Aufreger

Die Totengräber der freien Kunst waren wieder am Werk … diesmal traf es Roald Dahls Werke

Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen. (Heinrich Heine)

Kennt ihr die wunderbaren Bücher von Roald Dahl, „Charlie und die Schokoladenfabrik“, „Matilda“ und „Hexen hexen“? Der britische Verlag mit dem schönen Namen „Puffin Books“ möchte das Werk von Roald Dahl neu herausbringen. Das wäre keine schlechte Idee, doch dafür wurden diese Bücher zensiert, bereinigt, umgeschrieben. Oder wie ich es ausdrücken würde: Das Werk des Autors wurde geschändet.

Seine Bücher wurden einem sogenannten „Sensitivity Reading“ unterzogen. Was bedeutet, die original Texte wurden auf Begriffe durchsucht, die Leser in Sachen Bodyshaming, psychische Gesundheit, Geschlecht oder Herkunft verletzten könnten. Nun haben wir einen Roald Dahl „light“. Nun gibt es zahlreiche Änderungen.

Begriffe wie „fett“, „hässlich“ oder „verrückt“ wurden gestrichen und/oder durch positive Formulierungen ersetzt. Dabei war es doch gerade die böse Ironie, die manchmal drastische Sprache, die Dahls Werke zu Bestsellern werden ließen und warum große und kleine Kinder sie lieben. Das ist der neue, woke Umgang mit Literatur. Achtung und Achtsamkeit gilt nur in den eigenen Reihen, nicht für die Literatur. Sie wird cecancelt, bereinigt, umgeschrieben, sie wird entfernt, mit Sicherheitshinweisen versehen und verfremdet. Es existiert keine Achtung mehr vor dem Original. Dann könnte man auch gleich die Mona Lisa umpinseln oder Van Goghs Werke dem jeweiligen Zeitgeschmack anpassen.

Verantwortlich für diese Aktion der „Text-Bereinigung“ zeichnet Netflix. Der Konzern hat die Urheberrechte und Marken des Autors gekauft und kann nun aus den außergewöhnlichen und hinreißenden Klassikern einen drögen und woken und entschärften Einheitsbrei basteln.

Was man Dahls Büchern gerade antut, geht weit über das hinaus, was wir hierzulande bereits an Literaturverfremdung kennen. Es ist der Anfang vom Ende der freien Literatur und dem Schutz des Originals. Bisher ging es eher um einzelne Wörter, die nicht mehr zeitgemäß schienen. Bei Roald Dahls Werk wurden viele (für den Lesespass) wichtige Adjektive, Redewendungen, ganze Zeilen gestrichen, ersetzt und ausgetauscht. Im Klartext: Es ist nicht mehr seine Sprache, es sind nicht mehr seine Bücher.

Der im vergangenen Jahr von einem Islamisten lebensgefährlich verletzte Autor Salman Rushdie nannte solches Vorgehen: „kriecherische Befindlichkeitspolizei“ am Werk. Wie viele andere protestiert er entschieden gegen solche Eingriffe und setzt sich für Freiheit der Kunst und Literatur ein.

Salman Rushdie weiß, wovon er spricht. Der 75-jährige Schriftsteller erlitt bei einem Attentat schwere Verletzungen. Er ist seither auf einem Auge erblindet und kann eine Hand nicht mehr bewegen, weil bei dem Messerangriff wichtige Sehnen durchtrennt wurden. Seine Bücher wurde als „beleidigend“ empfunden.

Wer bei literarischen Texten alles tilgt, was irgendwen „verletzen“ oder „verstören“ könnte, der vernichtet die Kunst, der agiert als ihr Totengräber. Alles zu unserem Besten. Würde Roald Dahl noch leben, würde er vielleicht eine bitterböse Geschichte darüber schreiben, mit drastischen Worten …

Und noch ein (persönlicher) Gedanke:

Unter dem Strich ist es noch viel dramatischer, als der im Text geschilderte Vorfall vermuten lässt. Die Praxis des „Sensitivity Readings“ wird auf kurz oder lang jedes literarische Werk durchlaufen müssen, ehe es veröffentlicht wird. Wer sich nicht anpasst, hat keine Chance bei den Verlagen. Was das für die Freiheit des Denkens, die Freiheit der Kunst und Literatur in der Gesamtheit bedeutet, kann man sich leicht ausmalen.

