Kurzgeschichten, Seelenmarzipan, Tierschutz

Einschreiben für mich…weiha!

Please scroll down for English text

Es lag schon seit Freitag im Briefkasten. Ich erkenne solche Hiobsbotschaften, selbst wenn ich nur mit der Hand in den Briefkastenschlitz fasse und überlege, ob es sich lohnt , den Kasten zu öffnen, oder ob ich nicht einfach noch ein wenig länger warte, ehe ich mir den Tag damit verderbe.

Aber gestern Abend musste es dann einfach sein. Werbung, Werbung, eine Postkarte … und eine Benachrichtigung für ein Einschreiben. Weiha!

Habe ich schon erwähnt, dass ich eine Dokumenten und Rechnungs-Phobie habe und diese liebevoll pflege? Alle wichtigen und unvermeidlichen Dinge laufen via Dauerauftrag und natürlich kümmere ich mich notgedrungen auch um die ein oder andere Bürgerpflicht, wie Steuerbescheide und Strafzettel aber alle sin allem vermeide ich den Kontakt und er macht mir tagelang schlechte Laune und ein ungutes Gefühl. Was wohl diesmal hinter dem Einschreiben steht?

Ich grübelte den ganzen Abend und ein Horrorszenario nach dem Anderen ging mir durch den Kopf.

Wollte die Krankenkasse auch noch eine Biopsie am schlagenden Herzen und den rechten Augapfel, damit ich endlich die benötigte Bescheinigung erhielt?

War mein Führerschein Geschichte, weil ich irgendwo ein Schild übersehen hatte und neue Rekorde in Sachen Geschwindigkeitsübertretung errungen?

Hatte ich irgendeine Rechnung versemmelt und die Inkasso Unternehmen waren mir jetzt auf den Fersen?

War irgend eine Copyright Verletzung in meinem Blog passiert und jetzt sollte ich um schwindelnde Summen verklagt werden?

Je länger ich über sämtliche Optionen nachdachte, desto seltsamer wurde mir zumute, ich drehte den Benachrichtigungsschein hin- und her, als könnte er mir verraten, worum es diesmal geht. Die Antwort musste bis zum nächsten Tag warten. Um mich abzulenken stöberte ich ein wenig im Internet, sollte ich morgen pleite sein, ohne Führerschein oder im Gefängnis, dann wollte ich heute noch eine weiße Bluse oder ein weißes T-shirt kaufen, am besten mit Spitze…das beschäftigte mich bis zum Einschlafen, auch wenn ich nichts passendes fand. Immer wieder fiel mir das mysteriöse Einschreiben ein und verdarb die Kauflaune.

Am nächsten Morgen stand ich im Postamt und lauschte angespannt, als der Beamte in dem Fach mit den Einschreiben wühlte. Es knisterte und raschelte und dann zog er einen Umschlag heraus. Ich warf einen kurzen Blick darauf und strahlte von einem Ohr bis zum anderen. DAS konnte auf jeden Fall nichts wirklich unangenehmes sein, dieser Umschlag war einfach zu groß für Rechnungen, Vorladungen oder offizielle Schreiben.

Noch im Postamt riss ich ihn auf und dann war ich für einen Augenblick wirklich sprachlos. Im Umschlag war ein weisses Shirt, mit Spitzen, genau meine Größe, genau mein Geschmack, so wie ich es gestern vergeblich gesucht hatte. Wer konnte meine Gedanken lesen und das eine Woche im Voraus??? Ich hatte niemals ein solches Shirt erwähnt!

Argyro, die als Freiwillige Helferin für SCARS Athen Pflegestelle ist, hatte mir dieses Shirt einfach so geschickt … als Einschreiben, damit es auch ganz sicher aus Athen bis nach Nordbayern findet und dazu ein paar sehr persönliche und sehr nette Zeilen.

Wow, Argyro! ❤

Die Anspannung (ich übertreibe nicht, es hatte mich wirklich ziemlich verunsichert, was da auf mich wartet), wechselte in sekundenschnelle zu Freude und Dankbarkeit über. Wie sorgsam ausgesucht das Shirt war,  wie genau es meinen Geschmack traf…wie persönlich… und unerwartet … und dazu die lieben Worte von jemandem, den ich kaum kenne.

Wenn einer von uns beiden ein Geschenk verdient hätte, dann wohl eher Argyro, für das, was sie jeden Tag ehrenamtlich für die Tiere in Athen leistet und besonders für die liebevolle Pflege ihre Schützlinge , die sie privat in der eigenen Wohnung betreut.

Heute hatte ich also das erste Einschreiben erhalten, das mich zum Strahlen brachte. Meine Phobie macht Fortschritte 🙂

Dankeschön, Tausend Dank, liebe Argyro und Grüße nach Athen!!!

 

20190619_200635.jpg.

It had been in the mailbox since Friday. I recognize such bad news, even if I only hold by hand into the mailbox slot and wondering whether it is worth opening the box, or whether I just wait a little longer, before I spoil the day with it.

But  last night i needed to check to mailbox. I could not longer postphone it. Advertising, advertising, a postcard … and an official note to get a registered letter from the post office. Ooops!

Did I mention that I have a document and bill phobia and pamper that phobia lovingly? All important and inevitable things run via standing order and of course I take care of the one or the other civic duty, as tax bills and traffic fines but all in all I avoid the contact and paying bills and taking care of documents, causes me bad mood and a bad feeling for days. What was this time behind the registered mail in my box?

I pondered all evening and one horror thought after another came to my mind.

Did the health insurance company also want a biopsy on the beating heart and my right eyeball, so that I finally received the required certificate?

Was my driver’s license history, because I had missed a sign somewhere and achieved new records of speeding?

Had I messed up some account and the debt collection companies were now hot on my heels?

Was there any copyright infringement on my blog and now I would be sued for huge sums?

The longer I thought about all the options, the stranger I felt.  I turned the notification slip back and forth, as if he could tell me what this time was waiting for me. The answer had to wait until the next day.

To distract myself, I rummaged a bit on the Internet, if i might be broke or without a driver’s license or in prison tomorrow, then I wanted to buy a white blouse or a white T-shirt, today…preferably with lace … that search occupied me until falling asleep, even when I found nothing suitable.

The next morning I stood in the post office and listened to the crackling noise, as the bureaucratist rummaged through the mailbox. It crackled and rustled and then he pulled out an envelope. I glanced at it, beaming from one ear to another. THAT could not be anything really unpleasant, this envelope was just too big for bills, subpoenas or official letters.

