monat ihre Lebensgrundlage neu erarbeiten, wenn sie nicht leisten, gehen schnell die Lichter aus in den kleinen Betrieben.

Jetzt war mir klar, was hier passierte: Jeder versuchte vor dem Ende des Tankrabatts noch seinen kleinen Fuhrpark, das Arbeitswerkzeug, die Traktoren und Lieferwagen mit günstigem Sprit zu füllen. Während ich in der Schlange wartete, hörte ich einige Gespräche mit, sie alle stehen finanziell mit dem Rücken zur Wand und wissen nicht mehr, wie es bei diesen exorbitanten Energiekosten weiter gehen soll. Mein Unmut über unsere Regierung, mein Bedauern für all die Menschen, die hart arbeiten, die dieses Land am laufen halten und dafür beständig bestraft werden, wuchs mit jeder Minute. Jeder Einzelne bangt um seine wirtschaftliche Existenz und er hat gute Gründe dafür.

Als ich wieder nach draußen ging, betrachtete ich die kleinen Zugmaschinen, die Traktoren und Lieferwagen, die in der Dunkelheit aufgereiht in der Warteschlange parkten. Alte, solide Fahrzeuge mit Rost und Dellen, denen man die Jahre ansah, die sie bereits im Einsatz waren. Ich betrachtete deren Besitzer, meist nicht mehr jung, meist in einfacher Arbeitskleidung, die geduldig darauf warteten ,an der Reihe zu sein. Sie sahen müde aus. Wie ich erfahren hatte, war an anderen Tankstellen im Landkreis bereits kein Sprit mehr erhältlich.

Sie waren hierher ausgewichen und warteten in ihrer wohlverdienten Freizeit, an einem Sonntag Abend darauf, ihre Arbeitswerkzeuge noch einmal günstig zu betanken, ehe die Regierung wieder künstlich verteuert, ehe unsere Politik ehrliche Arbeit wieder mit Sondersteuern erschwert. Morgen früh würden sie alle wieder spätestens um 5 Uhr auf der Matte stehen, um zu tun, wofür viele andere sich zu fein sind, um unser Land zu ernähren und instand zu halten.

Wir danken es ihnen auf unschöne Weise.

Der Appetit auf Schokolade war mir vergangen. Die Lust auf Tanken ebenfalls. Sollten diejenigen heute bedient werden, die es dringender benötigen, als ich. Einige Säulen waren bereits deaktiviert, weil leer getankt.

Sonntag Abend in Deutschland. Bitte weitergehen, es gibt nichts zu sehen! Nur ein Land, dessen arbeitende Bevölkerung gerade wirtschaftlich systematisch demontiert wird. Ein bisschen schäme ich mich dafür mit, obwohl ich nicht zu denen gehöre, die solche Zustände befürworten, wählen und somit beständig verschärfen.

Ich sollte vermutlich etwas dagegen tun, da es unter dem Strich uns alle treffen wird, auch diejenigen, die jetzt noch klatschen. Aber ich habe keinen Plan, was ich tun könnte.

Die Schokolade schmeckt heute irgendwie bitter.

2 Gedanken zu „Sonntag Abend an der Tankstelle…Ich schäme mich!“

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