Simples Beispiel: Darf ich weiterhin in meinen Geschichten die lustigen Neckereien der Katzenbrüder zulassen, wo Mr. Darcy auch einmal „Dickie“ von seinem Bruder Captain genannt wird und seine Liebe zu reichlich Essen spöttisch thematisiert wird, wenn die beiden sich zoffen? Allein darüber nachdenken zu müssen, ehe man schreibt, ist Zensur. Stellt man sich das in sämtlichen Bereichen vor, Bücher, Drehbücher, Songs etc, dann weiß man, was gerade passiert.

Man verbrennt die Bücher im Kopf der Autoren, ehe sie überhaupt geschrieben werden und nennt das Ganze wohlklingend „Sensitivity“.

9 Gedanken zu „Die Totengräber der freien Kunst waren wieder am Werk … diesmal traf es Roald Dahls Werke“

  1. Worte (Tabus) werden neuerdings behandelt wie (Gedanken)Verbrechen, als seien diese an sich schon „böse“ – wobei es auf den Kontext, Zeitgeist und ganz andere Dinge ankommt, die zu realer Gewalt führen. Als würden bestimmte Menschen nicht nur mit Worten verletzen oder unangenehme Wahrheiten aussprechen – es darf einfach nicht sein. So kommt langsam und sanft und mit einem falschen Lächeln etwas Diabolisches daher – die wirkliche Brutalität liegt nicht in der westlich erkämpften Rede, Denk- und Kunstfreiheit, seien es Bücher oder Karikaturen oder in Denkanstösse, welche ja auch gesellschaftliche „Ventil- und Befreiungsfunktion“ hat. .. sondern in der anmaßenden Idee, jugendlichen/erwachsenen Menschen etwas vorzuenthalten, erziehen und verbieten, unsichtbar machen zu müssen

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  2. Ein Beispiel fällt mir gerade noch dazu ein .. „gesäuberte“ Bücher .. geschönte Bilder… das ist Realitätsumdeutung… achtsamere, friedfertige Kommunikation, Wissensvermittlung (und mehr noch, es geht ja auch um ein Erinnern, um Geschichte und Bewusstsein) ist möglicherweise ein vorgegebenes Ziel, um Abwertung und Gewalt von vornherein für neue Generationen rauszunehmen – aber wäre doch idealerweise eher authentisch, nicht manipulativ oder propagandistisch/demagogisch. Die Taliban haben vor über 20 J Kultur und Denkmäler zerstört – geschieht hier nicht ähnliches? https://www.dw.com/de/20-jahre-nach-der-sprengung-der-buddha-statuen-von-bamiyan/g-56751347

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  3. Ich frage mich, wer ist auf so eine Idee gekommen und wie verdreht muss man im Gehirn sein dafür.
    Es erinnert mich sehr stark an das Buch Fahrenheit 451 von Ray Bradbury wo man das alte nur erhalten konnte, indem es jemand auswendig lernte.
    Was würden wohl die Religionen dazu sagen, käme jemand auf den Gedanken, die Bibel, Thora, Koran, etc. umzuschreiben.
    Mit Begeisterung lese ich gerade eine Science-Fiction-Reihe aus 1920 mit vielen Worten, die ich erst nachschlagen muss, da sie nicht mehr üblich sind.