I tore it open instantly, while i was still  in the post office. I tore it open and then for a moment I was really speechless. In the envelope was a white shirt, with lace, just my size, just my taste, the shirt I had searched for in vain, yesterday evening. Who could read my thoughts and read them one week in advance? I never ever mentioned such a shirt to anybody!

Argyro, who is a volunteer helper for SCARS Athens foster care, had just sent me this shirt … as a registered letter, so that it safely found its way from Athens to northern Bavaria and with the shirt also a few very personal and very nice lines.

Wow, Argyro! ❤

The tension (I am not exaggerating, it really made me quite confused, what is waiting for me), changed in seconds to joy and gratitude. How carefully chosen the shirt was, how exactly it met my taste … how personal … and unexpectedly … and the kind words of someone, I hardly know.

If one of us deserves a gift, then it would be rather Argyro than me, for what she volunteers every day for the animals in Athens, and especially for the loving care of her foster cats, which she looks after in her private home.

So today I received the first registered letter that made me smile. My phobia is making progress 🙂

Thank you, a thousand thanks, dear Argyro and greetings to Athens !!!

Kurzgeschichten, Seelenmarzipan

Eine Nacht mit Bischof Tutu…

Ich werde oft gefragt, welchen interessanten Persönlichkeiten ich während meiner Arbeit als Stewardess bei der Deutschen Lufthansa begegnet bin und es gäbe tatsächlich einiges zu erzählen, was mich auch heute noch zum Lächeln bringt. Menschen verändern sich, sobald sie ein Flugzeug betreten, jedenfalls viele von ihnen und in der First Class war während eines langen Nachtfluges oft reichlich Gelegenheit, Facetten einer Persönlichkeit oder eines VIPs kennen zu lernen, die es nicht in die Yellow Press geschafft hatten. Unvergessen der Auftritt von Pinochet, dem Diktator aus Chile.

Er hatte die gesamte Firstclass im Upperdeck für sich und seinen Hofstaat exklusiv gebucht und lehnte die von Lufthansa bereitgestellten Mahlzeiten ab. Es wurde in Chile selbst gecatert, denn er hatte Angst, vergiftet zu werden. Ein riesen Aufriss, bis er dann endlich  an Bord war und seine Bodyguards klärten mich vor dem Abflug darüber auf, dass ich ihn nur ansprechen dürfte, wenn ich von ihm dazu aufgefordert werde und dann die Anrede „Admirante“ verwenden sollte. Diese Anweisung erwies sich als überflüssig, denn der Admirante ignorierte mich während des langen Fluges, verweigerte die angebotenen Speisen und arbeitete mit seinem Sekretär stundenlang an irgendwelchen Dokumenten, die sie über die leeren Sitze ausgebreitet hatten. Da er nichts aß, wagte auch keiner seiner Untergeben zu essen. Mir war es Recht und ich vertrieb mir die Zeit in der kleinen Bordküche, im Upperdeck der 747, mit den Bordillustrierten.

Kurz vor der Landung winkte er mich zu sich und ich befürchtete bereits, er war mit dem Service unzufrieden. Aber offensichtlich war das Gegenteil der Fall. Sein Sekretär öffnete einen kleinen Koffer und in dem Koffer lagen auf schwarzem  Samt ausgebreitet, verschiedene Jadeketten und Anhänger. Ich sollte mir etwas aussuchen. Es kommt nicht alle Tage vor, dass man von einem Diktator mit Schmuck bedacht wird. Ich wählte einen kleinen Anhänger aus, bedankte mich artig… erhielt erneut nur ein abwesendes Kopfnicken als Antwort und dann war ich in Gnaden entlassen. Es fühlte sich vom ersten bis zum letzten Moment ungut an, und als ich später die Liste seiner Verbrechen las, wusste ich, warum!

2011 schrieb  eine Regierungskommission von 40.018 Toten. Darunter sind auch Opfer, die gefoltert oder wegen ihrer politischen Einstellung verhaftet wurden.

„Wie Müll wurden die geschundenen Opfer auf ihre letzte Reise geschickt. Verschnürt in einen alten Sack, rollten die Leichen über Schienen bis an die Küste, und schließlich warfen Helfer sie ins Meer.“ So in etwa dürften sich die grausamen Szenen abgespielt haben, die chilenische Ermittler Jahre später aufdeckten.

Die subtile Atmosphäre der Angst, die dieser Machthaber verbreitete, war auch für mich damals in jedem Augenblick spürbar.

Wie anders war dagegen die Begegnung mit Bischof Tutu.

1984  wurde Desmond Tutu für sein Engagement gegen die Apartheid der Friedensnobelpreis verliehen, im Jahr darauf wurde er Bischof von Johannesburg und er war bereits damals eine Art Superstar der Friedensbewegung und weltbekannt.

Trotzdem hatte er nur einen Sitz für sich gebucht, bevorzugt im stillen Upperdeck der First Class, weil er die langen Nachtflüge gerne verschläft, wurde mir erzählt. In dieser Nacht gab es keinen weiteren Passagier in meinem abgeschlossenen Arbeitsbereich, außer ihm. Ich bereitete mich innerlich auf eine lange und langweilige Nacht, mit wenig Arbeit vor und begrüßte ihn freundlich an Bord, als er in Johannesburg zustieg.

Was für ein angenehmer Gast und keinerlei VIP Allüren! Der Bischof und Friedensnobelpreisträger lächelte mich an, suchte sich einen Platz am Fenster aus und verfolgte interessiert meine Vorbereitungen für den Start. Er studierte die Speisekarte,  genoss die kulinarischen Köstlichkeiten, die ich ihm im Laufe des Abends servierte und nach dem Essen lehnte er entspannt in seinem Sitz und sah hinaus, in die Dunkelheit. Keinerlei Extrawünsche. Ich machte es mir ebenfalls bequem, in der Bordküche und checkte nur von Zeit zu Zeit die Kabine, bereit für weitere Wünsche meines einzigen Gastes.

„Come here, sit down and let´s talk a little“ … forderte er mich bei einem dieser Kontrollgänge freundlich auf. Er konnte nicht schlafen und wollte gerne ein wenig Unterhaltung. Ich hatte keine anderen Pflichten, holte mir einen Tee, setzte mich neben ihn, und dann begann eines der intensivsten und wertvollsten Gespräche, die ich je im Leben führte.

Wir redeten buchstäblich über Gott und die Welt. Angefangen von meinen Fragen zur Apartheid und seinen politischen Aktivitäten in Südafrika bis hin zu Liebeskummer, Tod  und Gott. Er hatte Kinder in meinem Alter und war keinesfalls weltfremd sondern wusste genau, was meine Generation bewegte und er hatte Antworten…richtig gute Antworten, die mir bis heute im Gedächtnis sind. So verging die Zeit, Stunden, wie im Flug, seine Weisheit und Gelassenheit, aber auch der kluge Humor seiner Erzählungen und Ratschläge, waren bemerkenswert. Heute weiss ich, dass er seiner Zeit im Denken weit voraus war, nicht nur zum Thema Apartheid, deren Auswirkungen mich jedesmal wieder schockierte, wenn ich in Südafrika unterwegs war.

Er nannte mich „Child“, wie Geistliche das wohl tun, aber für ein paar Stunden fühlte ich mich in seiner Gegenwart wirklich wie ein Kind, das wie ein Schwamm, Wissen aufsaugt und aufsieht, zu einer großen Seele und einem großen Geist. Selten hat ein Friedensnobelpreisträger diesen Preis mehr verdient. In jedem Satz und in jedem Gedanken, den er in dieser Nacht mit mir teilte, war geballte Lebensweisheit, Weitsicht und Empathie, die er humorvoll und geduldig vermittelte.

„Die meisten von uns erhalten erst durch die eigene Schwäche und Verletzlichkeit Zugang zu ihrer Seele und entdecken so ihre Fähigkeit für  Empathie und Mitgefühl. Lasse sie zu!“

Dieses Zitat von ihm, hat mich bei so manchem Schmerz getröstet und wenn ich eines bedauere, dann dass ich nicht damals sofort aufgeschrieben habe, was er mir ganz persönlich mit auf den Weg gegeben hat, es waren so viele kluge Gedanken und Ratschläge.

Güte, Liebe, Mitgefühl, Sanftheit sind keine Dinge für Weicheier. Sie sind Dinge, nach denen die Welt sich letztlich sehnt.“

Er bedankte sich am Ende des Fluges, segnete mich zum Abschied und sagte mir dann, ich wäre wirklich eine „extraordinary soul“… eine außergewöhnliche Seele. Bis heute, eines der schönsten Komplimente, das mir je ein Mann gemacht hat ❤

 

hexe

Kurzgeschichten, Seelenmarzipan

Walpurgisnacht …der Zauber des Loslassens

Jeder feiert die Nacht auf den 1. Mai anders. Manche sehen es einfach als schöne Gelegenheit, einmal wieder zu tanzen, manche freuen sich nur auf den freien Tag und eine Wanderung und für einige ist diese Nacht magisch und sie feiern die Nacht des Sommeranfangs mit einer  Zeremonie.

Man ehrt die Natur, zelebriert die Fruchtbarkeit allen Seins und bittet um Schutz für das neue Jahr. Das keltische Jahr wird in die helle und in die dunkle Jahreshälfte unterteilt. Samhain läutet die Winterzeit ein, während Beltane den Beginn des Sommers markiert.  Und wenn schon gerade eine extra Portion Magie in der Luft liegt, kann man sie praktischerweise auch noch für andere Dinge nutzen. Ich wollte in diesem Jahr gerne den Zauber des Loslassens zur Anwendung bringen…

Loslassen ist die Meisterdisziplin aller Hexen, denn nichts ist schwerer als… wenn man zwar könnte...Hexen ist nichts unmöglich…aber nicht möchte…und es dann auch wirklich nicht tut….wenn man einfach loslässt. Einfach ist schwer!

Bereits vor Tagen machten wir uns auf den Weg um die nötigen Zutaten für  das Ritual zu besorgen. Mittlerweile habe ich die Rituale meinen Kochkünsten angepasst…einfach, effektiv und idiotensicher.

Ein paar Schlüsselblumen von einem Ort des Friedens, für Ruhe im Herzen, um gute Entscheidungen des Loslassens zu treffen.

Ein paar Bärlauchblätter, für Widerstandskraft und Gesundheit, um diese Entscheidungen auch standhaft zu vertreten.

Ein paar Zweige von den küssenden Weiden, um in Liebe loszulassen

Wasser aus einer reinen Quelle, die direkt aus der Erde kommt, für reine und ehrliche Absichten, die aus der tiefsten, eigenen Quelle der Seele entspringen.

Die küssenden Weiden waren leicht zu finden, sie stehen jedes Jahr brav am gleichen Ort, den ich natürlich nicht verrate, genau wie das Bärlauchfeld, aus dem wir großzügig ernteten. Neben dem Zauber sollte auch noch ein leckeres Pesto dabei herausspringen. Meine Handtasche stinkt heute noch. Note to myself: Das nächste mal eine Papiertüte mitbringen oder die Rezeptur ändern. Maiglöckchen wären auch nett.

IMG-20190420-WA0008.jpg

Auch das Quellwasser sprudelte reichlich aus der kleinen Quelle, in der Nähe von Kloster Banz. Wir stiegen über die glitschigen Steine hinunter und füllten die Fläschchen ab und machten uns dann auf den Weg, um Schlüsselblumen von einem Ort des Friedens zu pflücken.

20190420_183802.jpg

Besagter Ort heißt übrigens wirklich „Ort des Friedens“ im Volksmund. Dieser Name ist für den alten jüdischen Friedhof überliefert, der seit dem Jahr 1620 den ewigen Schlaf seiner Bewohner hütet, etwa 2000 waren es, über die Jahrhunderte und viele der alten Grabsteine sind auch heute noch gut erhalten, jeder für sich ein Kunstwerk. Ich liebe diesen Ort, an dem schon seit langer Zeit keine Begräbnisse mehr stattfinden. Er wird sorgsam gepflegt und ist von einer Mauer geschützt.

20190420_155005.jpg

Der  jüdische Friedhof hat wie durch ein Wunder die Nazizeit überstanden, er sollte mehrfach „geschleift“ werden aber immer passierte etwas, das seinen Fortbestand sicherte. Eine fast magische Kette von glücklichen „Zufällen“, bewahrte ihn vor der Zerstörung. Die ewige Ruhe und der Frieden an diesem malerischen Ort, mitten im Grünen, wurde ironischerweise dann erst in den 70er Jahren gestört, als eine Schändung des Friedhofs in der Nacht zum 24. Februar 1973 stattfand.