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  4. Liebe Bettina Marie,
    es macht einen schon fast sprachlos. Es wird ab Kindergarten Alter damit angefangen, alles gleich zu machen, seltsamen Sprachgebrauch anzuwenden. Und sehr viele springen auf den Zug auf. Noch darf man untereinander reden, wie der Schnabel gewachsen ist, schreiben öffentlich, leider nein. Überall droht die Sprech-Polizei. Alles wird überprüft, angemahnt, gesperrt. Trotzdem kann sich Hass weiter verbreiten, merkwürdig. Jetzt alle Bücher neu zu überarbeiten, anpassen, ist totaler Schwachsinn. Ja, Sprache kann auch böse verletzen, wenn z B. Kinder untereinander sind. Wer sagt schon, oh, du bist aber enorm, wenn fett, leider die Wahrheit ist. Irgendwie werden die Empfindlichkeiten immer schlimmer, jeder ist fühlt sich angegriffen, angefeindet, wir bringen nur noch Mimosen auf den Weg. Als Erwachsener sagt man vieles vielleicht nicht mehr so direkt. Man beleidigt nicht, man grenzt nicht aus, man versucht gut miteinander auszukommen. Anstand, Respekt, Werte. Ach ja, ich weiß auch nicht, wohin uns diese Reise bringt, wenn alles strengstens geregelt wird, stramm auf Kurs gebügelt, es gibt doch schon so viele Länder, da denken viele Menschen nicht mehr, sie funktionieren. Traurige Zeiten, Schlimme Aussichten.

    Herzliche Grüße
    Claudia

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  5. Was ich noch viel schlimmer empfinde: Wir lassen uns das auch alles gefallen, schütteln mit dem Kopf , wundern uns über die merkwürdigen Zeiten in denen wir befinden …
    … machen aber nichts, lassen es einfach geschehen.

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  6. Wie ich gerade lese, hat Salman Rushdie neben vielen anderen dagegen protestiert, dem haben sich auch der britische Premier und Camilla angeschlossen. Ich denke, da werden wohl auch die Schriftstellerverbände und Autoren Sturm laufen. Anders kann ich es mir nicht vorstellen.
    Wenn ich da an die MÄRCHEN denke, in denen es zum Teil grausam zugeht. Sie hatten doch die Funktion, Kindern begreiflich zu machen, dass die Welt nicht weichgespült und nur schön ist. Sie beinhaltet Gutes und Böses!
    Ich will gar nicht daran denken, was mit denen geschieht. Es wäre eine Gedankenpolizei, sollten sich solche Vorgehensweisen durchsetzen.

    Nun habe ich bei Roald Dahl in Wikipedia geschaut. Dort steht zu den aktuellen Vorgängen folgendes:

    „Im Jahr 2023 löste Puffin Books, das die Rechte an allen Kinderbüchern Dahls besitzt, eine Kontroverse aus, nachdem es sensible Leser angestellt hatte, um den Originaltext von Dahls Werken durchzugehen, was zu Hunderten von Änderungen an seinen Büchern führte. Der Telegraph veröffentlichte eine Liste mit vielen dieser Änderungen. Der Schritt wurde von einer Reihe von Autoren unterstützt, vor allem von Joanne Harris, der Vorsitzenden der Society of Authors, stieß aber auch auf viel mehr Kritik: Der Telegraph berichtete, dass sich Dahl zu Lebzeiten sehr stark gegen jegliche Änderungen an seinen Büchern ausgesprochen hatte. Premierminister Rishi Sunak, Salman Rushdie und Camilla, Königingemahlin, sprachen sich alle gegen die Änderungen aus. Am 23. Februar 2023 kündigte Puffin an, eine ungekürzte Auswahl von Dahls Kinderbüchern als „The Roald Dahl Classic Collection“ herauszugeben, und erklärte: „Wir haben uns die Debatte der letzten Woche angehört, die die außergewöhnliche Kraft von Roald Dahls Büchern bestätigt hat“ und „erkennen an, wie wichtig es ist, Dahls klassische Texte im Druck zu halten.“
    Übersetzt mit http://www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)

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