Mehr als 600 Grabsteine waren umgeworfen und teilweise zerstört worden.  Die Schlagzeilen überschlugen sich in der Weltpresse und neben rechtsextremen Tatmotiven wurde auch ein Racheakt an den Israelis, für den  Abschuss einer libyschen Verkehrsmaschine in Betracht gezogen.  Die Täter waren jedoch weder Nazis noch Terroristen sondern Idioten aus der Umgebung, junge Männer, die volltrunken nach einer Faschingsparty ihr Unwesen trieben. In Zusammenarbeit mit dem Israelitischen Landesverband wurde der Friedhof durch die Stadt Burgkunstadt wieder hergerichtet. 

Heute erinnert nichts mehr an diesen Vorfall, nur das verschlossene Tor und die hohe Mauer um den Friedhof …und hinter der hohen Mauer, blühen um diese Jahreszeit im strahlenden Sonnenlicht, unzählige Schlüsselblumen zwischen den Gräbern und auf der kleinen Wiese, wo einst die Grabsteine standen. Ein Sinnbild des Friedens und der Ruhe.

20190420_155154.jpg

 

Das war dann der sportliche Teil und der kleine Nervenkitzel unseres Ausfluges. Ich segnete zum Abschied die Bewohner des verlassenen Friedhofes, während ich mich mühsam zurück über die Mauer hievte.

Was für ein Glück, dass dieser Ort des Friedens vor der Zerstörung bewahrt wurde! Er hat seine ganz eigene, sanfte Magie.

Auf der Heimfahrt schnupperte ich immer wieder an den duftenden Blüten der Schlüsselblumen, nicht zuletzt, um den Geruch des Bärlauchs aus der Nase zu bekommen. Aber wir hatten alle Zutaten gefunden und als erfreulichen Nebeneffekt auch noch einen wunderschönen Tag verbracht.

20190420_171252.jpg

Bärlauch, Schlüsselblumen und Weidenzweige müssen jetzt nur noch im Licht des Vollmondes trocknen… und werden in der Walpurgisnacht, Punkt 24.00 Uhr, in einer Schale entzündet. Die letzte Glut dann mit dem Quellwasser löschen und anschließend den Aschenbrei Mutter Erde opfern. Während man das tut, sollte man sich überlegen, wen oder was man gerne loslassen möchte…und warum 🙂

Falls mein Zauber auch in diesem Jahr nicht funktionieren sollte, …Loslassen ist schwer, so schwer… dann hatte ich zumindest Spass…den Bärlauch lassen wir einmal außen vor 🙂

Happy Beltane, liebe Schwestern ❤

20190420_163557.jpg

 

 

 

Kurzgeschichten

Heimat. Ich liebe sie…und das ist gut so!

Es war irgendwann, Ende der 80er Jahre, des letzten Jahrhunderts des letzten Jahrtausends, wir waren auf dem Rückflug von Tel Aviv nach Frankfurt.
Ich bereitete mit meinen Kolleginnen die Kabine für die Landung vor und ein Gast hatte noch nicht für seinen Rotwein bezahlt. Freundlich erinnerte ich ihn daran und bat ihn um den ausstehenden Betrag. Der ältere Herr sah mich abschätzig an, während ich mit gezückter Börse auf eine Reaktion wartete. Nach einer Weile sagte er schließlich auf Französisch:

„Ich werde nicht bezahlen, sie schulden mir und meinem Volk so viel mehr!“

Seine Worte kamen völlig unerwartet und machten mich sehr betroffen. Das dritte Reich und seine grauenhaften Verbrechen war seit jeher ein Thema, mit dem ich mich ausgiebig befasst hatte. Er musste mir nichts weiter erklären. Offensichtlich hatte er es auch nicht vor. Er widmete sich wieder seiner Zeitung, als wäre ich nicht vorhanden.

„Ich weiß nicht, wie mein Arbeitgeber dazu steht, aber es wäre mir eine Ehre, wenn ich sie zu diesem Wein einladen dürfte“. Ich hatte leise gesprochen, damit die anderen Passagiere es nicht mitbekommen und deutsch, denn ich war mir sicher, er hatte zu dieser Sprache familiären Bezug. Er hatte meine Antwort gehört und offensichtlich auch verstanden. Sein Lächeln, als er eilig in seiner Brieftasche nach dem Betrag suchte, ist mir noch heute gut im Gedächtnis. Ich glaube, er wusste, dass mir ernst war, mit meinen Worten und ich wusste, dass er Recht hatte, mit seinen.

Ein paar Wochen später wurde ich in Amman mit Steinen beworfen, weil ich mich, naiv und unwissend, aus dem geschützten Hotel, für einen ersten Erkundungsspaziergang bewegt hatte, ohne vorher die Landesgepflogenheiten zu studieren.

Lange Jeans, Trekking Schuhe, Sweatshirt und Sonnenhut waren bei 40 Grad im Schatten damals in Jordanien eindeutig zu freizügig. Ich hatte das sittliche Empfinden der Menschen dort verletzt, ohne es zu wollen. Auch diese Episode hat sich eingebrannt, als die schweren Pflastersteine völlig unerwartet und beängstigend dicht, neben mir aufschlugen. Die wütenden Beschimpfungen der in schwarze, bodenlange Gewänder eingehüllten, älteren Frauen, die zum Glück nicht genügend Kraft hatten, mich richtig zu treffen, die konnte ich erst später deuten. Ich wusste absolut nicht, was sie von mir wollten. Verstört flüchtete ich wieder zurück in die Scheinwelt meines Luxushotels und musste mangels Internet (prä-handyianische Ära ) warten, bis mir ein älteres Crewmitglied erklärte, warum mir passiert ist, was mir passiert ist und warum es völlig normal war. Andere Länder, andere Sitten und wer diese Länder bereist, muss sich anpassen, wenn er Ärger vermeiden möchte. As simple as that . 1981 war mir das noch nicht ganz so geläufig… aber ich lernte schnell…manchmal auch auf die harte Tour.

Ich liebte Indien und nutzte die Aufenthalte regelmäßig, um mit dem Taxi bestimmte karitative Einrichtungen zu besuchen oder um einfach auf bequeme Art, möglichst viel von der Umgebung zu sehen. Ich war mir auch damals nicht sicher, ob es eine gute Idee war, diese Ausflüge allein zu unternehmen, aber da nicht immer jemand Lust hatte, zwischen weinenden Babies und Kleinkindern den Tag zu verbringen, blieb mir keine andere Wahl. Einmal ging es gründlich schief. Der Taxifahrer in Neu Delhi, wählte nicht den direkten Weg zu dem Waisenhaus, für das ich Kinderbekleidung mitgebracht hatte, sondern fuhr zügig Richtung Stadtgrenze und hielt bei einem verlassenen Fabrikgelände an. Er drehte sich vom Fahrersitz zu mir um und sagte. „We fuck now!“
Mir war übel vor Angst, ich scannte die Umgebung, rechnete mir die Chancen aus, schneller auf andere Menschen zu treffen, als er mich einholen würde und setzte dann auf Überzeugungskraft. Er sprach Englisch und ich konnte ihn davon überzeugen, dass er es bitter bereuen würde, wenn er mich nicht sofort dort ablieferte, wo ich hin wollte. Keine Ahnung, ob ich heute noch die Nerven dazu hätte, aber ich kam wohlbehalten im Waisenhaus an.
Es gab wunderschöne aber auch gruselige Erlebnisse, in der Zeit, als ich mir vorgenommen hatte, einmal rund um die ganze Welt zu reisen, Länder und Leute und ihre Sitten zu studieren, wobei die wunderschönen, berührenden und positiven Begegnungen immer und überall den Löwenanteil ausmachten.

Ich begann diese Reise völlig unvoreingenommen, naiv und mit einem so überaus positiven Menschenbild, das heute so manchen selbsternannten Political- Correctness- Heiligen, vor Neid erblassen ließ.

Zwölf Jahre später hatte ich mein Vorhaben ziemlich konsequent umgesetzt. Ich fand in jedem Land und in jeder Kultur gute Freunde, aber ich erkannte mit der Zeit auch, dass manche Dinge die mir nicht gefallen, in manchen Gegenden häufiger vorkommen als in anderen, oder sogar dort zur Tradition gehören. Oftmals hatten sie mit Religion zu tun.

Leider kann ich über all das nicht mehr offen berichten, ohne mich dabei in Teufels Küche zu schreiben.

Würde ich heute ehrlich schreiben, was ich in den jeweiligen Ländern damals lernte, beobachtete und dachte, wäre ich mit Sicherheit in großen Schwierigkeiten. Ich müsste jedes Wort, jeden Satz gründlich überlegen und political correct zensieren, auch wenn das Erlebte noch so wahr ist auch wenn meine Schlussfolgerungen noch so nachvollziehbar sind. Besonders meine Erfahrungen als Frau in Ländern, deren Gesellschaft von Religion dominiert war und daher immer mit strengen patriarchalischen Strukturen einher ging, die waren nicht immer schön, dafür sehr lehrreich.

Vor 20 Jahren hätte ich einfach aufgeschrieben, was ich erlebt und wahrgenommen habe und meine Gedanken dazu. Aber das darf ich nicht mehr. Die Political Correctness, die neuen, ungeschriebenen aber durchaus vorhandenen Zensur Gesetze, die sich beständig verschärfen, hindern mich daran.

Auch über mein eigenes Land darf ich nicht mehr schreiben, was ich gerne möchte.
Noch vor wenigen Jahren wäre niemals jemand auf die wahnwitzige Idee gekommen, mich als Rassist oder Nationalist zu diskreditieren, nur weil ich schreibe, wie sehr ich mein Land mag, die Bräuche, die Traditionen und dass ich sie ungern aufgeben würde, ja sogar bewahren, …notfalls verteidigen möchte.
Heute kann mir das durchaus passieren und daher schreibe ich es nicht mehr. Allerdings muss ich gestehen: Ich denke es noch.
Ich liebe mein Land, meine Heimat und sehe keinen Grund, mich dafür zu schämen.
Immer wenn ich meinen Freunden rund um die Welt vorschwärme, warum ich meine Heimat Bayern so liebe, dann fallen auch die Worte: Freiheit, Gemeinschaft, Werte, Tradition und Sicherheit… Heimat eben.
Ein wunderschönes Wort, mit positiver Bedeutung, das nicht abgrenzt sondern vereint!

Es ist nicht meine Schuld, dass  manche ein Problem mit dem Wort „Heimat haben“. Es ist ihr Problem, nicht meines!

Und was die Reiseberichte angeht…die erzähle ich irgendwann einmal, meinen Enkelkindern unter vier Augen. Für sie bewahre ich auch die wunderschönen Kinderbücher-Klassiker im Original auf, die mittlerweile alle umgeschrieben wurden. Man übermalt kein Kunstwerk, weil es nicht mehr zeitgemäß erscheint und man schreibt auch keine Bücher um, das tun einzig Diktaturen! Aber,… Pssst ❤

20190311_013048.jpg
Das letzte Bild, ehe ich die Uniform für immer auszog …weil ich HEIMWEH nach der HEIMAT hatte ❤
Kurzgeschichten, Seelenmarzipan, Tierschutz

Das Rosa Tütchen … Seelenmarzipan, von dem man öfter naschen sollte <3

Das Rosa Tütchen …

Als ich eines Tages, wie so oft, traurig, durch den Park schlenderte und mich auf einer Parkbank niederließ, um über alles nachzudenken, was in meinem Leben schief läuft, setzte sich ein kleines Mädchen zu mir.
Sie spürte meine Stimmung und fragte: „Warum bist Du traurig?“

„Ach“ sagte ich, „ich habe keine Freude im Leben. Alle sind gegen mich. Alles läuft schief. Ich habe kein Glück und ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.“

„Hmmm“ meinte das Mädchen. „Wo hast Du denn Dein rosa Tütchen? Zeig es mir mal. Ich möchte gern hinein schauen.“

„Was für ein rosa Tütchen?“ fragte ich verwundert. „Ich habe nur ein schwarzes Tütchen.“

Wortlos reichte ich es ihr. Vorsichtig öffnete sie mit ihren zarten kleinen Fingern den Verschluss und sah in mein schwarzes Tütchen hinein. Ich bemerkte, wie sie erschrak. „Es ist ja ein Albtraum, voller Unglück und voller schlimmer Erlebnisse!“

„Was soll ich machen? Es ist leider so. Daran kann ich kaum etwas ändern.“

„Hier nimm!“ sagte das Mädchen und reichte mir ein rosa Tütchen. „Sieh hinein!“

Mit zittrigen Händen öffnete ich das rosa Tütchen und konnte sehen, dass es angefüllt war mit Erinnerungen an schöne Momente des Lebens. Und das, obwohl das Mädchen noch jung an Menschenjahren war.

„Wo ist Dein schwarzes Tütchen?“ fragte ich neugierig.

„Das werfe ich jede Woche in den Müll und kümmere mich nicht weiter drum!“ sagte sie.

„Für mich besteht der Sinn des Lebens darin, mein rosa Tütchen im Laufe des Lebens voll zu bekommen. Da stopfe ich soviel wie möglich hinein. Und immer, wenn ich Lust dazu habe oder wenn ich traurig bin, dann öffne ich mein rosa Tütchen und schaue hinein. Dann geht es mir sofort wieder besser.

Wenn ich einmal alt bin und mein Ende naht, dann habe ich immer noch mein rosa Tütchen. Es wird voll sein bis obenhin und ich kann sagen,  „ja, ich hatte etwas vom Leben. Mein Leben hatte einen Sinn!“

Noch während ich verwundert über ihre Worte nachdachte, gab sie mir einen Kuss auf die Wange und war verschwunden.

Neben mir auf der Bank lag ein rosa Tütchen. Ich öffnete es zaghaft und warf einen Blick hinein. Es war fast leer, bis auf einen kleinen zärtlichen Kuss, den ich von einem kleinen Mädchen auf einer Parkbank erhalten hatte. Bei dem Gedanken daran musste ich lächeln und mir wurde warm ums Herz.

Glücklich machte ich mich auf den Heimweg,  und vergaß nicht, gleich am nächsten Papierkorb, mein schwarzes Tütchen zu entsorgen.

Also, denkt immer an das rosa Tütchen … und daran, das Schwarze regelmäßig zu entsorgen ❤

Ich wünsche uns allen ein gut gefülltes rosa Tütchen. 🛍

 

tüte(Verfasser leider unbekannt)

Kurzgeschichten, Lifestyle, Seelenmarzipan

Der Friedhof der wertlosen Träume

Meine Leidenschaft für Vintage, für Kostbarkeiten aus vergangenen Dekaden, führt mich immer wieder an interessante Orte. Das kann ein verlassener Friedhof sein, dessen Grabsteine spannende Geschichten erzählen, Trödelmärkte oder Second Hand Boutiquen. Heute war ich an einem Ort, den ich trotz aller Schätze, die dort in den Regalen standen, trauriger und bedrückender empfand, als jeden Friedhof, den ich bisher besuchte. Es war der Gebrauchtwarenmarkt der Diakonie, wo in erster Linie die Erben den Hausrat ihrer Eltern und Großeltern entsorgen, eine Fundgrube für schönes Geschirr, alte Schränke, Vasen, Bilder  … alles was das Herz eines Vintage Freaks  begehrt und was heute gar nicht mehr hergestellt wird.

Blog55

Neben jeder Menge billigem Tand und Scheusslichkeiten, der Stilrichtung „Gelsenkirchener Barock“ sah ich auch kostbare Kristallgläser, mit handgemaltem Goldrand, Teeservice aus feinstem China Porzellan oder kunstvoll gefertigte Vitrinen aus der Gründerzeit, die in billigen Regalen oder achtlos auf dem nackten Betonboden aufgereiht standen und zum Spottpreis verscherbelt wurden.

Unvermittelt musste ich an meine Großmutter denken, wie sie zu feierlichen Anlässen die „feinen“ Gläser aus der Vitrine nahm und mit Argusaugen darüber wachte, dass kein Rand, kein Tropfen Flüssigkeit auf ihren auf Hochglanz polierten Wohnzimmertisch kam. So wie sie müssen wohl auch die ehemaligen Besitzer über ihre Schätze gewacht haben, die teilweise wie neu aussahen, obwohl sie viele Jahrzehnte auf dem Buckel hatten. Jedes dieser Teile war einmal sehr kostbar für jemanden gewesen, vielleicht musste er lange darauf sparen, vielleicht waren es wertvolle Erinnerungen, wie die Silberpokale und Bierkrüge mit Widmung, die es in dieser Lagerhalle dutzendweise und fast geschenkt zu kaufen gab.

Blog33

Ich fragte mich, wie die ehemaligen Besitzer sich wohl fühlen würden, wenn sie sehen könnten, wie ihr behütetes Klavier zwischen billigen Pappbildern und vergilbten Stofflampen feil geboten wird, wie jetzt  ihre mit viel Liebe zusammengetragenen Sammeltassen zu Pfennigspreisen den Besitzer wechseln und an ihrer Prachtvitrine die Türe aus den Angeln hängt, weil jemand unachtsam damit umging, während sie in die Lagerhalle transportiert wurde.

Ob sie all die wunderschönen Dinge vielleicht öfter benutzt hätten? Ob sie vielleicht nicht lieber bereits zu Lebzeiten einen guten Verkauf arrangiert hätten und das Geld dann gespendet? Ob sie sich ärgern, dass sie sich über jeden Fleck und jeden Kratzer unnötig aufgeregt haben?  Ich weiss es nicht aber ich konnte die Atmosphäre des Bedauerns fast sichtbar zwischen den alten Möbeln und Gläsern wabern sehen, die Gegenstände erzählten mir ihre Geschichten, während ich von Regal zu Regal schlenderte und überlegte, wen ich „retten“ könnte, wer zu mir passt und noch einmal sein großes Comeback als wertgeschätzter und oft benutzter Gegenstand feiern sollte.

Blog44

Ich entschied mich heute für eine Lampe aus Gusseisen und ziseliertem Glas. Sie sah so aus, als wäre sie einst in einem Wohnzimmer zuhause gewesen, wo jemand Freude an verspielten Details und Qualität hatte. Das Eisen war auf Hochglanz poliert. selbst die Schrauben waren sorgsam gefertigt und die  Glasschirmchen versprachen angenehmes Licht. Sie kostete trotzdem kaum mehr als die dazu passenden Glühbirnen oder ein Plastikteil aus Fernost. Der Wert vieler Dinge ist sehr relativ, heutzutage ganz besonders…

Fast schon am Ausgang fiel mein Blick auf einen Karton mit Kakteen, viele Kakteen. Sie waren mir bereits vorher aufgefallen. Irgendjemand musste sie einmal liebevoll gesammelt und gepflegt haben. Jetzt standen sie viel zu eng aneinander gereiht in einem Pappkarton auf dem Fussboden und überall in der Lagerhalle verteilt, in der eisigen Zugluft und warteten darauf, zu verdorren oder vielleicht doch … mitgenommen zu werden.

Eigentlich mag ich keine Kakteen, mein rechter Mittelfinger ist jetzt noch geschwollen, von der letzten Umtopfaktion mit einem besonders widerspenstigen Exemplar, voller scharfer Stacheln  … aber sie gingen mir nicht aus dem Kopf. Sie waren einst einmal sicher sehr wertvoll für jemanden … der Traum einer eigenen kleinen Kakteen Sammlung, die hübsch aufgereiht auf der Fensterbank steht, die Töpfchen liebevoll mit Ziersteinen bestückt…und von einem Tag auf den anderen, mehr oder weniger Abfall…

Blogg11neu

Ich glaube, morgen werde ich nachsehen, ob die Pflanzen noch dort stehen…

Katze, Kurzgeschichten, Seelenmarzipan, Tierschutz

Ein Winzling namens FAITH…weil wir einfach glauben müssen!

Gestern schrieb mir Rena. Es war eines der regelmäßigen Updates. Was gerade passiert, was alles erledigt werden muss und wer Neuzugang ist und natürlich auch ein bisschen privater Austausch. Jeden Tag kommen diese Nachrichten von vielen Stellen und sie senden mir dann meist auch Bilder mit. Manche dieser Bilder mag ich gar nicht ansehen.
Die toten Kätzchen in Eimern, Mülltüten, am Straßenrand oder in grauenhaftem Zustand, wenn man sie noch lebend auffindet…sie schneiden mir am meisten ins Herz.
Keine Ahnung warum…vielleicht weil diese Kätzchen für mich die Verkörperung der Unschuld und Wehrlosigkeit sind und der Gedanke daran, was wir ihnen antun ist unerträglich.
Ich scrollte die mitgesendeten Bilder schnell weiter.  Am besten gar nicht hinsehen. Es reicht, die Zusammenhänge zu überfliegen, denn ich weiss, das unser Team aufgreifen wird, ich muss mich nicht zwingend kümmern und überhaupt…mein Herz hatte eine Überdosis Leid die letzten Jahre. Nicht alles meine Baustelle. Es gab verschiedene Gründe, warum ich die Eingangstüre zum Wohnbereich meines Herzens erst einmal verriegelt hatte. Auch und besonders für Notfälle. 

Dann sah ich doch genauer hin, was Rena mir geschickt hatte. Ein Kätzchen aus dem Müll, das sie gefunden und an Martha weiter gegeben hat, zur Intensiv Pflege. Die Chancen sind denkbar gering. Es war nicht nur in eine Plastiktüte gestopft sondern auch noch mit einer roten, klebrigen Flüssigkeit getränkt worden. Das macht man oft, damit das Kätzchen schneller auskühlt und stirbt. Jetzt war dieses Würmchen also bei Martha in Obhut, deren Seele ungefähr genauso dünnhäutig ist , wie meine. Eigentlich sollte man uns den Umgang mit leidenden Tieren verbieten…

Oh ich wusste sofort, wie es Martha gerade gehen mag.
Sparkle und die emotionale Achterbahnfahrt, die für uns in einem Voll-crash endetet (der vorhersehbar war…aber wir wollten es einfach nicht wahrhaben) …all das war sofort wieder ganz nah. Wie sehr hatten wir gehofft, sie bringt ihn durch. Ich überlegte, ob ich Martha schreiben sollte, tat es dann aber doch nicht.

Sie würde sich melden, wenn es etwas zu erzählen gab…von bangen Stunden und langen Nächten ohne Schlaf…von der Angst, wenn die Atemzüge langsamer werden, oder aussetzen…von der akribischen Beobachtung wie viele Tröpfchen Milch getrunken wurden…von überflutender Liebe und Zärtlichkeit für ein so kleines Wesen und von Trauer…weil man genau weiss, wie gering die Chancen sind und dass gerade Unzählige in Müllcontainern, Plastiktüten und in Wassereimern ihr kleines Leben aushauchen. So ist das nun einmal und wenn kein Wunder passiert, wird es wohl noch sehr lange so sein.

Heute Morgen kam eine Nachricht von ihr.  Offensichtlich hatten wir wieder einmal die gleichen Gedanken. Manchmal benötigt man keinen Messenger, um sich zu verständigen.

„Ich weiss dass du dich das gerade fragst…aber das Kleine lebt noch.“

„Bitte schreib mir, was passiert. Ich würde gerne daran teilhaben…, schreib ein Tagebuch. Ich wäre glücklich, es übersetzen zu dürfen“ antwortete  ich ihr, entgegen aller guten Vorsätze …und  plötzlich war sie wieder einen Spalt offen, die Türe in mein Herz, die eigentlich zu bleiben sollte.

Hier ist Marthas berührendes Tagebuch:

TAG EINS

Wie lange dauert ein Moment? Eine Minute, eine Stunde, einen Tag? Er dauert eine Ewigkeit, denn dein „Für immer“ ist in meinem Herzen verankert und nicht in Zeit zu messen. Eine Ewigkeit…so lange du Liebe teilen kannst, es ist pure Liebe, wie purer Vodka, ohne Eis…

Rena fand dich im Abfall und von dort habe ich dich sofort mitten in mein Herz gesetzt, auch räumlich, unter mein T-Shirt, an meine Brust, auf der linken Seite und mit dir auch all deine Flöhe und noch irgendeine klebrige Flüssigkeit aus dem Müllcontainer. Ich fragte dich, ob du gerne bleiben würdest und du hast mir geantwortet, indem du um dein kleines Leben kämpfst, das tust du nach wie vor und dieser tiefe, viel zu tiefe Schlaf scheint deine Seele zu verlocken, für immer darin zu verweilen.

Also habe ich dir versichert, es wäre OK, zu gehen, wenn du das möchtest. Du du hast meine Frage damit beantwortet, indem du auf meine Hand gekrabbelt bist, in die du perfekt hinein gepasst hast und dort bist du geblieben.

Also habe ich dich zurück in mein Herz gesetzt, im übertragenen Sinne aber auch wörtlich und dann haben wir gemeinsam einen langen Spaziergang gemacht. Ich habe versucht, dich gut unter meinem T-Shirt zu verstecken, damit die Leute nicht zurück schrecken und uns mit Fragen aufhalten. Weisst du, die meisten fürchten den Tod, als wäre er etwas ansteckendes ( als würden wir am Ende nicht alle einmal sterben) …

TAG ZWEI

Du bist immer noch da. Ich spüre, wie du dich bewegst. Und wenn du es einmal nicht tust, dann ist meine Trauer so heftig, dass ich gar nichts mehr fühle. Und wenn ich dann doch wieder etwas von dir bemerke, dann bin ich die glücklichste Person der Welt…zumindest für einen Augenblick. Für diesen Augenblick. Denn dieser Augenblick ist unser „FÜR IMMER“…und jeder Moment, den wir teilen, wird das auch sein…Ich werde da sein, ganz gleich, was passiert, so wie ich es dir versprochen habe und ich weiß, du bist 70 Prozent Seele und 30 Prozent Fleisch…trotzdem hörte ich mich gestern sagen „Sparkle..Bist du das? Hast du mir Faith geschickt. Kann er diesmal bitte bleiben? Bitte!!!! Und mir war so, als hätte ich gehört, wie er JA sagte…

 

Es ist drei Uhr morgens und ich musste dich in dein Bettchen legen, nur für ein paar kurze Stunden, denn ich musst einfach ein wenig schlafen und ich hatte Angst, dich zu zerquetschen, wenn du weiter an meiner Brust liegen würdest. 
Also legte ich dich direkt neben mir ab und machte ein Nickerchen auf der Couch.
10 Minuten später hast du angefangen zu weinen, und die Tonlage deines Stimmchens verriet mir, dass etwas fürchterlich falsch ist.
Ich griff nach dir, du warst heiss und konntest kaum atmen.
Ich konnte auch kaum atmen, vor Sorge.
Schnell setzte ich dich zurück an den Ort, wo du mein Herz spüren konntest und schlagen hören…und ich deines.
Ich war sicher, dass ich auch dich verlieren würde…auf eine Weise, die mittlerweile vertraut war. Und ich versicherte dir, dass es OK ist, wenn du es nicht mehr aushälst und gehen möchtest.

Aber du bist nicht gegangen. Du folgtest dem Rhythmus meines Herzens und nach ein, zwei Fehlversuchen, hast du wieder regelmäßig geatmet.
Auch am Morgen warst du noch da. Viel zu heiss, krank und schwer atmend…aber lebendig…immer noch verbunden mit dieser Welt und mit meinen Herzen.

EIN PAAR TAGE SPÄTER
HEUTE 21-08-2018

Willenskraft Level 0 . Ich musste dich immer dazu zwingen, jede Stunde 1ml Milch zu trinken, damit du am Leben bleibst.

Willenskraft Level 2
Heute hast du damit begonnen, von allein zu trinken und du hast fast das ganze Fläschchen geschafft!!!
So begann dieser wunderbare Tag um 5 Uhr Morgens und seitdem hat mein Herz Party .
Ich feiere auch die Kratzer, die du mir verpasst hast, als du fandest, mein T-shirt wäre nicht länger groß genug für dich und du wolltest die Welt erkunden (zumindest meine Nase, meine Augen, meine Ohren und hoffentlich auch bald den Rest von mir)…denn jetzt hast du die Energie, das auch zu tun.

Du bist nach wie vor krank und extrem winzig, aber du schläfst jetzt weniger, sogar dein Schreien klingt jetzt anders. Es klingt eher verwöhnt als krank.
Es ist mir gelungen, deine erste Flaschen Mahlzeit zu filmen. Ich schau es mir immer und immer wieder an, du bist so friedlich und ruhig. Ich denke, das was dir erst vor einer Woche in der Tüte, übergossen mit Flüssigkeit und entsorgt in einem Abfallcontainer angetan wurde, ist für immer aus deinem Gedächtnis verschwunden.
Ich denke, du hast den Menschen inzwischen vergeben…und ich denke auch, wenn irgendwo tatsächlich ein Gott existiert…dann vor allem in den Seelen der Tiere. Vergebung ist Gottes Atem in ihren Herzen und heute war ich gesegnet, das in dir zu spüren, mein kleiner Faith (Glaube) .

 

 

Mein Baby Junge Faith…unser letzter Tagebuch Eintrag fühlte sich so komisch an.

Obwohl du mir einen Tag voller Hoffnung geschenkt hattest…in der Minute in der ich fertig geschrieben hatte und abgesendet, machte eine bedrückende Vorahnung mich schier wahnsinnig.
Angst lähmte meine Glieder wenn ich an den bevorstehenden Tag dachte. Ich dachte kurz daran, auch das mit Bettina zu teilen, sie findet immer einen Weg um meine Ängste etwas leichter zu machen. Aber dann beschloss ich, ich sollte ihr eine Pause geben anstatt die Freude über die letzten guten Nachrichten mit meinen Ängsten zu überschatten. Ich dachte, jetzt verliere ich langsam den Verstand…mit so unsinnigen Ängsten.

Aber leider zeigte der nächste Tag, dass sie nicht unbegründet waren.
Gestern bist du also aufgewacht, jedes Lebensfünkchen sickerte aus dir, und du hast über Nacht das Leben in dir genauso entsorgt, wie man dich vor einer Woche im Müll entsorgt hatte. Wieder glaubte ich…dies ist das Ende.
Ich entschied, dich nicht zum Tierarzt zu bringen, da ich nur zu gut wusste, dass du viel zu winzig für alle Behandlungsoptionen bist …
stattdessen nahm ich dich mit ans Meer. Jetzt war es deine Entscheidung.

Aber ich denke, es hat dir dort gut gefallen. Wahrscheinlich hast du deshalb deine Meinung geändert und beschlossen, nicht zu gehen, vielleicht noch nicht. Wer weiss…
Heute war also ein besserer Tag für dich und deshalb war heute auch ein besserer Tag für mich. Aber niemand weiss, was der morgige Tag bringen wird.
Was auch immer es sein wird…ich werde bei dir sein, mein Baby Junge …

(Big hug Martha for these touching and beautiful words of love …and kisses to our little „aura diver“ Faith 

Fortsetzung folgt…